Kinderschänderprozess Millionen-Entschädigung für Opfer

Es war einer der größten Missbrauchsskandale, die in Europa je bekannt geworden sind: Dutzende Kinder wurden im französischen Angers jahrelang von Eltern, Großeltern und Nachbarn missbraucht. Nun wurden den Opfern eine Entschädigung zugesprochen.


Angers - Die 45 Opfer bekommen Entschädigungszahlungen in Höhe von insgesamt 1,257 Millionen Euro. Das gab das Gericht im westfranzösischen Angers heute bekannt. Mit 100.000 Euro erhält ein Mädchen den höchsten Schadenersatz. Das Kind war nach Feststellung des Gerichtes im Alter von vier bis sechs Jahren von 19 verschiedenen Erwachsenen zumeist mehrfach vergewaltigt worden. 32 Erwachsene hatten sie unsittlich berührt, darunter die eigenen Eltern und ihre beiden Großväter.

"Sie wurde im Alter von vier Jahren zur Prostituierten gemacht und hat sehr schweren Schaden erlitten", erklärten die Richter. Ihre noch zwei Jahre jüngere Schwester erhält 70.000 Euro Entschädigung. Sie war laut Gerichtsurteil von zehn Verurteilten vergewaltigt und von 26 Verurteilten unsittlich berührt worden. "Sie wurden praktisch ihrer Kindheit beraubt", sagten die Richter. Die niedrigste Entschädigungszahlung für ein Kind liegt bei 4500 Euro.

In dem Prozess hatten neun Geschworene und drei Berufsrichter Ende Juli Haftstrafen von bis zu 28 Jahren gegen die Schlüsselfiguren der Affäre verhängt. Davon müssen die Verurteilten in der Regel auf jeden Fall mindestens zwei Drittel absitzen. Mehrere Verurteilte fechten das Urteil an. Insgesamt wurden 62 Schuldsprüche und drei Freisprüche verfügt, ein Angeklagter erhielt Strafverschonung. Die Anklage forderte insgesamt 27 Mal, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen.

Einen Tag nach der Urteilsverkündigung hatten die drei Berufsrichter in Angers Beratungen über die Höhe der Entschädigungen und das Sorgerecht für die Kinder aufgenommen. Deren Anwälte hatten gestaffelte Summen gefordert. So sollte jedes Kind 3000 Euro für das Nicht-Anzeigen sexueller Übergriffe erhalten. Der Straftatbestand des Verderbens Minderjähriger sollte mit 4500 Euro geahndet werden, für die Opfer von Zuhälterei waren 20.000 Euro angesetzt. Für Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe sollten die Zahlungen von der Zahl der erlittenen Straftaten und den Straftätern abhängig gemacht werden. Das Gericht blieb nun unter der insgesamt geforderten Summe von 2,3 Millionen Euro.



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