Kindesentführung 3096 Tage hinter einer schalldichten Tresortür

Die Eltern haben keinen Zweifel: Diese junge Frau ist ihre Tochter. Acht Jahre lang galt das Mädchen als vermisst, spurlos auf dem Weg zur Schule verschwunden. Jetzt ist klar: Natascha Kampusch verbrachte ihre Kindheit und Jugend in einem Kellerverlies.


Wien - Drei Mal vier Meter misst das Gefängnis in dem Natascha Kampusch jahrelang gefangen gehalten wurde. Das Versteck befand sich unter der Garage eines Einfamilienhauses in Strasshof: Eine steile schmale Treppe führt in einen winzigen Raum unterhalb der Garage, verschlossen ist das Verlies mit einer schalldichten Tresortür. Das Verlies habe alle nötigen Einbauten wie Toilette und Bad gehabt, "man konnte dort wohnen", sagte der Polizeisprecher.

Nataschas Entführer Wolfgang P. hatte behauptet, das Haus sei mit Sprengfallen vermint, berichtet die "Kronen Zeitung". "Wer es betritt, wird bis auf die Knochen gegrillt", lautete die Drohung des Nachrichtentechnikers. Laut ORF handelte es sich dabei allerdings um Attrappen.

Das Grundstück habe der Mann mit einem Eisentor und Videokameras hermetisch abgeriegelt, berichtet die "Kronen Zeitung" weiter. Die Nachbarn hätten das gelbe Haus im niederösterreichischen Strasshof deshalb das "Fort Knox der Heinestraße" genannt. Von dem Horror, der sich hinter den Mauern des Gebäudes abgespielt hat, hätten sie nichts mitbekommen. Der Mann sei ein unauffälliger Nachbar gewesen.

In den ersten Jahren seiner Gefangenschaft habe das Mädchen, das vor acht Jahren auf dem Weg zur Schule entführt worden war, das Haus nie verlassen dürfen, berichtet der ORF. Wolfgang P. habe das Mädchen unterrichtet. Es habe Radio hören und manchmal auch fernsehen dürfen. Im Verlies seien Kinderbücher gefunden worden.

Eltern identifizieren ihre Tochter eindeutig

Erst in jüngster Zeit habe der Entführer die junge Frau zum Einkaufen mitgenommen. Dabei sei die mittlerweile 18-Jährige aber derart eingeschüchtert gewesen, dass sie sich keinen Meter von ihm weg gewagt habe. Die Nachbarn seien davon ausgegangen, dass es sich bei ihr um die sehr junge Freundin des 44-Jährigen gehandelt habe, hieß es.

Nataschas Eltern identifizierten die junge Frau eindeutig als ihre Tochter. Die junge Frau habe an derselben Stelle eine Narbe wie das damals zehnjährige Mädchen, berichtet die österreichische Nachrichtenagentur APA. Der Vater des Mädchens zeigte sich erleichtert: "Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben."

Zudem sei in dem Haus, in dem die junge Frau gefangen gehalten wurde, Nataschas Reisepass gefunden worden. DNA-Untersuchungen sollen nun zusätzliche Klarheit bringen.

Schon in den vergangenen Tagen hatten die Ermittler ihre Fahndung verstärkt. Der zunehmende Druck dürfte dazu geführt haben, dass der Täter die Nerven verlor, sagte die Innenministerin Liese Prokop (ÖVP).

Der jungen Frau war es gestern gelungen, aus ihrem Verlies zu fliehen. Ihr Peiniger hatte offenbar vergessen, Natascha einzusperren. Eine Nachbarin entdeckte die abgemagerte und verwirrt wirkende Frau in ihrem Garten und rief daraufhin die Polizei. Mit den Worten: "Ich bin Natascha Kampusch, geboren am 17. Februar 1988", habe sie sich den Beamten vorgestellt.

Nach der Flucht seines Opfers stürzte sich sein Entführer gestern Abend im Norden Wiens vor einen Vorortzug.

Der jungen Frau gehe es den Umständen entsprechend gut. Allerdings sei sie sehr blass und leide am sogenannten Stockholm-Syndrom. Der unterbewusste psychologische Schutzmechanismus führe dazu, dass sich die Opfer mit ihren Geiselnehmern solidarisierten. Nach Angaben der Polizei befinde sie sich jetzt "an einem sicheren Ort" in der Obhut von Psychologen. Auch ihre Eltern würden psychologisch betreut.

Vor Kampusch liege ein sehr schwerer Weg zurück in die "reale Welt", zitiert der ORF einen Experten. Die Eltern und ihre Tochter müssten sich mühsam annähern. Das werde nicht einfach: "Natascha wird zwar Menschen begegnen, die ihr in der Phantasie als Eltern bekannt sind, die aber völlig entfremdet sind."

aki/dpa/reuters/AP/AFP



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