Callcenter-Mafia SEK nimmt Kölner Rocker wegen Oma-Abzocke fest

Mit Abzocke am Telefon macht die Callcenter-Mafia enorme Gewinne. In Köln haben Spezialkräfte den 24-jährigen Bandido Birkan A. festgenommen - er und sein Bruder sollen arglose Senioren getäuscht haben.

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Drogen, Schutzgeld, Menschenhandel. Es sind die Klassiker der organisierten Kriminalität, die einigen Teilen des Rockermilieus lukrative Einnahmen bescheren. Egal ob Hells Angels, Bandidos oder Mongols - der breitbeinige Auftritt ist Teil des Geschäftsmodells.

Doch wenn es ums Geldverdienen geht, ist das Image egal. Omas um ihre Rente betrügen? Nicht unbedingt ein Deliktsbereich, in dem man Rocker wie Birkan A. vermutet. Allerdings haben Spezialkräfte den 24 Jahre alten Bandido nach Informationen von SPIEGEL TV am Freitag im Kölner Stadtteil Zollstock verhaftet, wegen des Verdachts des bandenmäßigen Betrugs.

Die Beamten der Ermittlungsgruppe "Notruf" der Kölner Polizei haben Birkan A. und weitere Mitglieder von Rockerklubs im Verdacht, tief in per Telefon organisierte Seniorenabzocke verstrickt zu sein. "Wenn man immer noch Hinweise auf mafiöse Strippenzieher bei den Telefonabzockern brauchte: bitteschön", sagt ein Ermittler.

Seit Sommer vergangenen Jahres verzeichnen Kölner Fahnder einen massiven Anstieg von Fällen, bei denen sich Anrufer aus der Türkei am Telefon als Kriminalbeamte ausgeben. In teils stundenlangen Gesprächen bedrängen die Täter ihre hochbetagten Opfer mit Geschichten über angeblich flüchtige Verbrecher in der Nachbarschaft so lange und nachdrücklich, bis sie Bargeld oder Schmuck an falsche "Zivilpolizisten" an der Haustür aushändigen.

Allein in Köln entstand so in den vergangenen Monaten ein nachweisbarer Schaden von rund 400.000 Euro - und das Dunkelfeld an nicht angezeigten Taten ist wohl noch um einiges größer.

Die sogenannte "Callcenter-Mafia" überhäuft seit Jahren Tausende Senioren in ganz Deutschland mit Anrufen. Die Gewinne der Abzockbranche sind gigantisch, das BKA schätzt den jährlichen Gesamtschaden auf einen dreistelligen Millionenbetrag (Sehen Sie hier die SPIEGEL-TV-Reportage über das schmutzige Geschäft der Callcenter-Mafia).

Der Bruder floh in die Türkei

Offenbar haben das auch kriminelle Rocker gemerkt. Die explodierenden Fallzahlen führen die Kölner Ermittler auf Aktivitäten des festgenommenen Bandidos Birkan A. und seines großen Brudes Erkan zurück. Bis zu seiner Flucht in die Türkei war Erkan A. führendes Mitglied des mittlerweile verbotenen Kölner Hells-Angels-Charters "C-Town". Der wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung mit internationalem Haftbefehl gesuchte Höllenengel soll nun von Izmir aus für die Logistik der Betrugstaten zuständig sein - mit seinem Bruder Birkan A. als mutmaßlichem Helfer vor Ort in Köln.

Die vor allem aus türkischen Callcentern operierenden Anrufer sind auf Unterstützung angewiesen, irgendjemand muss die Beute bei den Geschädigten in Deutschland als falscher "Zivilpolizist" abholen. Darum soll sich den Ermittlungen zufolge Birkan A. gekümmert haben. In mindestens einem Fall soll er auch selbst als Abholer von Beute unterwegs gewesen sein - ausgerechnet ein Rocker gab sich offenbar an der Haustür des Betrugsopfers als Vertreter der Staatsmacht aus.

Birkan A. war vor wenigen Wochen den Bandidos offiziell beigetreten - ein kontroverser Schritt angesichts seiner engen familiären Bindungen an die Hells Angels. Zweimal schon kam es in diesem Jahr zu Schießereien im Kölner Stadtgebiet. Hintergrund sind wohl neu aufgeflammte Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Rockergruppen. Die nun öffentlich gewordenen mutmaßlichen Betrugsgeschäfte der Gebrüder A. könnten die Kölner Rockerszene weiter in Aufruhr versetzen.



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