SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. August 2015, 15:04 Uhr

Illegale Autorennen in Köln

Tödliche Raserei im Auenweg

Von Claudia Hauser, Köln

Zwei junge Männer fahren ein Autorennen, einer verliert die Kontrolle, eine 19-jährige Frau stirbt. Der Fall aus Köln geht jetzt vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft hat wegen fahrlässiger Tötung Anklage erhoben.

Es sollte wohl ein Spiel werden, ein kurzes Kräftemessen zweier junger Kerle, ein illegales Autorennen. Wer ist schneller? Am Ende dieses Spiels starb eine 19-Jährige, die damit nichts zu tun hatte.

Miriam S. war am 14. April dieses Jahres mit ihrem Fahrrad auf dem Weg von der Uni nach Hause, als der 22-jährige Erkan F. auf dem Auenweg in Köln-Mülheim die Kontrolle über seinen schwarzen BMW verlor. Das Auto prallte gegen den Bordstein, schleuderte meterweit über die Gegenfahrbahn und erfasste die junge Frau auf dem Radweg. Mehrere Zeugen beobachteten, dass F. sich ein Rennen mit einem Mercedes geliefert hatte, in dem der 21 Jahre alte Firat M. saß. Das Cabrio gehörte seinem Vater.

Die Kölner Staatsanwaltschaft hat nun Anklage gegen die beiden Fahrer erhoben. Sie sollen sich wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs vor dem Landgericht verantworten. Eigentlich werden Verkehrsunfälle vor dem Amtsgericht verhandelt. Doch die Staatsanwaltschaft spricht dem Fall eine "besondere Bedeutung" zu, da Miriam S. nicht das einzige völlig unbeteiligte Opfer ist, das bei einem illegalen Autorennen in Köln ums Leben kam.

Wenn sich nach Abschluss aller Ermittlungen bestätigt, was viele Zeugen bei der Polizei ausgesagt haben, sind zwischen März und Juli drei Menschen bei illegalen Rennen gestorben. Die schweren Unfälle haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu einer starken Verunsicherung in der Öffentlichkeit geführt.

Der erste Prozess wird deshalb in der Stadt viel Aufsehen erregen. 21 Zeugen und zwei Sachverständige bietet die Anklagebehörde auf.

Miriam S. hatte keine Chance

Die Ermittler rekonstruierten den Unfall am 14. April wie folgt. Am Nachmittag verschickt ein Kumpel der beiden Angeklagten eine WhatsApp-Nachricht: "Wir spielen jetzt ein bisschen." Zwei Stunden später sitzt er neben Firat M. im Mercedes. Ein Zeuge beobachtet im Kölner Stadtteil Deutz an einer Ampel, dass der Fahrer des Mercedes und der BMW-Fahrer "Spielchen machen", wie der Mann den Ermittlern sagte. Die jungen Fahrer treten aufs Gas, bremsen gleichzeitig und rasen los, als die Ampel auf Grün springt.

Andere beobachten, wie die beiden Fahrer dicht auffahren und versuchen, sich zu überholen. Beim Abbiegen auf den Auenweg, wo Minuten später der Unfall geschieht, soll der schwarze BMW nach Informationen des "Kölner Stadt-Anzeigers" mit fast 100 Kilometern pro Stunde in eine lang gestreckte Kurve gefahren sein.

Erkan F. schafft es nach dem Aufprall auf der Bordsteinkante nicht, das Auto wieder unter Kontrolle zu bringen. Zwei Jogger hören quietschende Reifen, dann einen dumpfen Schlag. Miriam S. hat keine Chance auszuweichen. Sie wird durch die Wucht des Aufpralls in ein Gebüsch geschleudert. Firat M. hockt später, als Polizei und Rettungsdienst da sind, auf dem Bordstein und starrt ins Leere. Weder er noch Erkan F. oder dessen Beifahrer sollen sich um die Schwerverletzte gekümmert haben.

Die Ärzte der Uniklinik diagnostizieren eine schwere Hirnverletzung und massive Verletzungen von Leber und Lunge. Sie können das Leben der jungen Frau nicht retten. Miriam S. stirbt drei Tage nach dem Unfall.

Die Angeklagten schweigen bisher zu den Vorwürfen. Der Beifahrer von Firat M. im Mercedes hatte der Polizei gesagt, sie seien weder zu schnell gefahren, noch hätten sie sich ein Rennen geliefert. "Es ist ein schreckliches Ereignis", sagt Sebastian Schölzel, der Verteidiger von Firat M. Seinen Mandanten nehme das Ganze sehr mit. "So dramatisch es ist, man muss fragen: War es tatsächlich ein illegales Rennen? Das wird das Verfahren zeigen." Michael Biela-Bätje, der Anwalt von Erkan F., wollte sich zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten nicht äußern. "Ich hoffe auf ein faires Verfahren", so der Verteidiger.

35 Fahrer bilden den harten Kern

Eine Ermittlungsgruppe mit dem Namen "Rennen" hat eine Raser-Szene in Köln ausgemacht, zu der etwa 200 Fahrer gehören - 35 von ihnen zählt die Polizei zum harten Kern. Das Gefährliche ist, dass sie ihre illegalen Rennen oft mitten in der Stadt fahren.

Drei Wochen vor dem Unfall am Auenweg rasten zwei 19-Jährige in ihren Autos über die Aachener Straße. Einer ignorierte eine rote Ampel und krachte in ein Taxi. Ein 49-jähriger Fahrgast wurde schwer verletzt und starb im Krankenhaus.

Am 10. Juli schleuderte ein Mietwagen gegen den 26-jährigen Gianluca, der mit seinem Rad gerade einen Zebrastreifen überqueren wollte. Er erlangte das Bewusstsein nicht wieder und starb drei Tage später.

In den vergangenen vier Monaten haben Polizei und Stadt die Geschwindigkeiten von fast 50.000 Autos gemessen. Das Ergebnis: 4570 Verwarngelder, fast 1000 Ordnungswidrigkeitsanzeigen und 227 Fahrverbote.

Erkan F. und Firat M. sind bisher strafrechtlich nicht einschlägig in Erscheinung getreten. F. musste 2012 zwar Sozialstunden ableisten, doch bei dem Delikt handelte es sich um einen Einbruch. M. stand noch nie vor Gericht. Er ist 2013 allerdings einmal wegen überhöhter Geschwindigkeit aufgefallen und ein Jahr später, weil er ein Auto fuhr, das nicht zugelassen war.

Wann der Prozess beginnt, steht noch nicht fest. Miriams Eltern wollen als Nebenkläger auftreten. "Man müsste den jungen Leuten vor Augen führen, was es für eine Familie bedeutet, der Tochter drei Tage beim Sterben zusehen zu müssen", sagte ihre Mutter nach dem dritten tödlichen Unfall auf der Aachener Straße im Juli. "Man kann nur auf ein abschreckendes Strafmaß hoffen, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung