Kindesmisshandlung Lea-Marie wurde mit "bösem Tee" gequält

Verbrüht, geschlagen und mit Kalkreiniger gefüttert: Ein Ehepaar steht vor Gericht, weil es seine Tochter jahrelang gequält hat. Nach den Misshandlungen brachten sie das Kind in die Klinik, um Geld von der Versicherung zu bekommen. Ärzte und Jugendamt schöpften keinen Verdacht.

Von Dirk Böttcher, Rostock


Mit 1000 Euro habe sie gerechnet, sagte die Anklagte Mandy N. Deshalb setzte sie die Tochter in die Badewanne und übergoss die Oberschenkel mit kochendem Wasser. Da war Lea-Marie 15 Monate alt. Dann rief sie die Nachbarin und den Notarzt. Die Tochter wurde in die Rostocker Uni-Klinik gefahren. Dort erzählte die Mutter, das Kind hätte versucht, den auf dem "kippligen" Herd stehenden Kochtopf mit Kartoffeln "runterzureißen".

Angeklagte Mandy N. aus Teterow: Der Tochter gewaltsam Kalkreiniger verabreicht
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Angeklagte Mandy N. aus Teterow: Der Tochter gewaltsam Kalkreiniger verabreicht

Ein 15 Monate altes Mädchen. In den großen Saal des Rostocker Landgerichts fällt ein Schweigen. Richter Strauß beugt sich vor und fragt: "Und das hat man Ihnen abgenommen?" Ja, man hat. Die Mediziner glaubten das, Ehemann Tilo auch. Die gerade abgeschlossene Unfallversicherung bezahlte 864 Euro. "Wir kauften davon was für uns zum Leben, aber auch Kleidung und Spielzeug für die Kleine", versichert die Angeklagte.

Über vier Jahre lang quälte das Elternpaar N. aus Teterow in Mecklenburg-Vorpommern die eigene Tochter. Erst war es kochendes Wasser, dann der Teppichklopfer – am Ende Kalkreiniger mit einem Schluck Tee.

Gegen das Jugendamt und Ärzte wird ebenfalls ermittelt.

Landgericht Rostock, 2. Etage, Großer Saal – viele leere Stühle, etwa 20 Besucher und die Presse. Blasse Gesichter, rote Augen, auch Tränen. Prozessauftakt im Fall der fünfjährigen Lea-Marie, Anklage auf Misshandlung Schutzbefohlener, schwere Körperverletzung und Betrug. Den Antrag der Nebenkläger, auch "die versuchte Tötung aufzunehmen, weist der Richter zurück: "Bislang gibt es dafür keine Veranlassung."

Zu Hause "immer sauber und aufgeräumt"

Schließlich habe die Angeklagte die Tochter nach jeder Tat ins Krankenhaus gebracht. Die Angeklagte: weißer Strickpullover, kurze Haare, 27 Jahre alt. Ihre Gesicht zeigt keine Regung, als ihr Verteidiger zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis seiner Mandantin verliest: "Alle Taten haben sich wie in der Anklageschrift dargestellt zugetragen." Sie werde "alle Fragen beantworten", sagt sie noch.

Der Mitangeklagte und Ehemann Tilo sitzt drei Stühle weiter, im schwarzen Kapuzen-Shirt. Ihre Blicke werden sich während der Verhandlung kein einziges Mal treffen, das Scheidungsverfahren läuft. 1994 lernten sie sich kennen. Im August 2004 wurde geheiratet. Lea-Marie war ein Wunschkind, betonen beide. Sie geben an, guten Elternhäusern zu entstammen. "Sehr gut sogar", sagt die Angeklagte und spricht dann vom alkoholabhängigen Vater und "viel Gewalt".

Einmal sei sie bei einem Streit zwischen Vater und Mutter mit einem Messer eingeschritten. In der Schule wurde sie "bespuckt und getreten". Die Lehre schloss sie ohne Prüfung ab, heute ist sie Hausfrau. Drei Zimmer bewohnen sie, "die waren immer sauber und aufgeräumt", sagt Tilo. Der hatte früher auch Probleme in der Schule, "zwecks Mathe und Schreiben", brachte aber das Geld nach Hause. Verschiedene Bau- und Zeitarbeitsfirmen, am Ende der Schlachthof Teterow. 12 bis 17 Stunden am Tag, für 1100 bis 1400 Euro. Viel übrig blieb da nicht. Die Miete, das Auto, die Kleine. Sie, die Ehefrau, habe immer zuviel ausgegeben.

Ärzte stellten Verätzungen in der Speiseröhre fest

Immer wieder reden beide von "der Kleinen", für die sie einen Teppichklopfer im Schlafzimmer hatten, "um sie zur Räson zu bringen", wie die Angeklagte in der Anklageschrift zitiert wird. Doch trotz der Schläge wollte das Kind oft einfach nicht schlafen, dann ging Tilo N. noch vier bis fünf Mal rüber in der Nacht. Dass seine Frau mit der Kleinen überfordert war, will Tilo nie bemerkt haben. Mandy sagt, sie hatte niemanden, um darüber zu sprechen. Sie sei mit dem Wunschkind oft nicht fertig geworden, weil es "so viel Aufmerksamkeit brauchte".

Auch Herrn Weiß, der mittags immer zum Biertrinken vorbei kam, während ihr Mann arbeitete, erzählte sie nichts davon. Intim war da nichts, nur geredet hätten sie, aber nicht über die Familie. Lea-Marie war in der Kita. Sie war oft nicht zu Hause. Sie war oft im Krankenhaus. Das Ehepaar besuchte sie dort, einmal in der Woche und einmal am Wochenende. Mehr ging nicht, das Geld reichte nicht. Für die 30 Kilometer nach Demmin.

Das Kind spuckte häufig, Ärzte stellten irgendwann Verätzungen in der Speiseröhre fest. Die Angeklagte gab an, ihr Mann hätte vergessen, den Kalkreiniger aus dem Wasserkocher ordentlich wegzuspülen. Sie hätte dann einen Tee gekocht. "Ich habe den Kalkreiniger in ein Glas gegossen, einen Schluck Tee dazu und dann das Kind in den Arm genommen, den Mund gewaltsam geöffnet und ihr das verabreicht." Verabreicht. 21 Mal. "Wie viel?", fragt eine Richterin und presst die Lippen aufeinander. "Erst so viel, am Ende so viel", zeigt die Angeklagte mit den Fingern. "Ein halbes Glas also", fragt die Staatsanwältin. "Ein halbes Glas", bestätigt Mandy N. Und einen Schluck Tee.

"Ich frage mich jeden Tag, warum?"

Geschrien, gespuckt und geweint habe Lea-Marie. Die Angeklagte rief ihren Mann an, und dann fuhren sie wieder zum Arzt. "Wieso?", fragt der Richter. Er wird das während der Verhandlung noch oft fragen. Die Antwort: ein Schulterzucken. "Ich weiß, es ist Wahnsinn, was ich meiner Tochter angetan habe. Ich frage mich jeden Tag, warum?", sagt Mandy N. Tilo weint manchmal, sie nicht.

Dieses "Wieso?" wird laut Staatsanwältin Petra Below die entscheidende Frage in diesem Prozess sein. War es schlichte Überforderung oder einfach Brutalität? Die Unfallversicherung zahlt im Fall einer dauerhaften Invalidität der Tochter 150.000 Euro. Daran will die Angeklagte aber nicht gedacht haben. Mit einem Urteil wird noch in diesem Jahr gerechnet.

Lea-Marie lebt nun bei einer Pflegemutter. Sie hat einen Schlauch in der Nase, ist schwerkrank und klammert sich mit Händen und Füßen an die Pflegeperson, wenn Besuch kommt. Sie hat Angst, zurück zu den Eltern zu müssen. "Als Mama mir den bösen Tee gegeben hat, hat Papa mich immer festgehalten", sagte sie der Staatsanwältin.



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