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11. November 2012, 19:42 Uhr

Kindesmissbrauch-Skandale

Die BBC ist Weltspitze - trotz allem

Ein Kommentar von , London

Der Savile-Skandal und ein Falschbericht über Kindesmissbrauch haben die BBC in eine Krise gestürzt, Sender-Boss Entwistle trat nach nur 54 Tagen im Amt zurück. Doch das Gerede vom Ableben der alten Tante ist übertrieben. Echter, unaufgeregter BBC-Journalismus wird mehr gebraucht denn je.

Die BBC ist vielleicht der beste Fernsehsender der Welt. Omnipräsent, unparteiisch und daher vertrauenswürdig - diesen Ruf haben sich die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Anstalt über Jahrzehnte hinweg erarbeitet. Das Image, eine der letzten Bastionen der Aufklärung zu sein, hat in den vergangenen Wochen jedoch erhebliche Kratzer bekommen.

Die Entzauberung der BBC begann Anfang Oktober, als der private Konkurrenzsender ITV eine Dokumentation über den verstorbenen BBC-Star Jimmy Savile ausstrahlte. Der Moderator von Pop- und Kindersendungen war eine nationale Ikone - ähnlich wie in Deutschland vielleicht Thomas Gottschalk. Nun warfen ihm Dutzende Briten vor, sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht zu haben. In den folgenden Wochen kam heraus, dass viele Menschen Saviles schon immer verdächtigt hatten, ein Kinderschänder zu sein, aber wegen seiner Prominenz wegschauten.

Damit nicht genug: Die BBC-Nachrichtensendung "Newsnight" - vergleichbar mit den deutschen "Tagesthemen" - hatte nach Saviles Tod im Herbst 2011 eine Dokumentation über seinen Kindesmissbrauch ausstrahlen wollen. Die Sendung wurde jedoch gekippt - mit der Begründung, die Beweise gegen Savile seien nicht hart genug. Stattdessen zeigte der Sender Rückblicke auf die glorreiche Karriere des Stars.

Debatte: Züge einer kollektiven Hysterie

Nun, ein Jahr später, musste sich die BBC für diese Fehlentscheidung entschuldigen. Es kam jedoch noch dicker. Je länger die Debatte um Savile lief, desto mehr nahm sie die Züge einer kollektiven Hysterie an. Andere Altstars aus den Siebzigern (Gary Glitter, Freddie Starr) wurden festgenommen, Regierung und Polizei kündigten ein Dutzend Untersuchungen an, in der Gerüchteküche im Internet wurden immer neue Namen potentieller Kinderschänder aus dem britischen Establishment genannt.

Die BBC beteiligte sich nach Kräften an dem Spiel, sie hatte schließlich etwas wiedergutzumachen. Im allgemeinen Jagdeifer schoss sie jedoch weit über das Ziel hinaus. Ein Missbrauchsopfer durfte in "Newsnight" schwere Vorwürfe gegen einen "hohen Tory-Politiker" der Thatcher-Regierung erheben. Dieser habe ihn in den achtziger Jahren in einem Kinderheim in Nord-Wales missbraucht.

Der Politiker wurde von der BBC zwar nicht namentlich genannt, im Internet kursierte jedoch alsbald sein Name. Im aufgeheizten Klima kündigte die Regierung des konservativen Premiers David Cameron eine Untersuchung an. Zwar hatte die Polizei die Vorwürfe gegen den Thatcher-Vertrauten bereits in den achtziger Jahren überprüft und entkräftet. Nun sollte jedoch genauer hingeschaut werden.

Die Anschuldigungen nahmen ein jähes Ende: Am vergangenen Freitag zog das Missbrauchsopfer seine Vorwürfe zurück, nachdem er zum ersten Mal ein Foto des Tory-Politikers gesehen hatte. Es handle sich um eine Verwechselung, erklärte er. Schon wieder stand die BBC angeschmiert da. Diesmal hagelte es Kritik, dass ihre Redakteure nicht die nötige Vorsicht hätten walten lassen und einfach unbescholtene Menschen an den Pranger stellen.

"Newsnight"-Skandal: Heilsamer Schock für alle Journalisten

Der "Newsnight"-Patzer ist nicht zu entschuldigen. Die journalistische Sorgfaltspflicht wurde verletzt. Der Rücktritt des BBC-Direktors George Entwistle nach nur 54 Tagen im Amt ist daher folgerichtig. Er hatte sich obendrein durch einen konfusen Auftritt vor einem Unterhausausschuss und einem unsouveränen Radio-Interview mit einem seiner eigenen Moderatoren unmöglich gemacht.

Doch die atemlosen Berichte, die BBC befinde sich nun in einer Existenzkrise, sind ebenso übertrieben wie die Behauptung, die Rundfunkanstalt genieße kein Vertrauen mehr in der Bevölkerung. Diese Thesen werden vornehmlich in dem Teil der britischen Presse verbreitet, dem die öffentlich-rechtliche Anstalt immer schon ein Dorn im Auge war.

Sogar Medienzar Rupert Murdoch, der vor nicht allzu langer Zeit selbst keine Verantwortung für den Abhörskandal in seinem Imperium übernehmen wollte, wagte sich plötzlich wieder aus der Deckung und forderte den Rücktritt des BBC-Bosses. Ein größeres Maß an Heuchelei ist kaum vorstellbar.

Der "Newsnight"-Skandal sollte ein heilsamer Schock für alle Journalisten sein - nicht nur für die der BBC. Die leichtfertige Behauptung von falschen Tatsachen soll auch in anderen britischen Medienhäusern vorkommen - und zwar nicht zu knapp. Das haben die Anhörungen der Leveson-Kommission gerade nachdrücklich unter Beweis gestellt.

Auch in der Savile-Debatte waren die BBC-Redakteure bei weitem nicht die einzigen Akteure, die aus Sensationsgier die allgemeine Hysterie befeuert haben. In einer ITV-Talkshow wurde Premier Cameron diese Woche mit einer Liste konfrontiert. Darauf standen Namen von potentiellen Kinderschändern aus der britischen High Society, die der Moderator gegoogelt hatte. Cameron sollte sich dazu äußern.

Es war eine billige Falle, doch der Premier behielt die Fassung. Er warnte vor einer "Hexenjagd" und forderte, die Jagd auf Kinderschänder der Polizei zu überlassen. Es ist ein Appell, der für alle Medien gilt - auch die im Ausland. Traditionell hat sich die BBC wohltuend von anderen Medien abgehoben, weil sie sich stets eine gewisse Zurückhaltung und Skepsis bewahrte. Sie sollte sich einfach auf diese Wurzeln besinnen. Dann sind auch keine weiteren Rücktritte nötig.

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