Kindesentführung in den Sudan Die Unschuld vor dem Herrn

Der strenggläubige Christ Axel H. hat seine vier Kinder nach Ägypten und in den Sudan entführt, um sie religiöser erziehen zu können. Nun entschied das Landgericht Lüneburg: Der 39-Jährige muss für eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Das eigentliche Problem der Familie löst die Strafe nicht.

Axel H. vor Gericht: Im Namen der Bibel
DPA

Axel H. vor Gericht: Im Namen der Bibel

Von , Lüneburg


Axel H. hat sein Urteil selbst gesprochen. "Ich bleibe dabei, dann schmeißen Sie mich doch ins Gefängnis", hatte er einmal im Gerichtssaal getönt und beim Prozessauftakt den Journalisten diktiert: "Sollen sie mich ins Gefängnis stecken. Ich stehe zu dem, was ich getan habe." Einsicht sieht anders aus. Nun verurteilte das Landgericht Lüneburg den vierfachen Vater zu eineinhalb Jahren Haft - ohne Bewährung.

Axel H. hatte seine Kinder nach Ägypten und in den Sudan entführt. 136 Tage lang bangte die von ihm getrennt lebende Ehefrau im niedersächsischen Hermannsburg um das Leben von Jonas, 9, Benjamin, 7, Miriam, 5, und Lisa, 4, bis Axel H. schließlich in einem Internetcafé in Kairo festgenommen wurde.

Es ist ein außergewöhnlicher Fall. Die meisten Eltern, die ihre Kinder ins Ausland entführen, bringen sie in ihr Heimatland. Doch Axel H. ist Deutscher, seine Ehefrau auch. Er brachte die beiden Jungen und Mädchen weg, um sie im christlichen Glauben nach seinen Vorstellungen erziehen zu können - ausgerechnet in muslimisch geprägten Ländern.

Der Mutter ließ er keine Nachricht zukommen - keinen Anruf, keine Mail, keinen Abschiedsbrief. Wenn man in den Urlaub fahre, müsse man sich doch nicht ständig melden, hatte Axel H. vor Gericht gesagt. Es ist eine von vielen Aussagen, die belegen, dass er sich im Recht sieht. Er sieht sich als einen von Tausenden Vätern, die um ein Sorge- und Umgangsrecht kämpfen und sich ungerecht behandelt fühlen.

"Ich hatte keine Chance"

Vor der Urteilsverkündung gab er einen eineinhalbstündigen Einblick in seine Welt, festgehalten in einem mehrseitigen Manifest, das er vorlas. Der Glaube sei nach dem Grundgesetz frei und Gott sein Zeuge. Er verlor sich in Zitaten aus der Bibel, sie ist der Maßstab seines Lebens.

Richter Thomas Wolter, 51, selbst Vater von zwei Kindern, ließ den Angeklagten geduldig monologisieren, sich rechtfertigen, seine Sicht der Dinge schildern. Axel H. beschrieb seine Situation vor der Entführung als aussichtslos, seiner Ehefrau war kurz zuvor das alleinige Sorgerecht zugesprochen worden. "Ich hatte keine Chance, juristisch war alles ausgeschöpft."

Seine Ehefrau habe ihm nur einen Umgang in Gegenwart einer Begleitperson erlaubt, Anrufe verweigert und den Kindern verboten, ihn zu besuchen. Jonas, Benjamin, Miriam und Lisa hätten im "offenen Vollzug" leben müssen. Einerseits.

Andererseits habe seine Frau einmal plötzlich vor der Tür gestanden, die Kinder abgegeben, gar gestattet, dass sie von Freitag bis Samstag bei ihm bleiben durften, ohne Aufsicht. Sie wolle eine Freundin in Hamburg besuchen, habe sie gesagt. Tatsächlich aber habe sie ihren neuen Lebensgefährten getroffen.

Ihr Plan sei es gewesen, ihn von den Kindern fernzuhalten. "Auf einmal aber passte es ihr in den Kram", konstatiert Axel H. Und tatsächlich klingt diese Begebenheit, wenn sie sich so zugetragen haben sollte, nach dem hässlichen, aber nicht ungewöhnlichen, Hin und Her vieler getrennt lebender Eltern.

Die Bibel legt er wörtlich aus

In diesem Verfahren gehe es aber nicht um die familienrechtliche Aufarbeitung, sondern um ein Strafurteil, betonte Richter Wolter. Doch auch er kam nicht umhin, in der Urteilsbegründung immer wieder auf die familiäre Situation zu verweisen - und zeigte Verständnis für den Angeklagten.

"Insgesamt haben Sie nicht unrecht", so der Vorsitzende. Axel H. befinde sich in einer "schwierigen Situation", was Ehefrau und Kinder, aber auch sein Bild in der Öffentlichkeit angehe. "Hut ab, wenn sich jemand traut, mit solch einem Selbstbewusstsein aufzutreten, obwohl er weiß, dass der Rest der Welt gegen ihn steht", lobte Wolter. Aber er hielt dem 39-Jährigen auch Selbstgerechtigkeit vor. Immer habe er nur seiner Ehefrau die Schuld gegeben: "Sie sehen nicht nach dem, was Sie selbst machen. Zu der subjektiv ausweglosen Situation haben Sie selbst beigetragen."

Nicht nur das. Axel H. hat im Prozess keinen Hehl daraus gemacht, dass er seine Kinder wieder entführen würde. Man müsse davon ausgehen, dass er seine Tat wiederhole, sobald er "die Chance wittert", sagte Richter Wolter. Ein Grund, warum die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde, was bei Haftstrafen unter zwei Jahren grundsätzlich möglich ist.

Am 25. April 2011 hatte der arbeitslose Krankenpfleger seine Kinder zu Hause abgeholt - unter dem Vorwand, mit ihnen eine Radtour machen zu wollen. Er flog mit ihnen zunächst nach Hurghada in Ägypten, dann mit dem Schiff in den Sudan, mit Bussen schließlich bis nach Khartum. Von Assuan reisten sie zurück nach Ägypten, bis ägyptische Fahnder den Vater festnahmen.

Jahre zuvor war Axel H.s Weltanschauung bereits aus den Fugen geraten. Er isolierte sich und seine eigene Familie. Seine Ehefrau sollte sich "züchtig" und "anständig" kleiden, wie es der Erste Korintherbrief, Kapitel 11, Vers 7, verlangt. Als er vom neuen Lebenspartner seiner Ehefrau erfuhr, las er den Kindern aus der Bibel die Geschichte der Ehebrecherin vor, die gesteinigt werden soll.

Immer wieder hat Axel H. während des Prozesses Bibelstellen zitiert und damit sein rigides Verhalten begründet. Er habe als Vater das Recht - und die Pflicht - seine Kinder zu erziehen und notfalls auch mit ihnen ins Ausland zu gehen, sagte er.

Axel H.s tiefer Glaube ist nicht krankhaft. Psychiater Reiner Friedrich bescheinigte ihm volle Schuldfähigkeit. Zwar zeige der 39-Jährige Züge von Fanatismus, Wahnvorstellungen habe er aber keine. Auch leide Axel H. nicht an einer religiösen Psychose, wie seine Ehefrau und seine Eltern seit Jahren vermuten. Er habe auch keine Persönlichkeitsstörung.

Gefängnis ist keine Lösung

Aber er hat eine Mission: Axel H. ist Christ und er liebt seine vier Kinder abgöttisch, wie sein Verteidiger am Donnerstag sagte. Er leide unter dem Kontaktverbot. "Kinder brauchen ihren Vater", sagt er. Aus dem Gefängnis ließ er einen Brief an sie schmuggeln, den ein fremder Mann einem der Söhne nach der Schule zusteckte. "Ich wollte ihnen nur sagen, dass ich an sie denke."

Stolz führte Axel H. in seinem Schlusswort aus, wie er auf der Flucht Benjamin innerhalb von acht Wochen das Lesen beibrachte. Jonas habe er Englisch beigebracht. In einem Brief schrieb der Neunjährige seinem Vater, dass er ihm danke und dass er in dem Fach nun eine Eins habe. "I wish you a happy birthday, dein Jonas, ich hab dich lieb", las Axel H. aus dem Brief vor und schob nach: "Meine Damen und Herren, meine Frau blendet alle Gefühle aus, die meine Kinder zu mir haben."

Die vierfache Mutter habe versucht, sich während des Prozesses in einem "besseren Licht" darzustellen, sagte Axel H.s Verteidiger. Deren Anwältin hielt dagegen, für Katja H. stehe das Wohl der Kinder im Vordergrund. Die Entführung sei für sie "das dunkelste Kapitel ihres Lebens", Axel H. dürfe keine Bewährungsstrafe erhalten. "Keine Mutter kann sich freuen, wenn der Vater ihrer Kinder ins Gefängnis muss", aber in diesem Fall gehe es darum, die Kinder zu schützen.

In Wahrheit bleibt der Familie nur das, was allen getrennt lebenden Familien bleibt: Sie muss einen Weg finden, den man gemeinsam geht - trotz Trennung. Denn von den 18 Monaten Haft hat Axel H. seit seiner Festnahme in Kairo bereits fünf abgesessen. Wie soll es danach weitergehen?

"Mich wegzusperren ist doch keine Lösung", sagte der 39-Jährige. "Danach haben wir das Problem doch immer noch!" Er werde das "weltliche Urteil" akzeptieren. "Aber welchen Sinn macht eine Inhaftierung? Danach bin ich wieder frei."

Als der Vorsitzende die Verhandlung für geschlossen erklärt hatte, fragte Axel H.: "Darf ich noch etwas sagen?" - "Nein", antwortete Richter Wolter. "Jetzt ist Schluss."

Mehr zum Thema


insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wikinger62 09.02.2012
1. Fanatiker
Es spielt im Prinzip keine Rolle ob Islamist oder fanatischer Christ. Es sind stets die Fanatiker die unsere Welt zu einer Hölle machen können.
AuchNurEinNick 09.02.2012
2.
Zitat von sysopDPADer strenggläubige Christ Axel H. hat seine vier Kinder nach Ägypten und in den Sudan entführt, um sie religiöser erziehen zu können. Nun entschied das Landgericht Lüneburg: Der 39-Jährige muss für eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Das eigentliche Problem der Familie löst die Strafe nicht. Kindesentführung in den Sudan: Die Unschuld vor demHerrn - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,814128,00.html)
Die eigentliche Frage ist doch wie die Kinder (und auch die Ex-Frau) in Zukunft, also in spätestens 1,5 Jahren, vor diesem Typen geschützt werden können. Er hat ja bereits angekündigt nach der Haft wieder damit anzufangen das Leben seiner Kinder und seiner Ex-Frau zu zerstören. Mir tun die Kinder und die Frau leid. Gut, dass ich mich für eine Frau entschieden habe die noch alle Tassen im Schrank hat. Ich wüsste nicht wie ich ansonsten an Stelle der Mutter handeln würde. Das die Frau diesen Mann von den Kindern fern halten will findet sogar meine Zustimmung obwohl ich bei so etwas i.A. sehr, sehr kritisch bin.
KaWiDu 09.02.2012
3.
Der Vorsitzende des Gerichts sagt also: "Hut ab, wenn sich jemand traut, mit solch einem Selbstbewusstsein aufzutreten, obwohl er weiß, dass der Rest der Welt gegen ihn steht." Tja, was genau unterscheidet denn Zivilcourage (worauf der Richter ja anspielt) von Fanatismus ? Ist es nicht eben die Selbstgerechtigkeit, die der Richter ja sogar erkannt hat ? Wird nicht ein und dieselbe Sache dadurch eben nicht lobenswert ? Die Berücksichtigung der familiären Situation halte ich für richtig, aber den Applaus für sein "Selbstbewusstsein" halte ich für verfehlt.
Sveto 09.02.2012
4.
Zitat von sysopDPADer strenggläubige Christ Axel H. hat seine vier Kinder nach Ägypten und in den Sudan entführt, um sie religiöser erziehen zu können. Nun entschied das Landgericht Lüneburg: Der 39-Jährige muss für eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Das eigentliche Problem der Familie löst die Strafe nicht. Kindesentführung in den Sudan: Die Unschuld vor demHerrn - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,814128,00.html)
Mit Christentum - so wie es etwa die Orthodoxie richtig versteht - hat die Privatreligion dieses bizarren Typen herzlich wenig zu tun... Im Lichte solcher Fälle betrachtet tat die römische Kirche vergangener Zeiten sehr gut daran, Übersetzungen der Bibel in die Volkssprache abzulehnen und die private Schriftlektüre theologisch ungebildeter Laien nicht zu fördern.
Atheist_Crusader 09.02.2012
5.
Die Bibel unterstützt allerdings diese Art von Umgang mit der eigenen Familie. Lot wurde ja auch gerettet, weil er seine Töchter einem vergewaltigenden Pöbel anbot, um ein paar Landstreicher zu retten. Und sein Onkel Abraham... naja, die Geschichte ist bekannt. Hat wohl seine Gründe, dass in der Bibel nicht erwähnt ist, ob Isaak danach jemals wieder ein Wort mit ihm gesprochen hat. Vielleicht sollte man Glauben ganz einfach zur Geisteskrankheit erklären. Ab einem gewissen Schweregrad darf man einfach nicht mehr frei damit herumlaufen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.