Einsturz des Kölner Stadtarchivs Die lange Suche nach dem Leck

Fünf Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs ringt die Staatsanwaltschaft noch immer mit der Wahrheitsfindung. Demnächst sollen Taucher nach Beweisen für den vermuteten Pfusch am Bau suchen. Ein Ende des Verfahrens ist nicht in Sicht.

Unglücksort in Köln (März 2009): Ermittlungen dauern an
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Unglücksort in Köln (März 2009): Ermittlungen dauern an

Von , Köln


Die Komikerin Carolin Kebekus hat vor einiger Zeit in einem bemerkenswerten Interview die Eigenarten Kölns seziert. "Ich glaube", sagte sie, "dass die Kölner auch dann noch am Rhein sitzen und schöne Lieder über die schöne Stadt singen würden, wenn vorher alle Gebäude in irgendwelche U-Bahn-Baustellen gestürzt wären. Den Lokalpatriotismus hier versteht keiner - außer uns."

Als am 3. März 2009 das Stadtarchiv, eines der wichtigsten Deutschlands, im Boden versank und zwei Menschen starben, fand sich der Rest der Republik bestätigt: Kölscher Klüngel, kölsches Chaos. Und die Kölner selbst? Sie bewiesen, dass es zu den Kernkompetenzen des Rheinländers gehört, sich mit allen Widrigkeiten des Lebens arrangieren zu können.

Und so ist es geblieben. Mit der offenen Wunde im Herzen ihrer Stadt haben sich die Menschen weitestgehend abgefunden, wenngleich nicht gänzlich. Von dem Plan, den Rosenmontagszug 2014 ausgerechnet am fünften Jahrestag der Katastrophe erstmals wieder an der Unglücksstelle vorbeizuführen, nahmen die Jecken dann doch lieber Abstand. Die Vorstellung, betrunkene Clowns könnten auf trauernde Angehörige treffen, schien selbst für wenig schamvolle Narren etwas arg zu sein.

"Man wollte fertig werden"

Gleichwohl wird der Festzug durch eine Straße führen, in der in einem trostlosen Bürogebäude zwischen Sexkino und Postfiliale die Beamten sitzen, die nicht vergessen können, weil sie nicht vergessen dürfen. Eine Sonderkommission von Staatsanwaltschaft und Polizei unter Leitung des Oberstaatsanwalts Torsten Elschenbroich ermittelt immer noch gegen 106 Beschuldigte wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung. Darunter befinden sich Vertreter der Bauaufsicht, Planer, Projektierer, Bauarbeiter der Arbeitsgemeinschaft mit dem Konzern Bilfinger Berger an der Spitze sowie Mitarbeiter des Bauherrn, den städtischen Kölner Verkehrsbetrieben (KVB).

Die Ermittler gehen davon aus, dass Pfusch an der U-Bahn-Baustelle und eine unzureichende Kontrolle das Unglück ausgelöst haben könnten. Obschon es noch dauern wird, bis die Ursache des Einsturzes feststeht, scheint sich alles auf ein Riesenbauwerk ("Schlitzwand") unterhalb des früheren Archivs zu konzentrieren und hier auf die Lamelle elf. Einen früher vermuteten "hydraulischen Grundbruch", also einen plötzlichen Wassereinbruch von unten, hält der vom Landgericht Köln eingesetzte Gutachter Hans-Georg Kempfert nach SPIEGEL-Informationen für "eher unwahrscheinlich".

Den Ermittlungen zufolge war die betreffende Lamelle womöglich bei letzten Ausschachtungsarbeiten beschädigt worden. Doch obschon der Polier die Probleme wohl hätte bemerken müssen, erfolgte keine Meldung an die Bauleitung. "Man wollte fertig werden", mutmaßt ein Beamter. So habe unter Umständen auch der erhebliche Kostendruck dazu beigetragen, dass die zuständigen Mitarbeiter die Augen vor dem Fehler verschlossen. Wenig später sollen auch noch Protokolle der Arbeiten manipuliert worden sein.

95 Prozent des Bestands geborgen

Die Folgen waren katastrophal. Durch das Leck in der Schlitzwand entstand laut Ermittlern in 30 Metern Tiefe eine Grundwasserflut, die den Boden am Waidmarkt nach und nach fortschwemmte. Drei Gebäude stürzten ein, zwei junge Männer starben, und es entstand ein Sachschaden, den die Stadt Köln insgesamt auf eine Milliarde Euro schätzt. Gewissheit über die Unglücksursache sollen demnächst Tauchgänge im Grundwasser erbringen, für die eigens ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk errichtet wurde.

Am Montag sagte Kölns Stadtdirektor Guido Kahlen, die Ursache werde wohl "voraussichtlich in zehn Monaten" geklärt sein. Experten sind da weit skeptischer. Bis zum Beginn eines Prozesses könnten noch Jahre vergehen.

Auch die Restaurierung der Archivalien steht erst am Anfang. Zwar wurden 95 Prozent des Bestandes geborgen, darunter mittelalterliche Ratsprotokolle und Heinrich Bölls Nobelpreisurkunde. Doch alle Dokumente müssen intensiv gereinigt werden. "Das ist bereits bei zwei Kilometern Archivgut geschehen. Insgesamt haben wir aber 30 Kilometer Regalbestände", so die Direktorin des Kölner Stadtarchivs, Bettina Schmidt-Czaia. Hinzu komme, dass zehn Prozent der Bestände nass geworden seien. Diese Dokumente wurden zunächst tiefgefroren, um eine weitere Schädigung aufzuhalten. Die Archivarin geht davon aus, dass die Wiederherstellung bis zu 40 Jahre dauern könne.

Noch werden die wertvollen Bücher, Handschriften und Papiere in Ausweichlagern überall in Deutschland aufbewahrt, doch im Sommer soll der Bestand wieder zusammengeführt werden. Da sich aber der Neubau des Archivs in Köln verzögert, hat die Einrichtung rheinabwärts um Asyl ersucht: Zum 1. Juli zieht das Stadtarchiv um, ausgerechnet nach Düsseldorf.



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