Kindesmissbrauch in Dortmund Tragisches Ende einer Resozialisierung

Heinrich K. saß wegen Kindesmissbrauch im Gefängnis. Nach seiner Freilassung galt er als Musterbeispiel für gelungene Resozialisierung, die Polizei lockerte die Kontrollen. Wenige Tage später verging sich K. an einem Mädchen. Die Geschichte einer folgenschweren Fehleinschätzung.

Dortmund - Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell in der Dortmunder Nordstadt: Ein verurteilter Sexualstraftäter sollte in die Gegend ziehen, berichteten die Lokalzeitungen vor zehn Monaten. Und: Der Mann sei rückfallgefährdet. "Die Leute haben sehr geschimpft, als der Mann hierher zog", sagt Ilsegret Bonke, 79. Im Stadtteil kennen die Menschen sie als "Oma Bonke". Sie lebt seit 49 Jahren in der Nordstadt, einem sozialen Brennpunkt. Oma Bonke engagiert sich für ihr Viertel, sie verscheucht Junkies von Spielplätzen, kümmert sich um Kinder und Jugendliche.

Bonke wohnt in der Straße, in die Heinrich K. zog. "Es hat sich schnell herumgesprochen, wo genau der Mann wohnt, wer er ist." Die Nachbarn hätten die Polizisten bemerkt, die vor dem Haus Wache schoben. "Hier leben viele Familien mit Kindern, die haben sich gegenseitig gewarnt", sagt Bonke.

Trotz des Zorns auf die Justiz, trotz der Angst seien die Menschen in der Nordstadt nicht - wie in vergleichbaren Fällen geschehen - auf die Straße gegangen um zu protestieren, sagt Oma Bonke. "Hier passiert öfter was, die Leute demonstrieren vielleicht gegen bestimmte Zustände im Viertel, nicht aber gegen einzelne Menschen." Das sieht auch Marita Hetmeier so, SPD-Ratsvertreterin der Nordstadt: "Die Leute hier sind sehr offen, hier prangert niemand einen anderen an."

Zwei Sexualstraftäter freigelassen - trotz negativer Prognose

Am Donnerstag gestand Heinrich K., am 26. Januar in der Dortmunder Innenstadt ein siebenjähriges Mädchen missbraucht zu haben. Die Polizei hatte ihn mit einem DNA-Test überführt. Am Freitag wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte.

Heinrich K. saß fast 20 Jahre hinter Gittern, zuletzt in der JVA Werl. Im Oktober 1992 war er in Düsseldorf wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen zu drei Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Im September 2010 wurde der 49-Jährige jedoch infolge eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) entlassen - auch weil er nicht mehr als besonders gefährlich galt.

Das Bundesverfassungsgericht entschied Anfang Mai dieses Jahres im Sinne des EGMR, dass die Regelungen zur nachträglich angeordneten oder verlängerten Sicherungsverwahrung verfassungswidrig sind und das Grundrecht auf Freiheit verletzen. Bis Mai 2013 muss die Sicherungsverwahrung grundlegend reformiert werden.

Allein im vergangenen Jahr wurden zwei Sexualstraftäter trotz negativer Prognose aus der JVA Werl entlassen. Das bestätigte Leiter Michael Skirl.

Die Polizei sicherte im September 2010 den Menschen in der Nordstadt zu, alles für den Schutz der Bevölkerung zu tun. 20 bis 25 Beamte wurden für die Rund-um-die-Uhr-Bewachung von K. eingesetzt, berichtete die WAZ-Mediengruppe. Laut "Ruhr-Nachrichten" standen oft zwei Zivilfahrzeuge der Polizei vor seiner Haustür, die Beamten folgten jedem seiner Schritte.

Im Dezember 2010 kamen Vertreter von Polizei und Landeskriminalamt (LKA), Therapeuten und Bewährungshelfer bei einer Fallkonferenz zu dem Ergebnis, Heinrich K. müsse nicht weiter derartig intensiv überwacht werden. Solche Überprüfungen sind teil des Programms "Kurs" (Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern), das in Nordrhein-Westfalen speziell für rückfallgefährdete Sexualstraftäter entwickelt wurde.

"Die Leute sind geschockt"

Informationen über Männer, die noch als gefährlich gelten, werden schon vor dem Ende ihrer Haft gesammelt und in einer Art Dossier zusammengestellt. Sechs Beamte sind daran beteiligt. Die Informationen werden dann an das LKA weitergeleitet. Das LKA nimmt anhand der Informationen eine Risikobewertung vor und beantwortet die Frage, wie hoch die Gefahr eines Rückfalls ist.

Unterschieden werden die Risikogruppen A, B und C. Von einem Täter der Kategorie C geht demnach die geringste Gefahr aus. Bereits kurz vor der Entlassung werden die Häftlinge durch die Justizvollzugsanstalt in eine der drei Gruppen eingeteilt. In einem Papier des Bundes Deutscher Kriminalbeamter heißt es: "Die Einstufung in eine bestimmte Risikogruppe ist nicht abschließend. Neue Erkenntnisse können zu einer Neubewertung führen."

Ein Entlassener kann seine Prognose verbessern, indem er beispielsweise "stabile soziale Bindungen" vorweist oder an Therapien mitwirkt. Heinrich K. hatte nach eigenen Angaben vor, mit seiner Partnerin in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Außerdem hatte er sich selbst in therapeutische Behandlung begeben. Er galt laut der Fallkonferenz als Musterbeispiel einer gelungenen Resozialisierung. Seit Januar musste K. deshalb nur noch ein Spezialhandy mit sich tragen. So sollte jederzeit eine Ortung möglich sein und ein Bewegungsprofil erstellt werden können.

Er wolle nur noch in Ruhe sein Leben genießen und nie wieder in den Knast, sagte K. im März den "Ruhr-Nachrichten". Er achte die Gesetze.

Der sexuelle Missbrauch des Mädchens lag zu diesem Zeitpunkt bereits einige Wochen zurück. Nach Angaben der Polizei hatte K. das Kind auf dem Heimweg von der Schule angesprochen. Dann lockte er die Siebenjährige in eine Tiefgarage und vollzog laut Polizei "sexuelle Handlungen" an ihr.

"Wir sind aus allen Wolken gefallen"

Kriminalrat Christian Vosskühler sagte auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, man habe von Heinrich K. sehr viele positive Eindrücke gewonnen: "Nicht nur meine Kollegen und ich hatten das Gefühl, dass er eine erfolgreiche Wiedereingliederung vor sich hat." Man habe gedacht: "Super, der ist auf einem guten Weg." Eine folgenschwere Fehleinschätzung.

"Wir sind aus allen Wolken gefallen, als wir das Ergebnis der DNA-Überprüfung der Speichelprobe übermittelt bekommen haben", sagte Oberstaatsanwältin Ina Holznagel. Da die Siebenjährige den Täter nicht verlässlich beschreiben konnte, sei man zunächst nicht auf die Idee gekommen, Heinrich K. könnte der Gesuchte sein. "Die Personenbeschreibung passte nicht im Entferntesten", so Holznagel.

Nun wollen die Ermittler alle rund 20 Fälle seit Jahresbeginn untersuchen, bei denen Kinder in Dortmund von Fremden angesprochen oder genötigt wurden. Es soll überprüft werden, ob Heinrich K. seit der Lockerung seiner Überwachung weitere Kinder belästigt hat.

Die Deutsche Kinderhilfe fordert wegen des Falls eine außerordentliche Innenministerkonferenz. Mit dem Treffen soll dafür gesorgt werden, dass die bundeseinheitliche Überwachung von Tätern geregelt wird, die aus der Sicherungsverwahrung entlassen wurden - und weiterhin eine Gefahr für Kinder darstellen.

Die Nachricht der Überführung von Heinrich K. verbreitete sich schnell in der Nordstadt. "Die Leute sind geschockt", sagt Oma Bonke.

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