SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Februar 2011, 17:51 Uhr

Koblenzer Missbrauchsprozess

Ein Jugendamt schaut weg

Von , Koblenz

Wieso schöpfen Mitarbeiter eines Jugendamtes keinen Verdacht, wenn eine junge Frau in zehn Jahren achtmal schwanger wird? Im Fall des Koblenzer Missbrauchsprozess lautet die Antwortet: Chaotische Aktenführung sowie träge und gleichgültige Angestellte.

Das ist der Fall, der derzeit in Koblenz verhandelt wird: Ein Familienvater konnte zehn Jahre lang und mehr seine eigene Tochter, anfangs ein Kind noch, als Sexualobjekt benutzen. Er konnte sie in seiner Anwesenheit gegen kleines Geld von brutalen Freiern vergewaltigen lassen und dabei auch noch mitmachen. Er hat seine Stieftochter achtmal geschwängert und die ganze Familie unter Einsatz körperlicher und psychischer Gewalt schlimmsten Ausmaßes zum Schweigen und Stillhalten und Mitmachen verdammt. Die Wahrheit darüber drang höchstens in Form von Gerüchten nach draußen, erst die Staatsanwaltschaft bringt jetzt diese Taten, die längst nicht mehr nur mutmaßliche sind, ans Licht.

Wenn ein Fall so gelagert ist, dann zeigt er, dass nicht nur dieser Mann Detlef S. versagt, dem zurzeit in Koblenz der Prozess gemacht wird. Dass er in seinem Haus in Fluterschen im Westerwald solch ein widerliches Schreckensregime führen konnte, haben auch Personen zu verantworten, die sich heute hinter komplettem Erinnerungsverlust, Nicht-Zuständigkeit oder Blauäugigkeit verstecken, die schon an Torheit grenzt.

Den Auftakt zum vierten Verhandlungstag vor der 4. Strafkammer des Koblenzer Landgerichts bildete am Mittwoch zunächst der Zeugenauftritt von Erika S., 52, der Ehefrau des Angeklagten. Sie hat 1987 vier kleine Kinder in die Ehe mitgebracht, ein Mädchen und drei Jungen, und weitere vier geboren, wieder ein Mädchen und drei Jungen.

Dann erlahmte offenbar das Interesse des Ehemannes an ihr, und er wandte sich seiner Stieftochter, später auch seiner leiblichen Tochter und inzwischen sogar einer Enkelin zu, die zugleich seine Tochter ist.

Wer Frau S. gesehen hat, begreift plötzlich, dass es auch eine Hölle auf Erden gibt.

Mit dem Blick eines waidwund geschossenen Tieres betritt sie den Saal durch eine Nebentür - eine dünne, gebeugte Frau mit grauem, eingefallenem Gesicht. Unsichere Schritte bis zum Zeugenstuhl. Sie will nicht aussagen. Vielleicht wollte sie es, wagt es aber nun doch nicht angesichts des nur wenige Meter entfernten Ehemanns auf der Anklagebank.

Vor der Saaltür bedauert einer ihrer Söhne, auch er ein nervös zitterndes Bündel voller Angst, dass die Mutter schwieg. Sie wolle sich scheiden lassen, sagt er in die Mikrofone. Jetzt, da alles zu spät ist.

"In Ihrer Akte herrscht heilloses Chaos!"

Für diesen Mittwoch standen als Zeugen auch jene Mitarbeiter des Jugendamts Altenkirchen auf dem Programm, die mit dem in der deutschen Justizgeschichte fast beispiellosen Fall aus dem Westerwald in den vergangenen Jahren zu tun hatten. Harsche Kritik an der Aktenführung, die nicht mehr nachvollziehbar macht, was wann wer getan oder gewusst hat - das Übliche, das kennt man.

Doch eine Sozialarbeiterin, zum Glück vor elf Jahren schon aus der Behörde ausgeschieden, die sich an wirklich gar nichts mehr erinnert?

Fluterschen ist ein Dorf mit 750 Einwohnern. Da wird es auch damals nicht so viele Familien vom Kaliber der S.s gegeben haben. Ein Vorsitzender Richter, der da nicht aus der Haut fährt, sondern einen beunruhigenden Vermerk nach dem anderen, den sie damals angefertigt hatte, geduldig vorhält, beweist Haltung. Nur einmal fragt er: "Muss ich Ihnen wirklich alles vorlesen?" Ja, er muss.

Mindestens 16 Mal sagt sie: "Keine Erinnerung", wortloses Schulterzucken nicht mitgerechnet. Nicht einmal, als der Beisitzer mit Nachdruck allein acht Vorkommnisse zwischen März und Mai 2002 zitiert, die alle Alarmglocken im Jugendamt Altenkirchen hätten schrillen lassen müssen, kehrt die Erinnerung zurück. "In Ihrer Akte herrscht heilloses Chaos! Haben Sie überhaupt etwas richtig abgeheftet?" Der einzige Satz, den diese Zeugin hervorbringt, lautet: "Ich hoffe, damals alles nach bestem Wissen und Gewissen gemacht zu haben." Sie hofft.

Wieso schreckte das Amt nicht auf bei acht Schwangerschaften in Serie?

Es gibt Lücken in den Akten, ausgerechnet zwischen 1998 bis 2002 und dann wieder bis 2008. Zufall? Auch die nächste Zeugin, die 1998 in einem Bericht für die Staatsanwaltschaft schrieb, die "tatsächliche Situation der Kinder wird als undurchsichtig eingeschätzt", kann sich die Lücken nicht erklären.

Sie weiß gut Bescheid, sie erinnert sich sogar noch daran, dass sie, als sie die Familie S. übernahm, deren Akte aus der Vergangenheit nicht ansah. Und sie erinnert sich auch, dass vor allem die Stiefkinder S.s immer wieder Hinweise gaben, um Hilfe baten, von zu Hause wegwollten - und dann, wenn S. sie wieder in seiner Gewalt hatte, alles abstritten. Oder schwiegen. "Es war ein ewiges Hin und Her."

Die Stieftochter, die S. schon schwängerte, als sie 16 war, und ein Jahr später gleich wieder und wieder bis 2009 - wäre hier nicht Anlass gewesen, den Gerüchten, S. sei der Vater, nachzugehen?

Glaubte man im Jugendamt wirklich die Geschichten, die die junge Frau dort erzählte: von wegen unbekannter Männer, mit denen sie nach Discobesuchen Geschlechtsverkehr gehabt habe und an die sie sich nicht mehr erinnere? Wie naiv muss man sein oder wie gleichgültig, wenn man dann vor Gericht sagt: "Ja, wenn keine Meldung kommt, dann sehe ich auch keinen Handlungsbedarf." Und: "Es war ja ein gutes familiäres Klima."

"Wir können Hilfen nicht aufzwingen"

Man habe die junge Frau "stärken" wollen, sagt die Zeugin, eine Sozialarbeiterin mit Diplom. "Ich war sehr erschrocken, als ich sah, dass die Frau mit sieben Kindern auf 45 Quadratmetern bei ihren Eltern zu Hause lebte. Sie schlief auf einem Sofa zwischen den Zimmern, die Kinder hatten zum Teil kein eigenes Bett. So ging es nicht." Dass die Misere sich nicht auf 45 Quadratmeter beschränkte, entging ihr.

"Es ist nicht meine Aufgabe, Vaterschaften festzustellen oder klären zu lassen, wenn die Mutter es nicht will", sagt sie trotzig als Zeugin. "Wir können Hilfen nicht aufzwingen." "Kam es Ihnen nicht komisch vor, dass die junge Frau immer mit ihrem Stiefvater erschien?", fragt eine Anwältin. "Es kommt ganz auf die Beziehung an", lautet die Antwort. Erst 2008 sei ihr aufgefallen, dass S. sich dagegen sträubte, fremde Leute ins Haus zu lassen.

Dann kam der Leiter des Jugendamts, Hermann Josef Greb, seit zwei Jahren erst im Amt. Er gibt immerhin zu, dass man "zeitweise wohl recht nahe dran war" und nicht viel gefehlt hat, "das riesige Ausmaß des Geschehens" zu erkennen.

Trotzdem: "Wenn eine Minderjährige schwanger wird, muss das Jugendamt ja nicht gleich das Schlimmste vermuten." Man habe schon festgestellt, dass da viele Kinder hintereinander gekommen seien. "Aber dass es der Stiefvater gewesen sein könnte? Wir hatten keinen Verdacht."

In spektakulären Fällen von Kindstötung oder Verwahrlosung geraten die Jugendämter schnell in die Schusslinie vor allem der Medien, nicht immer ganz zu recht. Ihre Arbeit ist eine Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Kontrolle.

Im Fall S. aber wurde am Mittwoch im Koblenzer Gerichtssaal nur die Spitze eines ganzen Gebirges von Versagen sichtbar. "Welchen Eindruck machte der Angeklagte auf Sie?" fragt der psychiatrische Sachverständige Gerhard Buchholz jeden der Zeugen. Und jeder sagt ungefähr das Gleiche: Er war darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen.

Damit gab man sich offensichtlich zufrieden.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung