Kindesmissbrauch in Münster "An die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen"

Die Münsteraner Polizei ist auf ein Netzwerk von sexueller Gewalt gegen Kinder gestoßen - und zeigt sich entsetzt von "unfassbaren Bildern". Hauptverdächtig: ein 27-Jähriger, der wegen Besitz von Kinderpornografie vorbestraft ist.
Pressekonferenz der Polizei in Münster zu Missbrauchsfällen: "abscheulicher Dreck"

Pressekonferenz der Polizei in Münster zu Missbrauchsfällen: "abscheulicher Dreck"

Foto: Guido Kirchner/ dpa

In einer Gartenlaube sollen mehrere Männer zwei Jungen im Alter von fünf und zehn Jahren immer wieder schwer sexuell missbraucht haben, einer nach dem anderen, stundenlang. Und das, betont Münsters Polizeipräsident Rainer Furth, sei nur ein Detail in den jüngsten Fällen von umfassenden Kindesmissbrauch, die seine Kollegen gerade aufdecken - und in "unfassbaren Bildern" dokumentiert sehen: "Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus", sagt Furth.

Die Ermittler sind demnach einem Netzwerk mutmaßlicher Täter aus mehreren Bundesländern auf der Spur. In den vergangenen Tagen nahmen sie elf Verdächtige fest, sieben davon sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: schwerer sexueller Missbrauch von Kindern. Hauptverdächtiger ist ein 27-jähriger IT-Techniker, der die Verbreitung der Missbrauchsbilder übers Darknet professionell aufgezogen haben soll.

Bei den sechs weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um dessen Mutter aus Münster, 45 Jahre alt, sowie um Männer aus Staufenberg bei Gießen, 30 Jahre alt, Hannover, 35, Schorfheide in Brandenburg, 42, Kassel, 43, und Köln, 41. 

Drei Jungen im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren sind als Opfer identifiziert. Bisher, wie die Ermittler betonen. Aber die reinen Zahlen und Daten, betont Furth, geben ohnehin "nur völlig unzureichend die Dimension dessen wieder, was wirklich geschehen ist - mitten unter uns in unserer Gesellschaft."

Sohn der Lebensgefährtin an andere Männer "verkauft"

Nach Durchsuchungen an zwölf Orten stellten die Ermittler Festplatten und Datenträger mit mehr als 500 Terabyte hochprofessionell verschlüsselten Materials sicher. Die Videobilder, zu denen die Beamten bislang Zugriff haben, dokumentieren demnach abscheulichste Taten. "Vier erwachsene Männer vergehen sich an zwei kleinen Jungs. Wechselseitig und aufs Schlimmste." So beschreibt der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll, was in der fraglichen Gartenlaube in Münster in einer Nacht Ende April passiert sein soll.

Über Stunden hätten sich die Missbrauchstaten hingezogen, die umfassend gefilmt wurden. Die Gartenlaube ist innen ausgestattet mit videoüberwachten Doppelstockbetten, auch außen hängen Kameras. In einer getarnten Zwischendecke sind laut Polizei Aufzeichnungstechnik und Computer versteckt.

In dieser Gartenlaube soll der Hauptverdächtige den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin anderen Männern für die Gewalttaten zur Verfügung gestellt haben. Das Kind sei "verkauft worden von demjenigen, der ihn eigentlich behüten sollte", sagt Poll. Das zweite Opfer ist der fünfjährige Sohn eines weiteren mutmaßlichen Täters aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben. Ein weiteres Kind und damit das dritte Opfer ist der zwölfjährige Neffe des Beschuldigten aus Kassel.

Die Mutter des Hauptbeschuldigten sei Nutzerin der Hütte. Sie soll ihrem Sohn die Schlüssel überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben. Neben der Gartenlaube fand die Polizei noch einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum in einem Keller in Münster. Er sei dem 27-jährigen Hauptverdächtigen zuzurechnen, sagte Chefermittler Poll.

Hauptverdächtiger wegen Kinderpornografie vorbestraft

Der 27-Jährige ist für die Polizei kein Unbekannter. In den Jahren 2016 und 2017 wurde er wegen der Verbreitung und des Besitzes von Kinderpornografie zu Bewährungsstrafen verurteilt. Wegen einer offen bekundeten pädophilen Neigung verpflichtete das Gericht ihn damals zu einer Therapie. Dieser Aufforderung kam der Mann der Staatsanwaltschaft zufolge auch nach. Im April 2019 stellten Ermittler allerdings erneut Material bei ihm sicher - und dann dauerte es noch ein Jahr, bis es Experten gelang, dieses zu entschlüsseln.

Als den Ermittlern beim Sichten der Videos klar wurde, dass der Mann nicht bloß Filme von sexueller Gewalt an Kindern verbreitet, sondern auch selbst Missbrauch begangen und anderen ermöglicht haben soll, kam er am 14. Mai in Haft. Die immensen Datenfunde bei Durchsuchungen, die Befragungen und weiteren Ermittlungen ließen der Polizei zufolge dann erkennen, das es hier nicht um einen Einzeltäter geht - sondern um mehr Täter, mehr Tatorte, mehr Querverbindungen und unter Umständen auch mehr Opfer.

Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, hieß es von Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Polizeipräsident Furth sagte, er werde nun die belastende Aufgabe der Kollegen sein, Datei um Datei "von diesem abscheulichen Dreck", zu entschlüsseln, zu sichten, um den Fall Schicht um Schicht aufzuklären. Dies sei nur zu leisten im Bewusstsein: "Ich helfe mit dieser Arbeit Kindern aus dem Elend heraus."

Jugendamt hatte Kontakt zur Familie eines Opfers

Nordrhein-Westfalen war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten. Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte nach dem Fall Lügde das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich verstärkt.

Alle in dem Münsteraner Fall bisher als Opfer ermittelten Kinder werden derzeit von den zuständigen Jugendämtern betreut. Sie sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperliche Verletzungen haben sie den Ermittlern zufolge nicht davon getragen. Sie seien von Rechtsmedizinern untersucht worden.

Furth mahnte in der Pressekonferenz, künftig noch aufmerksamer zu werden, um solche Verbrechen früher aufzudecken oder zu verhindern. Dabei nannte er Kitas, Schulen Kinderärzte, Nachbarschaften, Jugendämter, Bewährungshelfer und Gerichte. Viel zu selten kämen die Ermittler mutmaßlichen Tätern über aufmerksame Menschen auf die Spur, sondern meist nur über IP-Adressen, so auch im Fall des Hauptverdächtigen aus Münster.

Brisant: Das Jugendamt der Stadt hatte Kontakt zu der Familie eines mutmaßlichen Opfers. Sie sei den Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt, "weil der soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war", teilte die Stadt am Samstag mit. In dieser Zeit habe das Jugendamt Kontakt zu der Familie gehabt. 2015 sah ein Familiengericht den Angaben zufolge keinen Anlass, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen.

fok/dpa
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