Ungeklärter Kindsmord in Jena Keine Ermittlungen gegen NSU-Verdächtige

War Uwe Böhnhardt 1993 in einen ungeklärten Kindesmordfall in Jena verwickelt? Es gab Berichte über neue Ermittlungen - doch die Staatsanwaltschaft dementiert.

Uwe Böhnhardt (2011):
BKA

Uwe Böhnhardt (2011):


Berlin/Gera - Entgegen anderslautender Medienberichte führt die Staatsanwaltschaft Gera im Zusammenhang mit einem ungeklärten Kindsmord aus dem Jahr 1993 keine Ermittlungen gegen Personen aus dem Umfeld der rechtsextremen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Das sagte der Pressesprecher der Ermittlungsbehörde, Jens Wörmann, am Dienstagabend SPIEGEL ONLINE.

"Das 1993 eingeleitete Verfahren läuft nach wie vor gegen unbekannt", so Wörmann, "es gibt keine neuen Erkenntnisse." Zuvor hatte eine Meldung der Nachrichtenagentur dpa für Wirbel gesorgt. Unter der Überschrift "Staatsanwalt ermittelt wegen Kindermordes gegen NSU-Terroristen" berichtete dpa, dass die Staatsanwaltschaft Gera untersuche, "ob der spätere NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt für den Mord an dem neun Jahre alten Jungen im Juli 1993 verantwortlich ist". Mehrere Medien verbreiteten die Meldung, auch SPIEGEL ONLINE griff sie auf.

Auch einen weiteren mutmaßlichen NSU-Unterstützer, so dpa, halte die Ermittlungsbehörde "für einen möglichen Verdächtigen in dem Mordfall": Enrico T. Das dementierte Staatsanwaltschaftssprecher Wörmann nun gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Weder Böhnhardt noch die andere genannte Person werden in dem Verfahren als Beschuldigte geführt"; strafrechtliche Ermittlungen gegen Böhnhardt seien schon allein deshalb nicht möglich, da dieser seit November 2011 tot ist.

"Keinen konkreten Anlass" für neue Ermittlungen

Dafür, dass sich die zuständige Kriminalpolizei derzeit wieder mit dem ungeklärten Mordfall an dem neunjährigen Jungen aus Jena beschäftigt, gibt es laut Wörmann "keinen konkreten Anlass". Es handle sich lediglich um eine "routinemäßige Überprüfung" verschiedener Spuren. Dabei werde auch die Aussage von Enrico T., einem früheren Bekannten von Böhnhardt, mit einbezogen. T. fungiert im aktuellen NSU-Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft als Zeuge und wurde am 26. April 2012 von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) vernommen.

Am Ende der Befragung kam der heute 39-jährige T. seinerzeit von sich aus auf den alten Mordfall zu sprechen. Er sei damals unter Tatverdacht geraten, da sein Bootsmotor 1993 in der Nähe der Leiche gefunden wurde. "Mir wurde das Boot aber vorher gestohlen, und ich hatte es vor dem Verschwinden des Jungen schon seit einer Woche gesucht", so T. zum BKA. Er gehe davon aus, "dass mir das jemand in die Schuhe schieben wollte". Er vermute, "dass der Uwe Böhnhardt etwas damit zu tun hat. Uwe wusste wo mein Boot lag, weil wir zuvor miteinander auf der Saale gefahren waren."

Böhnhardts Motiv könne darin gelegen haben, dass "wir uns irgendwann nicht mehr so gut verstanden", so T. zum BKA. Die Mutmaßungen des vorbestraften Enrico T. sind bislang offenbar das einzige Indiz, dass auf eine mögliche Verbindung des damals 15 Jahre alten Uwe Böhnhardt zu dem Kindermord hindeuten könnte.

Die Glaubwürdigkeit der Aussagen von Enrico T. ist in Ermittlerkreisen jedoch umstritten. So ist unklar, ob T. tatsächlich nicht über mehr Wissen verfügt oder ob er womöglich von einer eigenen Beteiligung an der Tat ablenken wollte. Er selbst hat stets abgestritten, für den Mord an dem Jungen verantwortlich zu sein. Derzeit untersuchen BKA und Bundesanwaltschaft die mutmaßliche Rolle T.s bei der illegalen Beschaffung von Schusswaffen für den NSU. Dabei stießen die Fahnder bereits mehrfach auf Widersprüche in den Aussagen des Zeugen.

In dem Jenaer Mordfall von 1993 seien ihm weitere Spuren zu Böhnhardt oder anderen Personen aus dem NSU-Umfeld derzeit nicht bekannt, so Staatsanwaltschaftssprecher Wörmann.

mba/srö

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