Erzbischof Heße als Zeuge in Missbrauchsprozess Gehandelt, gewundert – und dann weggeschaut

In Köln steht ein Priester vor Gericht, der unter anderem seine Nichten missbraucht haben soll. Als Zeuge sagte nun der heutige Hamburger Erzbischof aus – und räumte Fehler im Umgang mit dem Fall ein.
Hamburger Erzbischof Heße im Landgericht Köln: »Ich hab an dem Tag die Welt nicht mehr verstanden«

Hamburger Erzbischof Heße im Landgericht Köln: »Ich hab an dem Tag die Welt nicht mehr verstanden«

Foto: Oliver Berg / dpa

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Es kommt selten vor, dass ein Mann des Klerus sich vor einem weltlichen Gericht wegen mutmaßlicher Sexualstraftaten verantworten muss. Und noch seltener sind hohe Geistliche als Zeugen geladen.

Vor dem Kölner Landgericht hat an diesem Dienstag der Hamburger Erzbischof Stefan Heße ausgesagt. Er war von 2006 bis 2012 Personalchef im Erzbistum Köln und mit den Missbrauchsvorwürfen gegen den heute 70-jährigen Hans U. befasst. Dem Priester wird vorgeworfen, in den Neunzigerjahren drei damals minderjährige Nichten regelmäßig sexuell missbraucht zu haben.

Erzbischof Heße war als Zeuge geladen, weil der Fall U. im Missbrauchsbericht des Erzbistums Köln vom März 2020 auftauchte – und Heße in Schwierigkeiten brachte. Elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit Missbrauch wiesen ihm die Gutachter nach. Er habe seine Aufklärungspflicht im Amt als Personalchef verletzt, hieß es. Heße bot dem Papst daraufhin seinen Rücktritt als Hamburger Erzbischof an. Franziskus lehnte diesen ab.

Jetzt schilderte Heße vor dem Landgericht Köln, wie er den mutmaßlich übergriffigen Priester 2010 unverzüglich beurlaubte, nachdem er erfahren hatte, dass die Staatsanwaltschaft gegen Hans U. ermittelte. »Deswegen haben wir entschlossen und schnell gehandelt«, sagte Heße.

Als die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen eingestellt habe, weil die mutmaßlichen Opfer ihre Aussage zurückgezogen hätten, sei er perplex gewesen. »Ich hab an dem Tag die Welt nicht mehr verstanden«, so der Erzbischof. Eine der Nichten hatte 2010 Anzeige erstattet, diese aber – mutmaßlich auf Druck der Familie und gegen ein Schweigegeld – zurückgezogen. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren im März 2011 ein.

»Und dann standen wir vor dem Nichts«

Für ein kirchliches Verfahren habe es nach Einschätzung der Fachjuristen des Erzbistums keine Grundlage mehr gegeben. »Damit brach auch dieses Kartenhaus in sich zusammen«, sagte Heße. »Und dann standen wir vor dem Nichts.« Auf Anweisung des damaligen Erzbischofs Joachim Meisner wurde der Priester erneut eingesetzt. Er hatte wieder mit Kindern zu tun und soll erneut Missbrauch begangen haben.

Der ebenfalls als Zeuge berufene ehemalige Offizial des Erzbistums Köln, Prälat Günter Assenmacher, hatte ähnlich argumentiert. Ohne die Aussagen der Betroffenen habe man ja nichts in der Hand gehabt. Überhaupt habe er – der Kirchengerichtsleiter – in der Causa U. nur beratende Funktion gehabt, sagte der 69-Jährige vor dem Kölner Landgericht.

Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki hatte Assenmacher im vergangenen Jahr nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens der Kanzlei Gercke Wollschläger suspendiert. Heße hatte sich eine Auszeit genommen, die er in seiner Neujahrspredigt nicht wie eine Zeit der Buße beschreibt, sondern wie ein spirituelles Sabbatical .

Am Ende seiner rund dreistündigen Aussage räumte der Hamburger Erzbischof Fehler ein. Mit dem heutigen Wissen sehe er manches anders. Seine persönliche Verantwortung habe er zum Ausdruck gebracht, als er um seinen Rücktritt gebeten habe. Die Entscheidung des Papstes, ihn im Amt zu belassen, mache es für ihn nicht leichter.

Brisanter Aktenvermerk

2020 war bekannt geworden, dass es aus der Zeit, in der die Vorwürfe gegen den Priester geprüft wurden, einen brisanten Aktenvermerk des Erzbistums gibt. Darin hieß es, der Priester habe im Generalvikariat in einem Gespräch »alles erzählt«. Weiter heißt es: »Es sollte über dieses Gespräch jedoch bewusst kein Protokoll angefertigt werden.« Heße habe zu diesem Vorgehen sein Einverständnis gegeben.

Heße sagte vor Gericht, er könne sich »keinen Reim« auf diese Aktennotiz machen. Der Priester habe ihm gegenüber immer alle Vorwürfe bestritten und als Quatsch bezeichnet. »Er wies das alles von sich. ... Da bin ich mir hundertprozentig sicher.« Außerdem seien die Akten ja alle noch vorhanden.

Der Anklageschrift zufolge gebärdete sich der Angeklagte Hans U. bei den mutmaßlichen Übergriffen besonders ruchlos. Er soll die Mädchen über viele Jahre sexuell genötigt und vergewaltigt haben, wenn sie ihm auf Wochenendbesuchen schutzlos ausgeliefert waren. 31 Mal soll er die Mädchen missbraucht haben. Bei einer Verurteilung muss er mit einer Freiheitsstrafe zwischen 2 und 15 Jahren rechnen.

Seit Prozessbeginn im November 2021 haben sich weitere mutmaßliche Opfer gemeldet. Die Anklage wurde um zwei Tatvorwürfe des Missbrauchs an Minderjährigen aus dem Jahr 2011 ergänzt. Jeder sei im Bilde darüber gewesen, dass U. in den Neunzigerjahren »reihenweise« junge Mädchen in einem Pfarrhaus bei Gummersbach bei sich habe übernachten lassen, sagte Richter Christoph Kaufmann im Prozess: »Man hätte mit sehr wenig Engagement sehr viel in Erfahrung bringen können, was den Beleg für eine erhebliche Gefährlichkeit ergeben hätte«, zitiert ihn der »Kölner Stadt-Anzeiger«.

Auch die beiden Pflegekinder des Angeklagten belasteten den 70-Jährigen im Prozess schwer. Die heute 55-jährige Pflegetochter berichtete, dass sie Ende der Siebzigerjahre zusammen mit einem zwei Jahre älteren Jungen aus einem Bonner Kinderheim geholt und in der Kaplanswohnung des Priesters untergebracht worden sei.

Gleichgültigkeit und Ignoranz

Offenbar hatte Kardinal Joseph Höffner dem Priester eine Ausnahmegenehmigung für eine Pflegschaft erteilt. Mit dramatischen Folgen für die Kinder: Der Pflegetochter zufolge missbrauchte der Geistliche sie ab ihrem zwölften Lebensjahr. Zweimal sei sie schwanger gewesen, beide Male sei abgetrieben worden. Der mutmaßliche Täter habe das »traurig« gefunden, aber nicht infrage gestellt.

Opfer, Angehörige und Menschen aus dem Umfeld des Priesters zeichneten im Verfahren ein schockierendes Bild der Gleichgültigkeit und Ignoranz bei den Beteiligten. Den Aussagen zufolge setzte niemand dem Treiben des Angeklagten ein Ende – weder Bischöfe noch Gemeindemitglieder noch die Justiz.

Als das Verfahren 2011 eingestellt wurde, schien der Tatverdächtige das als Freibrief zu interpretieren. Zur gleichen Zeit soll er ein elfjähriges Mädchen schwer missbraucht haben, dessen Fall jetzt ebenfalls verhandelt wird. Das Erzbistum drängte er, die Hälfte seiner Anwaltskosten zu begleichen.

Mit Material der dpa

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