Kinderporno-Verdachtsfall Opfervertreter fordert Schließung der Odenwaldschule

Vor vier Jahren wurde der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule bekannt, nun steht ein dortiger Lehrer unter Verdacht des Besitzes von Kinderpornografie. Der Vorsitzende des Opfervereins fordert eine drastische Maßnahme: die Schließung der Privatschule.
Odenwaldschule in Hessen: "Da helfen keine Selbstverpflichtungen"

Odenwaldschule in Hessen: "Da helfen keine Selbstverpflichtungen"

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Hamburg/Heppenheim - "Wir sind nicht überrascht. Ganz im Gegenteil." So kommentiert der Opferverein "Glasbrechen" den Verdacht gegen einen Lehrer der Odenwaldschule, Kinderpornografie besessen zu haben. In einer Stellungnahme fordert der Vorsitzende des Vereins, der die Opfer des jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs an der hessischen Privatschule vertritt, nun einen radikalen Schritt: die pädagogische Einrichtung zu schließen.

"Inzwischen neige ich persönlich allerdings der Forderung zu, die Schule mit den ihr offenbar immanenten Problemen zu schließen", sagt der "Glasbrechen"-Vorsitzende Adrian Koerfer. Damit betont Koerfer, dass es sich um seine persönliche Meinung handelt. Der Verein an sich, auch das geht aus der Stellungnahme hervor, fordert wie bislang lediglich die "Auflösung der sogenannten Familiensituation an der Schule": In dem Internat leben die Schüler in familienähnlichen, sechs- bis zehnköpfigen Wohngruppen.

Wie an diesem Samstag bekannt wurde, war bereits zehn Tage zuvor die Wohnung des verdächtigen Lehrers in dem hessischen Internat von der Polizei durchsucht worden. Dabei hätten die Ermittler Dateien und persönliches Material sichergestellt, teilte eine Sprecherin der Schule mit. Dem Lehrer sei fristlos gekündigt und ein Hausverbot erteilt worden. Die Präventionsbeauftragte der Odenwaldschule, Regina Bappert, sagte SPIEGEL ONLINE, es gebe keine Hinweise, dass Kinder der Schule zu Schaden gekommen seien.

"Aufhören mit dem Getue, die sicherste Schule zu sein"

Zudem betont die Schule in einer Pressemitteilung, dass nach den vor vier Jahren bekannt gewordenen massiven Missbrauchsfällen "Sicherungsmaßnahmen intensiviert" worden seien. Dazu gehöre etwa auch die sogenannte doppelte Familienführung. Durch diese soll vermieden werden, dass Lehrkräfte allein für die Betreuung der Schüler zuständig sind. Das sei auch in dem konkreten Fall so gewesen.

Dieser Haltung widerspricht "Glasbrechen" nun vehement. "Was uns allerdings ganz besonders ärgert: Die Odenwaldschule soll endlich aufhören mit dem Getue, die 'sicherste Schule Deutschlands' zu sein", teilt der Verein mit. Offenbar ziehe die Schule nach wie vor Päderasten an wie das Licht die Motten, heißt es in der Stellungnahme weiter.

Selbstverständlich handele es sich zwar um ein gesamtgesellschaftliches Problem, aber potentielle Täter suchten sich ebenso selbstverständlich ihre Schlupflöcher.

Damit spielt der Verein auf den Umstand an, dass der nun verdächtige Lehrer erst seit August 2011 an der Odenwaldschule unterrichtete - also rund eineinhalb Jahre nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle. Der Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie betreute der Schule zufolge auch eine Wohngruppe, habe aber mit den Internatsschülern nicht in einer Wohnung gewohnt.

Wut über späten Gang an die Öffentlichkeit

"Glasbrechen"-Vorsitzender Koerfer reagiert scharf. Es erscheine sinnvoll, wenn die Schule keine neuen Schüler mehr aufnehme. Er appelliere zudem persönlich an die Jugendämter des Landes Hessen, keine neuen Schutzbefohlenen mehr an die Odenwaldschule zu schicken.

Der Opfervertreter stört sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zudem an zwei weiteren Details des Verdachtfalls: Erstens, dass der Hinweis auf den mutmaßlichen Besitz von Kinderpornografie offenbar nicht aus der Schule selbst, sondern von außen kam - genauer von der australischen Polizei. Laut dem "Mannheimer Morgen" soll die Internetadresse des Lehrers bei den Ermittlungen gegen einen Kinderporno-Ring dort aufgetaucht sein. Und zweitens, dass es nach der Durchsuchung der Lehrerwohnung zehn Tage gedauert habe, bis die Schule den Fall öffentlich machte.

fdi/dpa
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