Hessen und NRW Weitere Festnahmen - Ermittler gehen von größerer Dimension in Missbrauchsfall aus

Sechs Männer sind in Nordrhein-Westfalen und Hessen festgenommen worden, weil sie Kinder missbraucht haben sollen. In ihren Chats sollen bis zu 1800 Personen angemeldet gewesen sein.

Ulrich Bremer und Uwe Jacob: Eine "Mammutaufgabe" für die Ermittler
Roberto Pfeil/ dpa

Ulrich Bremer und Uwe Jacob: Eine "Mammutaufgabe" für die Ermittler


Es begann mit einer einzelnen Festnahme Ende Oktober - und wächst sich nun zu einer "Mammutaufgabe" für die Ermittler aus: Ein Missbrauchsfall mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen nimmt immer größere Ausmaße an: "Es ist das eingetreten, wo wir alle gehofft haben, dass es nicht eintreten wird", sagte der Kölner Polizeipräsident Uwe Jacob bei einer Pressekonferenz am Nachmittag.

Insgesamt haben die Ermittler bislang sechs Tatverdächtige festgenommen, acht mutmaßliche Opfer sind bekannt. In allen Fällen geht es den Ermittlern zufolge um schweren sexuellen Missbrauch.

Die Männer sollen sich an ihren eigenen Kindern oder Stiefkindern im Alter von bis zu elf Jahren vergangen haben. Dem Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer zufolge hat der Fall vermutlich ein noch größeres Ausmaß. "Wir müssen mittlerweile davon ausgehen, dass es weitere Verdächtige gibt", sagte er bereits am Vormittag.

Die Verdächtigen sollen die Taten gefilmt oder fotografiert und das Material über Chats ausgetauscht haben, teilweise in Gruppen mit bis zu 1800 Mitgliedern. Das heiße nicht, dass jeder Chat-Teilnehmer ein Straftäter sei, sagte Jacob. Die Ermittler müssten jedoch jeden identifizieren und überprüfen.

Fünf der sechs festgenommenen Männer leben in unterschiedlichen Orten in Nordrhein-Westfalen:

  • Am Dienstagabend nahmen Polizisten einen 38-Jährigen in Krefeld fest. Der Mann soll sein eigenes Kind missbraucht haben. Die Wohnung des Mannes wurde durchsucht, er werde zur Zeit vernommen, sagte Polizeipräsident Jacob.
  • Das Geständnis des Krefelder Tatverdächtigen habe in der Nacht zu einer weiteren Festnahme im Bereich Viersen beziehungsweise Aachen geführt, hieß es von den Ermittlern. Voraussichtlich werde Haftbefehl gegen beide Männer beantragt.
  • Ein 42-Jähriger aus Bergisch Gladbach soll sein zwei Jahre altes Kind missbraucht, die Taten gefilmt und weiterverbreitet haben. Er wurde als Erster festgenommen und schweigt laut Oberstaatsanwalt Bremer zu den Vorwürfen.
  • Ein 26-jähriger Bundeswehrsoldat aus dem Raum Wesel wird verdächtigt, ein Kind und ein Stiefkind missbraucht zu haben. Zum Alter der mutmaßlichen Opfer macht die Behörde keine Angaben.
  • Ein 33-jähriger Mann aus Mettmann.
  • Ein 38-Jähriger aus Niedernhausen in Hessen. Gegen den Mann ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden.

Der Fall war ins Rollen gekommen, weil der Name des 42-Jährigen laut Oberstaatsanwalt Bremer in Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kassel zu Kinderpornografie aufgetaucht war. Bei einer Wohnungsdurchsuchung Ende Oktober stellten die Einsatzkräfte dann drei Terabyte Daten bei dem Mann sicher. Bei der Auswertung habe sich der Verdacht ergeben, dass der Tatverdächtige sein eigenes Kind missbraucht habe. Über verschiedene Mitteilungsdienste soll er mit einer "bislang unbekannten Anzahl an Personen" in Kontakt gestanden haben, sagte Bremer. Daraus ergaben sich demnach Hinweise auf die weiteren Tatverdächtigen.

469 Chats mit 113.000 Nachrichten

Die Männer sollen über Chats miteinander kommuniziert und Missbrauchsaufnahmen ausgetauscht haben. Ob die Tatverdächtigen sich bereits zuvor kannten, ist Oberstaatsanwalt Bremer zufolge Gegenstand der Ermittlungen. Man gehe nun unter anderem auch den Fragen nach, ob die Männer sich persönlich trafen und ob sie sich möglicherweise auch gegenseitig Kinder zum Missbrauch überließen.

Zu den Lebensumständen der Verdächtigen veröffentlichen die Ermittler bislang nur wenige Details. Der 42-Jährige soll mit seinem Kind und der Mutter in Bergisch Gladbach zusammengelebt haben. Weitere Kinder lebten laut Bremer nicht in dem Haushalt. Bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass die Mutter von den mutmaßlichen Taten gewusst habe. Zu den Umständen in den anderen Fällen ist bislang nichts bekannt.

"Ein Verfahren in diesem Umfang haben wir hier in Köln in dieser Art und Weise noch nicht gehabt", sagte Polizeipräsident Jacob. Wegen der großen Datenmengen gehen Polizei und Staatsanwaltschaft von langwierigen Ermittlungen aus. Man könne von einer "Mammutaufgabe" sprechen, sagte Bremer.

Allein auf einem Handy habe man beispielsweise 469 Chats mit 113.000 Nachrichten gefunden, sagte Jacob. Auf dem Gerät befänden sich mehr als 130.000 Bilder und mehr als 1300 Videos. Ein Beamter bräuchte allein für die Auswertung dieser Daten 100 Tage.

Eine "besondere Belastung" für die Beamten

Die Mitteilungsdienste, die von den Beschuldigten verwendet wurden, ermöglichen anonyme Kommunikation, deshalb sei für die Identifizierung ein "erheblicher technischer Ermittlungsaufwand" notwendig, so Bremer.

Der Fall bedeute auch eine "besondere Belastung" für die damit befassten Polizisten. Es seien beispielsweise auch Fesselmaterial und Liebesbriefe in Kinderhandschrift gefunden worden, sagte Jacob. Dem Polizeipräsidenten zufolge gibt es regelmäßige Supervisionsmaßnahmen und Gespräche mit den Beamten.

Die Ermittlungen für sämtliche Verdachtsfälle in Nordrhein-Westfalen werden ab sofort gebündelt bei der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen (ZAC) in Köln geführt. Vier Staatsanwälte und 130 Polizisten aus dem gesamten Bundesland sind mit dem Fall befasst.


Lesen Sie auch das Interview mit Kinderpornografie-Chefermittler Andreas May: "Ich kam mit der Vorstellung, alles richtig zu machen. Und dann das, schrecklich"

bbr/dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.