Kofferbomben Terroristen im Deutschlandtrikot

Zwei Bomben platziert in zwei Regionalzügen - die Auswirkungen hätten verheerend sein können. Jetzt haben die Fahnder erstmals Bilder und Videos der mutmaßlichen Täter veröffentlicht: Beide Männer sehen südländisch aus, einer trug ein Ballack-Shirt. Einige der Spuren führen in den Libanon.

Wiesbaden - "Das Videomaterial ist so aussagekräftig, dass wir nicht länger mit der Veröffentlichung warten konnten", sagte BKA-Chef Jörg Ziercke auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft in Wiesbaden.

Die Bilder von einem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs zeigen zwei dunkelhaarige junge Männer, die am 31. Juli gegen 12.20 Uhr nur Sekunden nacheinander auf der Rolltreppe zu den Gleisen 2 und 3 hinaufkommen. Beide wirken wie ganz normale Reisende und ziehen einen Rollkoffer hinter sich her. "Anhand der Bewegungen der Verdächtigen kann man davon ausgehen, dass die Koffer etwa 25 bis 30 Kilogramm schwer waren", sagte ein BKA-Mitarbeiter.

Der erste mutmaßliche Attentäter ist mit Jeans und einem weißen Hemd bekleidet, außerdem trägt er eine schwarze Laptoptasche über der Schulter. Der zweite Mann ist mit einem auffälligen kurzarmigen Shirt bekleidet. Möglicherweise handelt es sich bei dem Kleidungsstück um ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft, denn auf dem Rücken steht die Nummer 13 - Michael Ballacks WM-Nummer. Zusätzlich zu dem Rollkoffer, den er hinter sich herzieht, trägt er einen Rucksack mit Isomatte.

Die beiden Rollkoffer mit Gasflaschen und Zündern waren am 31. Juli in zwei Regionalzügen von Mönchengladbach nach Koblenz und Aachen nach Hamm abgestellt worden. Die Bomben seien grundsätzlich zündfähig gewesen und hätten gleichzeitig um exakt 14.30 Uhr zur Detonation gebracht werden sollen. Lediglich "handwerkliche Fehler" hätten die Explosionen verhindert, so Ziercke.

"Eine unbestimmte Anzahl von Toten und Verletzten" wäre die Folge gewesen. Die Wirkung der Detonationen wäre vergleichbar verheerend gewesen wie bei den U-Bahn-Anschlägen in London im Juli 2005. Bei den fast zeitgleich stattfindenden Explosionen in drei U-Bahnen und einem Bus waren damals 52 Menschen getötet und 700 verletzt worden.

"Wir gehen von einer inländischen terroristischen Vereinigung aus", sagte Rainer Griesbaum von der Bundesanwaltschaft. Zuvor hatte BKA-Chef Ziercke einen Erpressungsversuch der Bahn ausgeschlossen, hierfür lägen keine Erkenntnisse vor. Das BKA erhofft sich von der Veröffentlichung der Bilder eine rasche Identifizierung der Beschuldigten. "Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren", so Ziercke. "Mehr als hundert BKA-Beamte sind im Einsatz."

Bei einer Bewertung des geplanten Terroranschlages hob Ziercke die Unterschiede zu den Bombenattentaten von Madrid 2004 und London 2005 hervor. Während die Täter von Madrid und London die in Zügen deponierten Sprengladungen zur Hauptverkehrszeit gezündet hatten, hätten die Täter von Köln relativ leere Züge gewählt und den Zeitpunkt der Explosionen zu einer Zeit geplant, in der die Regionalbahnen auf freier Strecke gewesen wären.

"Beide Täter wollten zudem selbst nicht zu Schaden kommen", so Ziercke, sie hätten die Züge rechtzeitig verlassen. Im Gegensatz zu den vorherigen Anschlägen habe es im Falle der Kofferbomben kein Bekenntnis oder Hinweise auf die Terrororganisation al-Qaida gegeben.

Signal in Richtung Libanon?

Auf dem abgerissenen Zettel mit arabischen Schriftzeichen, der im Koblenzer Koffer gefunden wurde, seien auch libanesische Telefonnummern gefunden worden, sagte Ziercke. "Wir halten es für möglich dass die Täter Signale mit Blick auf den Nahen Osten setzen wollten", so Ziercke. Dagegen spricht allerdings, dass der Zettel bei einer Detonation der Sprengsätze vollständig verbrannt worden wäre.

In einem der Koffer fanden Ermittler mehrere mit Benzin gefüllte Kunststoffflaschen. Wahrscheinlich wäre bei einer Detonation mindestens die Waggons mit den Sprengsätzen ausgebrannt, so Ziercke, der beigefügte Brandbeschleuniger hätte allerdings auch zu einem Übergreifen auf andere Wagen führen können.

Eine weitere viel versprechende Spur sehen die Fahnder in einem Beutel Speisestärke, der in einem der Bombenkoffer gefunden wurde. Der Gewürzgroßhändler, der diese Art von Pulver verkauft, sei ermittelt worden, er liefere vor allem an libanesische Familien im Raum Essen aus.

"Wir erhoffen uns Hinweise aus der Bevölkerung", so Ziercke, "Panik ist allerdings nicht angebracht." Als Reaktion auf die geplanten Anschläge hat die Bundespolizei ihre Streifen auf Bahnhöfen und in Zügen verstärkt, zudem sei das Zugpersonal sensibiisiert worden, auf vedächtige Gepäckstücke zu achten.

Schäuble warnt vor weiteren Anschlägen

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte indes vor weiteren Anschlägen mit Kofferbomben auf die Bahn. "Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Gefahr einer Wiederholung dieser Anschlagversuche weiterhin besteht", erklärte er. Die beiden in Zügen gefundenen Kofferbomben seien sehr gefährlich gewesen. "Sie sollten zünden. Tote und Verletzte wären die Folge gewesen. Wir müssen dieses Ereignis sehr ernst nehmen."

Gleichzeitig forderte er eine Ausweitung der Videoüberwachung. Es habe sich gezeigt, dass sie entscheidende Ermittlungsansätze liefere. "Wir brauchen die Videoüberwachung aber auch in anderen öffentlichen Bereichen, die ebenso gefährdet sind. Das gilt insbesondere für den öffentlichen Nahverkehr."

jto