Klein-Pakistan in London Wut in der Terrorzone

In dem Stadtteil von London, in dem sieben junge Männer verhaftet wurden, wächst die Wut der Muslime. Politik und Medien hätten dafür gesorgt, dass ihr Wohnort in aller Welt als Terrorzone wahrgenommen wird. Sie fordern Fairness - auch gegenüber den Terrorverdächtigen.

Aus London berichtet


London - Safina Zaman ist außer sich. "Mein Bruder ist unschuldig", sagt die junge Frau über ihren 22-jährigen Bruder Waheed, den die Polizei am Donnerstag verhaftet hat. "Er war ein gläubiger Muslim und er hat fünfmal am Tag in der Moschee dort gebetet, aber das macht ihn noch lange nicht zum Terroristen", sagt sie den Journalisten vor dem Reihenhäuschen der Familie und zeigt auf das Gebäude mit der Aufschrift "Masjid-e-Umer" auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber dem Haus der Zamans. "Waheed wollte eigentlich Polizist werden, im forensischen Dienst, er studiert Biologie an der London Metropolitan University." Safina erzählt, dass ihr Bruder gerne Fastfood esse und Fußball liebe.

Imam vor der Masjid-E-Umer-Moschee: "Als Reporter haben Sie hier nichts verloren"
REUTERS

Imam vor der Masjid-E-Umer-Moschee: "Als Reporter haben Sie hier nichts verloren"

Ein ganz normaler junger Mann mit pakistanischen Wurzeln und britischem Pass also, der sich als Präsident der muslimischen Studentengruppe seiner Universität engagierte und sich um die Integration von Muslimen in der britischen Gesellschaft kümmerte, wie Safina Zaman behauptet? Oder ein Terrorist, der in einem Flugzeug eine Bombe explodieren lassen und Hunderte Menschen mit sich in den Tod reißen wollte, wie Scotland Yard vermutet?

Safina Zaman hält ihren Bruder für ein "Bauernopfer", man wolle von den wahren Verantwortlichen ablenken, außerdem gelte bis zum Beweis seiner Schuld die Unschuldsvermutung, aber Waheed sei ohnehin nichts nachzuweisen, weil er ja tatsächlich unschuldig sei. Mehr kann sie nicht sagen, weil jetzt Polizisten kommen und die Familie Zaman abholen, um sie an einen unbekannten Ort zu bringen - "zu ihrer eigenen Sicherheit", wie ein Polizeibeamter sagt. Vorher noch hatten ein paar Sicherheitsleute versucht, die Journalisten mit einer improvisierten Pressekonferenz ein paar Meter vom Haus der Zamans entfernt abzulenken, damit sie vom Abtransport nichts mitbekommen. Ein paar fallen darauf herein.

Letzte Haltestelle: Klein-Pakistan

Walthamstow liegt am Rande von London, die letzte Station im Nordosten mit der U-Bahn. Hier leben vor allem pakistanische Einwanderer, teils in dritter Generation. Urdu hört man hier genauso häufig wie Englisch, aus manchen Häusern dröhnt Musik aus Bollywood-Spielfilmen. Der Lebensmittelladen heißt "Munir Food Store", das Reisebüro "Chaudhary Travel" und der Modeladen "Mughal Fabrics" - Walthamstow, sagt der 25-jährige Student Shah, ist Little-Pakistan, ein "fröhlicher, schöner Stadtteil". "Bisher war das kein Problem, und ich hoffe, dass das so bleibt", sagt er. Er zeigt auf die Kamerateams mehrerer Fernsehsender vor dem verwaisten Haus der Zamans. "Die sorgen leider dafür, dass die Menschen uns mehr und mehr hassen."

Shahs Freund Usman sagt, mit Flüchen auf Urdu und dazwischen ein paar mal "fucking" garniert, er verstehe nicht, warum für sie, die Muslime, die Regel nicht gelte, dass man unschuldig sei, bis die Schuld bewiesen ist. "Wenn ein Weißer verdächtigt wird, irgendetwas ausgefressen zu haben, dann wird in der Presse nicht mal sein Name genannt. Aber wenn Muslime verdächtigt werden, veröffentlicht man gleich die ganze Liste samt Adresse."

Darüber ist auch die Polizei verärgert. "Wir waren es nicht, die das bekannt gegeben haben", sagt ein Beamter. "Das war die Bank, die die Konten der Verdächtigten eingefroren hat." Die Zeitung "Evening Standard" veröffentlichte daraufhin sogar eine Straßenkarte von Walthamstow mit Angabe von Straßenname und Hausnummer. "Jetzt haben wir den Scheiß und müssen die Familien in Sicherheit bringen und hier Wache halten."

"Als Reporter haben Sie hier nichts verloren"

In der Moschee von Walthamstow, gegenüber dem Haus der Zamans, finden sich am späten Freitagabend Männer, überwiegend in weißen Gewändern und mit langen Bärten, zum Gebet ein. Als ihnen ein paar Reporter in das Gebäude folgen, schmeißt der Imam sie raus. "Sie können hier gerne beten, als Reporter haben Sie hier aber nichts verloren." Er nimmt Zettel und drückt sie den Journalisten in die Hände. Darauf steht, dass man Toleranz predige und einen Ort wolle, wo Menschen mit verschiedenen kulturellen Wurzeln friedlich zusammenleben könnten. Die Zunahme von Extremismus sei eine Herausforderung für die muslimische Gemeinde, man müsse härter daran arbeiten, allem zu begegnen, was die Gemeinde spalten könnte.

Dann ruft der Imam zum Gebet auf, die Männer stehen auf und beginnen mit der rituellen Lobpreisung Allahs. Nach fünf Minuten ist das Gebet vorbei - kein Wort zu den Verhaftungen, zum Terror, nichts.

Die Männer verlassen die Moschee wieder, einer von ihnen beschimpft die Journalisten, sie sollten zur Hölle fahren und keine Lügen verbreiten, all das sei sowieso nur eine jüdische Weltverschwörung. "Allah ist groß", schreit er noch, schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt davon. Die Journalisten und die Polizisten lachen.

Ein junger Mann, der mit seinem Hund spazieren geht, bleibt vor der Moschee stehen. "Was für ein Vollidiot", sagt er, schaut dem Davonradelnden hinterher und schüttelt den Kopf. Majid ist 20, in London geborener Sohn pakistanischer Einwanderer und selbst Muslim. "Leider ruinieren solche Leute unseren Ruf", sagt er. "In einem hat er aber Recht: Man soll bitte nicht so tun, als wäre Walthamstow jetzt der schlimmste Ort der Welt. Das wäre nämlich wirklich eine Lüge."



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