Kindesentführung in den Sudan Vater im Glauben

Axel H. hat seine vier Kinder entführt, sie in den Sudan und nach Ägypten verschleppt. Warum tut ein Vater das? Vor dem Landgericht Lüneburg gab der 37-Jährige Antworten - immer mit seinem christlichen Glauben begründet, teils irritierend, teils nachvollziehbar.

Axel H. vor dem Landgericht Lüneburg: Vom gläubigen zum radikalen Christen gewandelt
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Axel H. vor dem Landgericht Lüneburg: Vom gläubigen zum radikalen Christen gewandelt

Von , Lüneburg


Axel H. fühlt sich im Recht - und ungerecht behandelt sowieso. Im vergangenen Sommer hatte der Mann aus Hermannsburg in der Lüneburger Heide seine vier Kinder, für die ihm das Sorgerecht entzogen worden war, 136 Tage lang entführt. Seine von ihm getrennt lebende Ehefrau und Weggefährten hatten in diesen Monaten von ihm das Bild eines christlichen Fundamentalisten gezeichnet.

Axel H. wurde im September in Kairo festgenommen, die Kinder kamen wieder zur Mutter, seither sitzt er in Untersuchungshaft - wegen Fluchtgefahr. Als er am Dienstag auf der Anklagebank im Saal 121 des Landgerichts Lüneburg Platz nimmt, hält ihm eine Fernsehreporterin ein Mikrofon unter die Nase. In den vergangenen Monaten war er nicht zu Wort gekommen, nun kann er seine Version der Dinge schildern.

"Manches würde ich sicher anders machen", sagt Axel H. freundlich, 37 Jahre alt, flusiger Kinnbart, gestreifter Kapuzenpulli. "Aber grundsätzlich stehe ich dazu, was ich getan habe." Nur alle zwei Wochen für gerade einmal vier Stunden habe er seine Kinder nach der Trennung von seiner Frau sehen dürfen. "Ich bin ein Vater, der dieselben Probleme hat wie Abertausende, die sich ungerecht behandelt fühlen."

Und tatsächlich gibt bereits der Auftakt des Verfahrens Einblick in eine zerrüttete Familie, wie es sie millionenfach gibt: Es gibt viel Streit, man trennt sich, versöhnt sich, trennt sich wieder, die Kinder leiden, das Jugendamt vermittelt - die Situation eskaliert, als ein neuer Partner ins Spiel kommt.

Axel H. wandelt sich zum radikalen Christen

Im Fall des Ehepaares H. erschwert ein Detail die Situation: Axel H. ist streng religiös. Sein Wandel vom gläubigen zum radikalen Christen beginnt im Jahr 2004 mit der Taufe des zweiten Sohnes, so erzählt es am Dienstag Katja H., Ehefrau des Angeklagten und Mutter der vier gemeinsamen Kinder. Das Paar ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Jahren zusammen, kennengelernt hat es sich bei der Arbeit im Krankenhaus. Sie ist Krankenschwester, er Pfleger.

Axel H. habe in der Bibel nach einem geeigneten Taufspruch gesucht. "Er zog sich zurück, wir waren außen vor, er machte die Nacht zum Tag", erzählt die 31-Jährige. Nach der Geburt des dritten Kindes, einem Mädchen, im Jahr 2005 habe er Missionar werden wollen. Doch er findet keine Bibel-Schule, die ihm zusagt.

Das vierte Kind, wieder ein Mädchen, wird 2007 geboren. Axel H. arbeitet nicht, es kommt immer öfter zu Streitigkeiten, er fühlt sich unverstanden. In Internetforen, so berichtet es seine Ehefrau, tauscht er sich mit Gleichgesinnten aus. Katja H. trennt sich, Axel H. zieht nach Berlin. Bereits wenige Wochen später initiiert seine Frau eine Annäherung, im Februar 2009 zieht Axel H. wieder zu seiner Familie nach Hermannsburg.

Es geht nicht einmal einen Monat lang gut. Ihr Ehemann habe sich keine Arbeit gesucht, sagt Katja H. Seinen Beruf als Krankenpfleger könne er nicht mehr ausführen, sagt er. Der Job sei nicht mit seinem Glauben vereinbar.

Der Alltag lässt sich mit dem Glauben des zunehmend intoleranten Christen nicht vereinen. Er habe sich ans Alte Testament gehalten, sagt Katja H., sie habe sich ihm unterordnen müssen. Sie habe keine Röcke, keine kurzen Haare tragen dürfen. Die Kinder sollten nicht mehr in den Kindergarten, nicht mehr in den Fußballverein, sondern nur noch miteinander spielen. Auf seiner Homepage verbreitet er seine eigenwillige Auffassung von Glauben - aber auch von Umweltschutz und Strahlenbelastung.

In Afrika wähnt der Vater die Kinder in Sicherheit

Katja H. trennt sich im Mai 2009, im Juli präsentiert sie ihrer Familie einen neuen Lebensgefährten. Axel H. fordert nun das alleinige Sorgerecht - es folgen zwei Jahre Trennungs-Hick-Hack, wie es ihn ebenfalls millionenfach gibt: Der Vater muss ausziehen, die Kinder bleiben bei der Mutter, es gibt Umgangsregeln, wie oft der Vater wie lange die Kinder sehen darf, der Streit ist programmiert.

Axel H. habe die Kinder manipuliert, sie gegen sie aufgehetzt, sagt Katja H.. Axel H. gibt hingegen unumwunden zu, dass er seine Ehefrau nicht für geeignet hält, Kinder zu erziehen. Die Schuld hat immer der andere, das Kindeswohl steht im Hintergrund.

Die Trennung von seinen Kindern muss Axel H. zugesetzt haben. Oder war es doch eher der neue Lebensgefährte seiner Ehefrau? Am 8. April 2011 wird ihm, dem frommen Vater, das Sorgerecht entzogen. Er will die Entscheidung nicht akzeptieren, hält sie für nicht rechtmäßig und geht "nach seinem Selbstverständnis als Christ" davon aus, nach dem "für ihn höherrangigen Gesetz Gottes selbst zur Kindererziehung verpflichtet zu sein", so die Anklage.

Am Ostermontag, dem 25. April, holt er seine Kinder ab - unter dem Vorwand, mit ihnen eine Radtour machen zu wollen. Er radelt mit ihnen zu einem Mietwagen, den er in der Nacht im Wald versteckt hat, packt die Kinder ein - und verschwindet. Die Fahrräder lässt er zurück, unverschlossen, er weiß, dass sie im Rahmen einer großangelegten Suche ohnehin gefunden werden. "Die Polizei ist ja nicht blöd!", sagt er dazu vor Gericht.

Axel H. fliegt mit den Kindern zunächst nach Hurghada in Ägypten, dort nehmen sie ein Schiff in den Sudan, mit Bussen fahren sie bis Khartum, doch der Ort sei "nicht geeignet" gewesen. Sie reisen zurück nach Ägypten.

Im Juni quartiert er sich bei einem Freund, den er auf der Fähre kennengelernt hat, in Kairo ein. Er glaubt sich und die Kinder in Sicherheit, in dem Viertel wohnen fast ausschließlich Einheimische. Konsequent hatte er Sehenswürdigkeiten und Orte, an denen er Touristen vermutete, vermieden - aus Angst, entdeckt zu werden.

Er habe aufgrund seines Glaubens und des deutschen Rechts die Pflicht, seine Kinder zu erziehen, sagt Axel H. Vier Stunden alle zwei Wochen - womöglich noch unter Aufsicht - würden dies nicht gewährleisten. "Das reicht für 'Hallo' und 'Tschüs' und gerade mal in den Arm nehmen." Deshalb habe er die Kinder nach Ägypten gebracht. Das Land hat das Haager Kindesentführungsübereinkommen nicht unterzeichnet. Im Falle einer Entführung gibt es so geringere juristische Möglichkeiten, auf eine Rückführung zu pochen.

"Meine Frau hat Ehebruch begangen"

Den Kindern sei es dort gut gegangen. "Ich habe für ein gestärktes Immunsystem Sorge getragen, habe sie mit Vitaminen versorgt", sagt der gelernte Krankenpfleger. Dem Zweitältesten habe er das Lesen beigebracht, dem Ältesten Englisch. Glauben fände nicht nur im Kopf statt: "Man glaubt nur, wenn man handelt."

Am 7. September 2011 entdecken ägyptische Polizeibeamte den vierfachen Vater in einem Internetcafé und nehmen ihn fest.

Vor Gericht muss er sich nun auch wegen Einbruchs und Diebstahls verantworten: Er hatte die Sparbücher, Reise- und Impfpässe der Kinder und die Heiratsurkunde unbemerkt aus der Wohnung seiner Ehefrau mitgenommen. Die Heiratsurkunde habe er bei sich haben wollen, weil in Ägypten Ehebruch unter Strafe stehe und er im Notfall bei einem ägyptischen Richter auf Verständnis hoffte.

Der Ehebruch ist am ersten Verhandlungstag mehrfach Thema. Axel H. wehrt sich gegen den Vorwurf, die Mutter vor den Kindern schlecht gemacht zu haben. "Ich habe nur die Wahrheit gesagt", konstatiert er. "Die Kinder kennen die Geschichte der Ehebrecherin aus der Bibel." Ehebruch sei nun mal eine Sünde und dafür werde man von Gott bestraft.

Er habe die Entscheidung seiner Frau, ihn zu verlassen, akzeptiert. Aber sie dürfe andere nicht in Versuchung führen. "Meine Frau hat Ehebruch begangen, durch ihren Lebensgefährten lebt sie den Kindern Unzucht vor."

Es lässt sich erahnen, wie schwer das Leben mit einem Menschen sein muss, der so denkt, lebt und liebt. Katja H. sagt, Gedanken darüber, dass sein religiöser Wahn psychisch krankhaft sei, hätten sie und ihre Schwiegereltern sich bereits nach der Geburt des dritten Kindes gemacht. Doch zwei Jahre später bekam sie das vierte.

Die Kinder haben ihrem Vater ins Gefängnis Briefe geschrieben, wegen eines Kontaktverbots darf er ihnen nicht antworten. Sie würden ihren Vater gern sehen, räumt Katja H. ein, verreisen aber wollten sie keinesfalls mit ihm. Axel H. behauptet das Gegenteil, spricht davon, wie wohl sich die Kinder bei ihm gefühlt hätten, wie sie nach der Schule oft zu ihm statt zur Mutter kamen.

Wer sagt die Wahrheit? Mitarbeiter des Jugendamtes, Gutachter und Psychologen werden in dem Prozess zu Wort kommen, fast wie in einem üblichen Sorgerechtsstreit. Sie alle werden über das Wohl der Kinder reden - und Prognosen abgeben.

Eine Bewährungsstrafe für Axel H. würde ihr Angst bereiten, sagt Katja H. "Er würde die Kinder wieder entführen, er zeigt kein Stück Reue." Den Ehering hat sie längst abgelegt. Axel H. trägt ihn noch immer. Wie es sich gehört als wahrer Christ.

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Seite 1
Sokrates1939 24.01.2012
1. Unterhaltspflicht
Zitat von sysopAxel H. hat seine vier Kinder entführt, sie in den Sudan und nach Ägypten verschleppt. Warum tut ein Vater das? Vor dem Landgericht Lüneburg gab der 37-Jährige Antworten - immer mit seinem christlichen Glauben begründet, teils irritierend, teils nachvollziehbar. Kindesentführung in den Sudan: Vater im Glauben - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,811156,00.html)
Ich habe den Verdacht, daß der Mann geistig gestört ist. Seine Berufung auf den christlichen Glauben geht fehl. Auch und gerade Christen sind durch ihren Glauben gehalten, den Lebensunterhalt nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder selbst zu verdienen.
Fuzzy Barnes 24.01.2012
2. Vorschlag
Können wir jetzt mal langsam beginnen eine Diskussion zu führen über die Gefahr von Religionen allgemein, also nicht nur die bösen Islamisten, Orthodoxen oder Christen? Alles derselbe Kram, egal was die sich für ein Handbuch selber verpassen.
braustolzer 24.01.2012
3.
Für mich hat der Mann genauso einen an der Waffel wie ein fundamentalistischer Gläubiger jeder anderen Religion. Es ist eben eine Auslegungssache, wie man die heilige Schrift liest, und versteht. Aber an diesem Beispiel sieht man mal wieder, dass es völlig gleich ist, ob jemand Mohammed, Buddha oder Jesus als Propheten hat. Auf jeden Fall gehört seine Tat bestraft, so, wie es das Gesetz vorsieht. Eine Entschuldigungshandlung für seine kaputte Ehe kann die Entführung nicht sein, hoffentlich sieht das der Richter genauso.
Meckermann 24.01.2012
4. Religion
Zitat von Fuzzy BarnesKönnen wir jetzt mal langsam beginnen eine Diskussion zu führen über die Gefahr von Religionen allgemein, also nicht nur die bösen Islamisten, Orthodoxen oder Christen? Alles derselbe Kram, egal was die sich für ein Handbuch selber verpassen.
Zumindest Kinder sollten vor Religion bestmöglich geschützt werden.
openminded 24.01.2012
5. Ja, ja, die Religion
Zitat von sysopAxel H. hat seine vier Kinder entführt, sie in den Sudan und nach Ägypten verschleppt. Warum tut ein Vater das? Vor dem Landgericht Lüneburg gab der 37-Jährige Antworten - immer mit seinem christlichen Glauben begründet, teils irritierend, teils nachvollziehbar. Kindesentführung in den Sudan: Vater im Glauben - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,811156,00.html)
Und welcher Teil seiner Antworten ist jetzt "nachvollziehbar"? Die guten Seiten der Religionen (Orientierungshilfe, soziale Werte, Gemeinschaft, etc.) treten in letzter Zeit leider immer mehr in den Schatten der schlechten (Rechtfertigung für grobe Gesetzesverstöße und Egoismus, Ausgrenzung, Hass, etc.) Nichts, aber auch gar nichts, lässt sich mit Verweis auf irgendwelche Märchenbücher rechtfertigen.
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