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26. August 2005, 16:35 Uhr

Klage gegen Ärztin

Krebsbekämpfung auf Keksdosendeckeln

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Scharlatanerie oder Verleumdung? Eine Ärztin aus einer westfälischen Kleinstadt soll ihren Patienten mit falschen Diagnosen und bizarren Behandlungsmethoden Schaden zugefügt haben. Jetzt will die zuständige Ärztekammer die mutmaßlich unseriöse Kollegin verklagen.

Hamburg - Eine Frau geht zum Arzt. Sie ist schwer krebskrank und hat ihre Chemotherapie abgebrochen, weil man ihr versprochen hat, dem Tumor in ihrer Gebärmutter mit neuen Methoden aus den USA zu Leibe zu rücken. Ihr gegenüber steht die Medizinerin, auf die sie alle Hoffnung setzt. Die heißt sie, sich zu entkleiden und breitbeinig über ein Stück Fleisch zu stellen, das auf einem Keksdosendeckel auf dem Fußboden liegt. Die Frau gehorcht, ihre Familie verfolgt irritiert das bizarre Ritual.

Krebs sei ansteckend, erklärt die Fachärztin für Innere Medizin den verwirrten Besuchern. Die "bösen Strahlen" des Tumors könne man allerdings mit Hilfe "anderer böser Strahlen bekämpfen". Deshalb solle die Kranke sich über das von Krebszellen befallene Uterus-Gewebe stellen. Eine Blitz-Therapie - ohne vorausgehende Anamnese, ohne Untersuchung und ohne persönliches Gespräch.

"Ich kann Krebs heilen", soll die Ärztin aus einer westfälischen Kleinstadt im Januar 2003 versprochen haben. Zweieinhalb Wochen später war die Patientin tot. Sie starb in der Notaufnahme eines Krankenhauses, in das die vermeintliche Wunderheilerin sie in letzter Sekunde noch überwiesen haben soll.

So berichtet es der Marler Anwalt Stefan Hermann, der den Witwer der Krebskranken sowie zwei weitere Patienten der Ärztin in Schadenersatz-Prozessen vertritt. "Was hier passiert ist, kann ich nur als absolut menschenunwürdig bezeichnen", erklärt Hermann SPIEGEL ONLINE. Die Ärztin wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern.

Patientenanwalt Hermann ist überzeugt, dass die Lebenserwartung der Krebskranken durch die Behandlung der Allgemeinmedizinerin radikal verkürzt wurde. Der Witwer macht Schmerzensgeldforderungen in Höhe von 200.000 Euro geltend. Das Verfahren um Prozesskostenhilfe ist in erster Instanz vom Landgericht Essen abgewiesen worden. In der Begründung vom 4. August 2005 heißt es, das Positionieren des Keksdosendeckels zwischen die Füße der Patientin dürfe weder schmerzhaft noch erniedrigend oder demütigend für die Frau gewesen sein, "so dass ein Schmerzensgeld auch unter dem Gesichtspunkt einer erheblichen Verletzung des Persönlichkeitsrechtes nicht in Betracht kommt". Der Ehemann der Verstorbenen hat jetzt Beschwerde gegen den Beschluss eingereicht. Hermann hofft, dass der Fall am Oberlandesgericht Hamm neu verhandelt wird.

Krebs durch Parasiten - der "Zapper" hilft

Die in die Kritik geratene Ärztin beruft sich einem Bericht der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" zufolge auf die Theorien der US-Amerikanerin Hulda Clark. Die behauptet, sie könne Krebs, Aids und weitere schwere Krankheiten heilen. Clark ist der Überzeugung, sämtliche Krebsarten würden durch Umweltgifte und einen einzigen Darm-Parasiten hervorgerufen, der, sobald er auf weitere Organe wie Nieren, Gebärmutter oder Leber übergehe, "eine Menge Schaden anrichten kann".

"Wenn Sie diesen Parasiten vernichten, wird der Krebs sofort aufhören", so die Wunderheilerin in einer Videobotschaft. Um dem Parasiten den Garaus zu machen, hat die umtriebige Geschäftsfrau den "Zapper" entworfen - ein elektrisches Gerät, das Bakterien und Viren zerstört, das menschliche Gewebe aber nicht angreift. Über mehrere Websites wird die von Schulmedizinern als vollkommen wirkungslos bezeichnete Apparatur vermarktet und in alle Welt vertrieben.

Eine zweite Mandantin des Marler Anwalts Hermann soll unfreiwillig Opfer dieser bizarren Theorie geworden sein: Im November 2003 wandte sie sich wegen akuten Herzrasens und Atemnot an die mutmaßliche Kurpfuscherin. Die Ärztin habe auch hier auf eine eingehende Untersuchung verzichtet und umgehend ihre Diagnose gestellt, erklärt Anwalt Hermann: Die Frau habe sich mit Coxsackie-Viren infiziert, nach einem Ort in der Nähe von New York benannten Erregern, die Erkältungskrankheiten, Hautausschläge aber auch Hirnhaut- oder Herzmuskelentzündung hervorrufen können. Und damit nicht genug: "Sie haben nicht mehr lange zu leben", soll die Medizinerin der schockierten Patientin gesagt und daraufhin auch deren Sohn in die Praxis gebeten haben, weil die Viren hoch ansteckend seien.

Auf Geheiß der Ärztin soll der angeblich ebenfalls an dem potentiell lebensbedrohlichen Virus erkrankte 19-Jährige über Nacht den Clarkschen "Zapper" mit Klebeband an seinem Bein befestigt haben. Das Ergebnis laut Hermann: Der junge Mann konnte nicht schlafen, hatte Angstzustände und befindet sich seitdem in psychiatrischer Behandlung. Eine Begutachtung durch andere Ärzte ergab dem Anwalt zufolge, dass er kerngesund sei - von den seelischen Spätfolgen der Behandlung abgesehen. Auch der Mutter hätten weniger esoterisch orientierte Mediziner schlicht das stressbedingte Auftauchen psychosomatischer Beschwerden attestiert. Von Infektionen keine Spur.

Therapie und Scharlatanerie

Wegen unseriöser Behandlungsmethoden will nun auch die Ärztekammer Westfalen-Lippe gegen die umstrittene Medizinerin klagen. "Wir werfen der Ärztin vor, gegen ihre Berufspflichten verstoßen zu haben. Sie hat Therapien empfohlen und durchgeführt, die wir nur als Scharlatanerie bezeichnen können", erklärte Klaus Dercks von der Ärztekammer in Münster SPIEGEL ONLINE.

Mehrere Patienten hätten sich bei der Organisation, die 37.000 Ärzte der Region vertritt, beschwert. Am Mittwoch entschied der Vorstand, den Fall vor Gericht zu bringen. Bei einer Verurteilung muss die Medizinerin schlimmstenfalls damit rechnen, dass man sie der Ausübung des Arztberufes als "unwürdig" bezeichnet. Das könnte zur Folge haben, dass ihr die Zulassung entzogen wird.

Um einem Missbrauch vorzubeugen, könne man jedem Patienten nur raten, genau zu prüfen, was ein Mediziner ihm empfiehlt, sagt Ärztekammer-Sprecher Dercks: "Rein rechtlich betrachtet, treffen sich bei einem Arztbesuch zwei erwachsene Menschen, die einen Vertrag miteinander abschließen - solange beide damit glücklich sind, ist dagegen auch gar nichts zu sagen."

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