Missbrauchsvorwürfe um Eliteschule Wenn das Grauen ans Licht kommt

Eine der elitären Privatschulen New Yorks erlebt einen Skandal, der an die Vorgänge an der deutschen Odenwaldschule erinnert: Jahrzehntelang sollen Lehrer der Horace Mann School ihre Schutzbefohlenen sexuell missbraucht haben. Dutzende Ex-Schüler berichten Schreckliches.

Horace Mann School in New York (Archivbild): "Die Vorwürfe sind zutiefst verstörend"
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Horace Mann School in New York (Archivbild): "Die Vorwürfe sind zutiefst verstörend"

Von , New York


Die Todesanzeige war kurz und schnörkellos. "Unsere Familie", lautete die Notiz in der "New York Times" vom 4. Februar 2011, "betrauert den Verlust eines brillanten Musikers, hingebungsvollen Lehrers, treuen Ehemanns, liebevollen Vaters und stolzen Großvaters." Betrauert wurde Chordirektor Johannes S., mit 75 Jahren in der Bronx nach einem Schlaganfall verstorben.

Glaubt man E. B., einem ehemaligen Musikschüler von S., der sich nur mit seinen Initialen zu identifizieren wagt, müsste noch ein weiteres, etwas weniger schmeichelhaftes Attribut hinzukommen: "Monster".

So jedenfalls wird E. B. vom Drehbuchautor und Filmemacher Amos Kamil in dessen explosiver Titelgeschichte für das "New York Times Magazine" vom Wochenende zitiert. Kamil und E. B. waren beide einst Schüler an der Horace Mann School, der renommiertesten Privatschule New Yorks. S., Sohn eines prominenten früheren Schweizer Bankiers und jahrelang musikalischer Leiter der St. Patrick's Cathedral, unterrichtete damals Musik und Kunst an der Schule.

An einem Herbstabend 1973 habe der "hingebungsvolle Lehrer" den 16-jährigen E. B. erstmals sexuell missbraucht, schreibt Kamil unter Berufung auf Aussagen des Opfers: "S. setzte sich neben ihn auf eine Couch, machte den Hosenbund des Jungen auf und begann, an seinem Penis herumzuspielen." Weitere Übergriffe, so heißt es, folgten.

Es ist nicht die einzige schockierende Szene in diesem Enthüllungsbericht über "die lange Geschichte sexuellen Missbrauchs" an der Horace Mann, einer der traditionsreichsten US-Privatschulen, und S. ist nicht der einzige mutmaßliche Täter.

Auf zehn Seiten erhebt Kamil, der die Schule Anfang der achtziger Jahre besuchte, schwere Vorwürfe gegen seine Bildungsstätte: Mindestens drei Lehrer, darunter S., sollen sich über Jahrzehnte hinweg an minderjährigen Schülern sexuell vergangen haben, meist an Jungen. Die genannten Vorfälle erstrecken sich von den siebziger bis in die neunziger Jahre.

Die Schule habe die Taten nie anerkannt, schreibt Kamil. Die beschuldigten Lehrer aber - alle inzwischen verstorben - seien schließlich gefeuert worden, teils unter "mysteriösen Umständen". Ein Opfer habe sich Jahre später das Leben genommen.

"Es gab eine Anzahl von Pädophilen"

Die Schulleitung kündigte am Sonntag Ermittlungen an und bestätigte indirekt, dass es in der Vergangenheit zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei. "Die Horace Mann School hat mehrere Lehrer wegen unangebrachten Verhaltens entlassen", erklärte Schuldirektor Thomas Kelly. "Diese Vorwürfe sind zutiefst verstörend und absolut widerwärtig." Dies betreffe auch, aber nicht nur, die vom "New York Times Magazine" identifizierten Personen.

"Es gab eine Anzahl von Pädophilen", sekundierte der prominente New Yorker Rechtsanwalt Michael Dowd, der inzwischen rund ein halbes Dutzend ehemalige Horace-Mann-Schüler vertritt, im lokalen TV-Sender WPIX. "Der Missbrauch von Kindern dauerte lange an."

Kamils Artikel schlug enorme Wellen. Spontan entstanden zwei Facebook-Gruppen, auf denen sich potentielle Opfer austauschen konnten. Eine zählte bald mehr als 2000 Mitglieder. Kamil berichtete, er habe rund tausend E-Mails und Telefonanrufe erhalten und von einem Dutzend Opfer gehört, "die nie zuvor über ihre Erlebnisse gesprochen haben".

Darunter befanden sich auch Frauen. Kate Aurthur, eine Korrespondentin der Website "Daily Beast", schrieb dort am Sonntag über ihre eigenen Erfahrungen mit einem Horace-Mann-Lehrer, der sie "begrabscht" haben soll.

Anwalt Dowd verglich die Vorgänge mit den Sexskandalen der katholischen Kirche: "Sie missbrauchten nicht nur ein Kind, sondern 20 oder 30 oder 40 oder 50." Die Lehrer hätten mit männlichen wie weiblichen Schülern geschlafen, die Schule habe es vertuscht.

Kamil interviewte fast hundert Personen

Die Horace Mann School im Stadtteil Bronx feierte erst im Mai ihr 125-jähriges Bestehen. Sie bereitet 1800 Schüler von der Vorschule bis zur 12. Klasse auf die Eliteuniversitäten ("Ivy League") vor. "Unsere Schule", heißt es auf der Website, "ist ein Vorbild traditioneller pädagogischer Exzellenz und solider Werte in einer Gesellschaft, die nach beidem sucht."

Zu den prominentesten Absolventen zählen James Murdoch, Sohn des Medienmoguls Rupert Murdoch, Ex-Gouverneur Eliot Spitzer und Ex-Außenminister James Schlesinger. Auch Arthur Hays Sulzberger, der frühere Verleger der "New York Times" und Großvater des jetzigen Verlegers Arthur Ochs Sulzberger, besuchte Horace Mann - was dem Bericht nun umso mehr Aufmerksamkeit verschafft.

Als Headline wählte Kamil das Schulmotto: "Groß ist die Wahrheit, und sie wird triumphieren." Er interviewte fast hundert Personen, darunter 60 ehemalige Schüler und 15 Ex-Lehrer. "Viele zeigten sich überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis diese Geschichten ans Licht kamen", berichtet Kamil.

"Vernichtende Folgen für mein Leben"

Die drei Lehrer, die Kamil unter Berufung auf zahlreiche Opfer beschuldigt, leben nicht mehr. Neben S. handelt es sich um Mark W., einen damaligen Football-Coach, und Stanley K. ("der Bär"), seinerzeit Geschichtslehrer.

E. B. beschuldigt S., ihn zweimal missbraucht zu haben. 2011 startete E. B. ein Blog "für alle, die durch Johannes S. sexuellen Missbrauch erlitten haben". "Obwohl Mr. S. vielen das Geschenk der Musik gab und eine lange und gefeierte Karriere hatte, war er auch ein Kinderschänder", schreibt er. "Diese Ereignisse hatten vernichtende Folgen für mein Leben."

Ein weiteres Opfer namens M., heute Mitte 50, berichtete laut Kamil, S. habe ihn jahrelang auf Europa-Reisen zum Sex gezwungen: "Ich war nur ein Kind. Ich hatte keine Kraft, nein zu sagen." M.s Mutter soll all dies bestätigt haben.

Der brisanteste Vorwurf betrifft S.s Verhältnis zum Schüler Benjamin B.: Auch der sei von S. missbraucht worden, ebenfalls auf einer Reise - im Sommer 1993, zwei Jahrzehnte nach E. B. Der damalige Schulleiter Phil Foote bestätigte die Kontroverse der "New York Times", fügte aber hinzu, dass S. alles "entschieden dementiert" habe. Deshalb habe die Schule nichts unternommen.

S. lehrte weiterhin an der Horace Mann und ging 2002 in Pension. B. dagegen habe "keinen Trost" mehr gefunden und lange mit Depressionen gekämpft, berichtete seine Familie der "New York Times". 2009 habe er sich umgebracht.

Weitere Opfer berichteten, sie seien dauerhaft traumatisiert. "Ich habe jahrelang getrunken und Drogen genommen, weil ich mich meiner Wut nicht stellen konnte", zitiert Kamil E. B. Ein weiterer Ex-Schüler, Andrew genannt, drückt sich so aus: "Es zerstört dich."

Weitere Opfer schweigen

Der damalige Football-Coach W. soll in den siebziger Jahren mehrere Schüler sexuell belästigt haben, schreibt Kamil. Seinen Spielern habe W. "medizinische Leibesvisitationen" erteilt, die oft in sexuelle Handlungen gemündet sein sollen. Ein Opfer soll gerade 14 Jahre gewesen sein. Kamils Recherchen zufolge "verschwand" W. 1979 von der Schule und starb 2004 in Miami Beach.

Der Geschichtslehrer K., so Kamil, habe unter anderem 1983 bei einer Klassenfahrt einen zwölfjährigen Schüler sexuell belästigt. Auch soll er Kindern "Massagen" gegeben und sie gezwungen haben, die Oberkörper zu entblößen, und er soll mit ihnen durchs Klassenzimmer "getollt" sein. "Auch ich", schreibt Kamil, "kam mit seinen langen, gruseligen Berührungen in Kontakt."

Nach dem Vorfall von 1983, der öffentlich diskutiert worden sei, kündigte K. demzufolge. Ein Jahr später habe er sich erschossen.

"Keines der in dem Artikel genannten Individuen ist noch bei der Schule angestellt", versicherte Schulleiter Kelly. "Sie waren es seit Jahren nicht." Die Schule sei "zutiefst besorgt, wenn Vorwürfe von Kindesmissbrauch erhoben werden - unabhängig davon, wann oder wo sie sich zugetragen haben mögen".

Über die bisher bekannten Fälle hinaus soll es nach Angaben Kamils noch viele weitere gegeben haben, zu denen die Opfer bisher aber schweigen. Hinzu kommt, dass die Taten in New York verjähren, wenn die Opfer ein Alter von 23 Jahren erreichen.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
hubertrudnick1 11.06.2012
1. Missbräuche
Zitat von sysopGetty ImagesEine der elitären Privatschulen New Yorks erlebt einen Skandal, der an die Vorgänge an der deutschen Odenwald-Schule erinnert: Jahrzehntelang sollen Lehrer der Horace Mann School ihre Schutzbefohlenen sexuell missbraucht haben. Dutzende Ex-Schüler berichten Schreckliches. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,838089,00.html
Missbräuche gibt es doch in allen gesellschaftlichen Bereichen und das auf der gesamten Welt. Da kann man mal sehen wie und was uns unsere Kinder wert sind. Wenn wir unsere Soldaten in fremde Länder schicken um dort die Freiheit und Selbstbestimmung der Meschen durchzusetzen, dann sollten wir alle mal bei uns zu Hause damit anfangen. Missbräuche gegenüber Schutzbefohlenen hat es immer schon gegeben und mir scheint als wollten das viele weiter so betreiben wollen. HR
Rainer Helmbrecht 11.06.2012
2.
Zitat von sysopGetty ImagesEine der elitären Privatschulen New Yorks erlebt einen Skandal, der an die Vorgänge an der deutschen Odenwald-Schule erinnert: Jahrzehntelang sollen Lehrer der Horace Mann School ihre Schutzbefohlenen sexuell missbraucht haben. Dutzende Ex-Schüler berichten Schreckliches. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,838089,00.html
Ich finde keinen Zusammenhang von diesem Forum, zu diesem Forum. Kindererziehung: Ein Recht auf Schrammen In dem Forum ein Recht auf Schrammen, schreiben überwiegend Mütter, die ihre Kinder vor allem beschützen wollen, was ihnen schaden könnte. Männern wir sogar das Verantwortungsgefühl für ihre eigenen Kinder abgesprochen. Aber die missbrauchten Kinder finden keine Vertrauensperson, der sie vom Missbrauch berichten können, bei denen sie hinterfragen können, ob Erzieher unappetitliche Ferkel sind und woran man verantwortungsbewusste Erzieher erkennt. Da kann ich nur Versager erkennen, auf Elternseite und auf der Seite der Pädagogen in diesen Einrichtungen. MfG. Rainer
Rainer Helmbrecht 11.06.2012
3.
Zitat von hubertrudnick1Missbräuche gibt es doch in allen gesellschaftlichen Bereichen und das auf der gesamten Welt. Da kann man mal sehen wie und was uns unsere Kinder wert sind. Wenn wir unsere Soldaten in fremde Länder schicken um dort die Freiheit und Selbstbestimmung der Meschen durchzusetzen, dann sollten wir alle mal bei uns zu Hause damit anfangen. Missbräuche gegenüber Schutzbefohlenen hat es immer schon gegeben und mir scheint als wollten das viele weiter so betreiben wollen. HR
Sie begehen da einen Fehler, Sie gehen davon aus, dass da wirklich Politiker eine Demokratie etwas Konstruktives im Sinn hatten. Das Problem ist, dass Deutschland der? oder einer der größten Waffen Hersteller/Exporteure ist, selber aber keinen Krieg führen wollte. Darum hat man Deutschland diesen Sch.....krieg aufgedrückt. Da er nun schon länger als der WK II dauert, kann man ablesen, dass es keine ernsthaften Bemühungen gibt, ihn zu beenden. Also Ihre Hoffnung, dass es dort einen Erzieherischen Ansatz gäbe, hat sich nicht erfüllt und wird sich auch nicht erfüllen. Die Diskussion gestern beim Jauch, verbunden mit den Worten des Kriegsministers lassen auch keine Hoffnung erwarten. Tut mir Leid, für die viele guten Projekte, die viele erwarten, aber wir müssen noch den Rekord der Engländer und Franzosen brechen, ich meine den Hundertjährigen Krieg. Wir haben 60 Jahre ausgesetzt und haben nun etwas nach zu holen. MfG. Rainer
Luna-lucia 11.06.2012
4. traurig,
Zitat von Rainer HelmbrechtSie begehen da einen Fehler, Sie gehen davon aus, dass da wirklich Politiker eine Demokratie etwas Konstruktives im Sinn hatten. Das Problem ist, dass Deutschland der? oder einer der größten Waffen Hersteller/Exporteure ist, selber aber keinen Krieg führen wollte. Darum hat man Deutschland diesen Sch.....krieg aufgedrückt. Da er nun schon länger als der WK II dauert, kann man ablesen, dass es keine ernsthaften Bemühungen gibt, ihn zu beenden. Also Ihre Hoffnung, dass es dort einen Erzieherischen Ansatz gäbe, hat sich nicht erfüllt und wird sich auch nicht erfüllen. Die Diskussion gestern beim Jauch, verbunden mit den Worten des Kriegsministers lassen auch keine Hoffnung erwarten. Tut mir Leid, für die viele guten Projekte, die viele erwarten, aber wir müssen noch den Rekord der Engländer und Franzosen brechen, ich meine den Hundertjährigen Krieg. Wir haben 60 Jahre ausgesetzt und haben nun etwas nach zu holen. MfG. Rainer
dass es immer noch soviel Freiwillige gibt, die sich diesen Kriegswahnsinn antun!
MartinS. 11.06.2012
5. ...
Zitat von Luna-luciadass es immer noch soviel Freiwillige gibt, die sich diesen Kriegswahnsinn antun!
Wobei der Bogen von Kindesmissbrauch an einer Schule zu einer Kriegsbeteiligung schon... ziemlich konstruiert erscheint. Sicher - an der Aussage, dass Krieg im Allgemeinen ne schlechte Sache ist, ist erstmal nichts verkehrt. Nur wenn man meint, das bei jeder Thematik mit einbringen zu müssen und alles nur noch mit der einen Thematik verknüpfen zu müssen... Naja - in der Schule hätte man sowas "Thema verfehlt" genannt. Und wohl auch nicht ganz zu unrecht.
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