Kindesentführung Schwere Behördenfehler im Fall Dugard

Hätte der 18 Jahre lang entführten Jaycee Dugard ein Großteil ihrer Qualen erspart bleiben können? Der Bericht eines Untersuchungskomitees belegt, dass die Behörden den mutmaßlichen Entführer falsch eingestuft haben. Der Chef des Strafvollzugs räumte bereits "schwerwiegende Fehler" ein.

dpa

San Francisco - Im Fall des 18 Jahre lang festgehaltenen Entführungsopfers Jaycee Dugard hat ein Untersuchungsbericht den kalifornischen Behörden schwere Versäumnisse vorgeworfen. Als fatalsten Fehler stufte die am Mittwoch veröffentlichte Kurzfassung die Entscheidung der Strafvollzugsbehörden ein, Dugards mutmaßlichen Entführer Phillip Garrido - einen verurteilten Vergewaltiger - als nur "gering gefährlich" einzustufen. Auch die Polizei versäumte demnach eine Reihe von Möglichkeiten, die heute 29-Jährige und ihre beiden Töchter (elf und 15 Jahre) zu entdecken.

Nach Auffassung des Autors des 45-seitigen Berichts, Kaliforniens Generalinspektor David Shaw, hätte Dugard schon viel früher befreit werden können. "Viele Möglichkeiten wurden vertan und Hinweise übersehen", sagte Shaw. Zwar glaube er nicht, dass das Überwachungssystem insgesamt untauglich sei, doch könnte es in vielen Punkten verbessert werden.

Garrido steht im Verdacht, Dugard im Alter von elf Jahren verschleppt und mit Wissen seiner Frau 18 Jahre lang als Sexsklavin in einem Zelt im Hinterhof seines Hauses in Antioch festgehalten zu haben. Dort bekam sie zwei Kinder von ihm. Erst Ende August wurden sie und ihre Töchter befreit.

Garrido verbüßte von 1977 bis 1988 eine Haftstrafe wegen Entführung und eines Sexualdelikts. In Reno (Nevada) hatte der damals 25-Jährige eine junge Frau in einem Schuppen eingeschlossen und vergewaltigt. Ursprünglich war er zu 50 Jahren Haft verurteilt wurden, kam aber nach elf Jahren auf Bewährung frei.

Drei Jahre später soll Garrido Jaycee Dugard entführt haben. Da die Gefahr eines Rückfalls als gering eingeschätzt wurde, sei Garrido viel nachlässiger kontrolliert worden, heißt es in dem Gutacher-Bericht. Hinweise des GPS-Systems, das der 58-Jährige ständig am Fuß tragen musste, auf Verstöße gegen seine Auflagen, seien missachtet worden. Bei insgesamt 60 Besuchen sei keinem der Beamten der Verschlag im Hinterhof aufgefallen. Eine mutmaßliche Begegnung mit Dugards Tochter blieb ohne Konsequenzen.

Auch der "San Francisco Chronicle" erhebt schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Bewährungshelfer hätten bei ihren Besuchen seit 1999 im Haus des Mannes Hinweise auf die Opfer übersehen. Zum Beispiel sei von einem Bewährungshelfer nicht weiter geprüft worden, warum sich ein zwölfjähriges Mädchen im Haus des Sexualstraftäters aufhielt.

Auch seien Elektrokabel, die von Garridos Haus in ein Hinterhofversteck führten, nicht untersucht worden. Die Beamten hätten es ebenfalls versäumt, einschlägigen Tipps von Nachbarn nachzugehen. 2006 hatte eine misstrauische Nachbarin den Notruf gewählt. Sie beschrieb Garrido als "Psycho" und berichtete von Kindern, die in Zelten lebten.

Der Leiter des kalifornischen Strafvollzugs, Matthew Cate, räumte schwerwiegende Fehler ein. Er versprach, dafür zu sorgen, dass seine Beamten künftig besser für den Schutz der Bürger vor "diesen erbärmlichen Übeltaten" ausgebildet würden.

mas/dpa/AP/AFP



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