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05. Juli 2013, 12:49 Uhr

Haftstrafe für Jugendtrainer

"Immer neue Opfer für seine Missbrauchsphantasien"

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Michael B. galt als idealer Jugendtrainer für Tennis und Inline-Hockey. Er war beliebt, geachtet. Dann wurde er wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Das Landgericht Mannheim hat den 44-Jährigen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Prozess offenbart, wie er sich das Vertrauen seiner Opfer erschlich.

Michael B., 44 Jahre, Versicherungskaufmann, wohnte bei seinen Eltern. In seinem Kinderzimmer. Als die Polizei ihn dort im Oktober 2012 abholte, wehrte er sich nicht. Er folgte den Beamten auf die Wache, schwieg zu den Vorwürfen, ging in Untersuchungshaft.

Vor dem Landgericht Mannheim brach der Jugendtrainer sein Schweigen und ließ seinen Verteidiger ein umfangreiches Geständnis ablegen: Ja, er habe in den Jahren zwischen 2004 und 2012 Jungen sexuell missbraucht, bei sich zu Hause oder bei Wochenendfreizeiten. Die Jungen seien damals zwischen zehn und 15 Jahre alt gewesen. Fragen allerdings beantwortete B. nicht.

Der Fall zeigt, wie Pädophile vorgehen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und inwieweit es gerade in der Kinder- und Jugendarbeit für Menschen mit pädophilen Neigungen um ein Vielfaches leichter ist, das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen.

Die Kammer unter dem Vorsitz von Richterin Bettina Krenz verurteilte Michael B. am Freitag zu zehn Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs in 68 Fällen, 14 davon gelten als besonders schwer. Zwölf weitere Vorfälle und der Vorwurf wegen Körperverletzung wurden eingestellt. Die von Staatsanwaltschaft und Nebenklägern geforderte Sicherungsverwahrung verhängte das Gericht nicht.

Der Prozess war zum größten Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt worden. Den Antrag hatte B.s Verteidiger Stefan Allgeier gestellt, um die Privatsphäre des Angeklagten, aber auch die Persönlichkeitsrechte der Opfer zu schützen. "In der Anklage wurden detailliert einzelne Praktiken beschrieben, das wollten wir den Geschädigten ersparen", so Allgeier. Die Vorsitzende Krenz schloss daraufhin die Zuhörer beim Verlesen der Anklageschrift, bei der Befragung des Gutachters und bei der Einlassung des angeklagten Trainers aus. Die Erklärung des Angeklagten, wenn auch nur von seinem Anwalt verlesen, ersparte den Opfern eine Aussage vor Gericht und verhinderte vielleicht auch eine Retraumatisierung.

Michael B. betreute jahrelang in Mannheimer Tennis- und Inline-Hockey-Vereinen Jugendteams. Bereits 1992 arbeitete er als Jugendwart bei einem Tennis-Club, zehn Jahre später wechselte er ins benachbarte Heddesheim, 2005 begann er erneut bei einem Mannheimer Verein. Auch war er Mitglied im Vorstand der Sportkreisjugend.

"Er hatte kein soziales Leben"

Sein sportliches Engagement war sein Lebensinhalt, für B. gab es nur Job und Trainertätigkeit. "Er hatte sonst kein soziales Leben, keine altersadäquaten Kontaktpersonen", konstatiert sein Anwalt. In dieser einzigen sozialen Insel, dem Sportverein, galt B. als umsichtig, zuverlässig - und als besonders beliebt. Als einer, der gerade für Kinder und Jugendliche "das richtige Händchen" hatte. Geschickt soll er zu seinen Schützlingen eine intensive Nähe aufgebaut haben, um Vertrauen zu ihnen aufzubauen, so rekonstruierten es die Ermittler.

Meistens verfuhr er nach dem gleichen Muster: Er widmete sich einem jugendlichen Spieler mit Hingabe, begann mit ihm über Sexualität zu sprechen, zeigte ihm pornografische Bilder und Filme, bis er sexuell übergriffig wurde und sein Opfer bat, an ihm sexuelle Handlungen vorzunehmen oder umgekehrt. Der 44-Jährige habe nicht registriert, wie er Grenzen überschritten habe, er habe sich als Freund der Jugendlichen gefühlt, sagt sein Verteidiger.

Die Mutter eines Jungen hatte B. angezeigt, ihr waren Gespräche zwischen ihrem Sohn und dem Trainer aufgefallen. Es soll dabei um sexuelle Inhalte gegangen sein. Nach ihrer Anzeige meldeten sich weitere Eltern, zeigten den 44-Jährigen an.

Michael B. sei kein Gelegenheitstäter, wie er vorgegeben habe, sondern er habe "durch sein raffiniertes Vorgehen Gelegenheiten geschaffen", sagte Staatsanwältin Miriam Zucker in ihrem Plädoyer und forderte für den Jugendtrainer zehn Jahre und sechs Monate Haft plus Sicherungsverwahrung. Denn nach Ansicht des Sachverständigen Hartmut Pleines gehöre B. "zur höchsten Risikogruppe der Rückfalltäter": Die homosexuelle Pädophilie könne nicht geheilt, nur unterdrückt werden. "Die Gefährlichkeit des Angeklagten steht außer Frage", so die Staatsanwältin, selbst mit einer Therapie seien "konkrete Erfolgsaussichten" gering.

"Keine echte Einsicht" und "höchst manipulative Fähigkeiten"

Die sechs Nebenklagevertreter schlossen sich dem Antrag der Staatsanwältin an. "Ich halte Sie für einen brandgefährlichen Menschen, vor dem man Angst haben muss", rief Rechtsanwalt Steffen Lindberg in seinem Plädoyer Michael B. zu. Der Trainer habe "keine echte Einsicht in sein Unrecht" und besitze "höchst manipulative Fähigkeiten". Lindberg, als erfahrener Strafverteidiger für klare Worte bekannt, sparte auch in der Rolle des Nebenklagevertreters nicht an Deutlichkeit: Michael B. habe die Kinder- und Jugendarbeit als Vorwand genutzt, um sich "in das Vertrauen der Kinder und ihrer Eltern einzuschleichen und immer wieder neue Opfer für seine Missbrauchsphantasien zu finden".

Lindberg vertritt das älteste Opfer, 21 Jahre alt, das jahrelang von B. missbraucht wurde und als einziger Nebenkläger am Prozess teilnahm. "Mehr als 30 Therapiesitzungen haben ihm Stabilität gegeben, dem Angeklagten gegenüberzutreten und sich mit ihm konfrontativ auseinanderzusetzen", sagt Linderberg. "Für ihn ist dies Teil der Aufarbeitung." Die Hoffnung, dass das Landgericht Sicherungsverwahrung anordnet, war groß.

Sein Mandant wolle ein Leben führen, das in Zukunft keinem schade, betonte Verteidiger Allgeier und hatte eine Haftstrafe "deutlich unter zehn Jahren" gefordert. Die Wahrscheinlichkeit, sein Vorhaben erfolgreich umzusetzen, gebe es durchaus: Michael B. habe bei seinen Taten keine sadistische Neigung gezeigt, bereue zutiefst und habe bereits begonnen, sogenannte Rückhaltemechanismen zu trainieren - eben weil homosexuelle Pädophilie nicht heilbar sei.

Nach Angaben seines Verteidigers ist B. der erste Untersuchungshäftling, der bereits vor seiner Verurteilung von Psychologen der privaten "Behandlungsinitiative Opferschutz" (Bios) behandelt wird. Bios unterhält die Forensische Ambulanz Baden (FAB), die größte ihrer Art in Deutschland.

Doch auch was diese Bemühungen des Jugendtrainers angehen, blieben die Nebenklagevertreter skeptisch. Rechtsanwalt Lindberg unterstellte dem 44-Jährigen gar, er habe selbst den Bios-Therapeuten manipuliert und ein anderes Bild von sich gezeichnet. Dass Michael B. für zehn Jahre in Haft muss, sei "ein Erfolg für die Nebenklage". Dass keine Sicherungsverwahrung verhängt worden sei, sei hingegen ärgerlich.

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