Knast-Schmuggel Beruf Anwalt, Nebenjob Drogenkurier

Vom Verteidiger zum Angeklagten: Rechtsanwalt Norbert K. versorgte seine Mandanten im Knast mit Drogen. In Brötchen und Schokoriegeln schmuggelte er das Rauschgift in ein niedersächsisches Gefängnis. Jetzt kommt er selbst hinter Gitter - was trieb ihn nur an?

Von , Lüneburg


Lüneburg - Als einziger von drei Angeklagten hat Norbert K. zwei Verteidiger. Es sind Kollegen, die den 48-jährigen Rechtsanwalt vor dem Landgericht in Lüneburg vertreten. Die Vorwürfe sind ihm sichtlich unangenehm. Der untersetzte Norbert K., Brille, Bügelfaltenhose, Hemd und teigiger Teint, versteckt sein Gesicht kurzzeitig hinter den wachsweichen Händen, als die Staatsanwältin die Anklage verliest.

Drogentransport mit festem Vertriebssystem: "Es war völlig irrational"
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Drogentransport mit festem Vertriebssystem: "Es war völlig irrational"

Norbert K. soll demnach zwischen Mai 2005 und Juli 2007 Drogen in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen eingeschmuggelt haben, und zwar in "nicht geringen Mengen". Ein Kontaktmann soll sie dort "Gewinn bringend weiterverkauft" haben. Bis zu 750 Gramm Haschisch schleuste der Jurist in den Knast, wenn er einen seiner Mandanten besuchte.

Es war ein Drogentransport mit ausgeklügeltem System: Norbert K. schmuggelte zuerst ein Handy ins Gefängnis, damit der dort inhaftierte Matteo M. entsprechende Bestellungen an Drogendealer in Lüneburg und Wolfsburg in Auftrag geben konnte.

Mal besorgte "Francesco aus Lüneburg", mal "Franco aus Wolfsburg" oder "die Russen aus Wolfsburg" das Rauschgift und übergaben es zunächst an Bernd G., einen Kleinkriminellen aus Hannover. Der traf sich daraufhin mit dem Anwalt aus Osnabrück und überbrachte ihm die Pakete. Meist waren es zwischen 250 und 750 Gramm Haschisch. Aber auch Kokain, Heroin und Marihuana soll das Trio in den Knast geschleust haben.

Vertrauensstellung der Strafverteidiger ausgenutzt

Norbert K. mogelte die Drogenrationen in Baguettebrötchen und Snickers-Riegeln in eines der Besucherzimmer, in denen Häftlinge mit ihren Anwälten allein sein dürfen. K.s Mandanten verzehrten die präparierten Lebensmittel und schieden die darin befindlichen Drogentütchen in ihrer Zelle wieder aus. Einem Häftling gelang es gar, eine Lieferung in seiner Unterhose in den Gefängniswohntrakt zu schmuggeln – trotz angeblich intensiver Kontrolle durch Justizvollzugsbeamte.

Dass Norbert K. nicht kontrolliert wurde, liegt in der Vertrauensstellung begründet, die Strafverteidiger in Niedersachsen genießen. Im Gegensatz zu anderen Gefängnisbesuchern müssen die Anwälte hier weder die Sicherheitsschleusen mit Metalldetektoren passieren noch eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen.

Hinter Gittern übergaben K.s Mandanten das Rauschgift an Matteo M., einen 34-Jährigen mit langer Drogen- und Knastkarriere. Er versorgte die Insassen der JVA Uelzen mit Stoff. "Jeder hat mal was gekauft, über die Hälfte unseres Hafthauses hat Haschisch konsumiert", sagt er vor Gericht. Das Geld dafür mussten die Abnehmer auf ein bestimmtes Konto überweisen.

Mitgefangene verpfiffen Matteo M. Drogenermittler des Landeskriminalamtes Hannover hörten sein Handy ab. Als Norbert K. am 4. Juli 2007 wieder den Besprechungsraum des Uelzener Gefängnisses betrat, wurde er auf frischer Tat ertappt: Er hatte 482 Gramm Haschisch bei sich.

"Geld war nicht das Motiv"

Warum ließ sich Norbert K. zu dieser Straftat verführen? Warum setzte er seine Zulassung als Rechtsanwalt aufs Spiel?

"Er hatte eine Zeit, in der es ihm psychisch schlecht ging", lässt er über einen seiner Verteidiger erklären. Er sei in jener Zeit "nicht abgrenzungsfähig" gewesen. "Er weiß, dass er sich nicht nur strafrechtlich, sondern auch ethisch-moralisch einen Vorwurf gefallen lassen muss. Er kann es heute nicht mehr nachvollziehen, warum er das getan hat und es nicht schaffte, sich zu distanzieren."

Norbert K. stammelt vor Gericht lediglich: "Es war völlig irrational."

Sein Motiv nach Auffassung der Staatsanwaltschaft: "Norbert K. erschloss sich auf diese Weise eine Einnahmequelle erheblichen Umfangs, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte." Norbert K. soll nach Angaben des Drahtziehers Matteo M. 500 Euro, nach eigenen Angaben nur 250 Euro pro Transport erhalten haben. Auf das dezidierte Nachfragen der Staatsanwältin antwortet der 48-Jährige fahrig: "Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie viel Geld ich bekommen habe. Das Geld war nicht das Motiv."

Vergleich mit gierigen Politikern und Top-Managern?

Was dann? "Gutachter müssten nun herausfinden, warum er der Verführung erlegen ist, wenn Geld keine Rolle spielte", sagt Stephan Lermer, Psychologe und Gerichtsgutachter. "Aber es wird immer bei einem Erklärungsversuch bleiben und keine Entschuldigung sein." Es sei nicht selten, dass Juristen eine Affinität zu Kriminellen haben und eine gewisse Faszination verspüren, sagt Lermer. "Was nicht heißt, dass jene immer kriminell werden."

Kriminelle Juristen könne man mit Top-Managern und Politikern vergleichen, die es "grundsätzlich nicht nötig haben" und doch "einer Gelegenheit oder der Gier" erlägen. Im Fall Norbert K. könne es auch um Machtgefühle gegangen sein. "Nicht jeder Durchschnittsmensch kommt an Drogen ran oder genießt kontrollfreien Zugang zu Gefängnissen", sagt Lermer. Vielleicht habe Norbert K. nur schlicht seine Lebensplanung ruiniert und den Vorfall verdrängt. "Männer gelten als Verdrängungskünstler."

Auf der Anklagebank sitzen außer Norbert K. der 49 Jahre alte Bernd G., der ihm den Stoff übergab, und Matteo M., der Drahtzieher des Drogenhandels. Die Zweite Strafkammer machte den drei Angeklagten zu Prozessauftakt in dieser Woche ein reizvolles Strafangebot: Norbert K. und Bernd G. sollen dem Vorschlag zufolge höchstens zwei Jahre und sechs Monate in Haft, wenn sie umfassend gestehen. Der Rechtsanwalt, der seine Zulassung schon zurückgegeben hat, bekommt zusätzlich noch drei Jahre Berufsverbot. Beide willigten ein. Es ist ein glimpfliches Urteil, in dem "wir berücksichtigt haben, dass Norbert K. bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung trat", sagte die Vorsitzende Richterin Katharina Thaysen-Bender.

Matteo M. soll drei Jahre und zehn Monate Haft bekommen - auch er willigte in dieses Angebot ein. Ob er zusätzlich Sicherungsverwahrung erhält, will das Gericht am Ende des Verfahrens prüfen. Entscheidend dafür sind heute die Aussagen der Gutachter, bei denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist.



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