Kofferbomber Bahn-Anschläge schon zur Fußball-WM geplant

Neue Hintergründe über die Kölner Kofferbomber: Laut einer Zeitung wollten die mutmaßlichen Täter die Sprengsätze schon während der Fußball-WM zünden. Ihre Motive: die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen und der Tod des Topterroristen al-Sarkawi.


Berlin/Essen – Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" berichtet heute unter Berufung auf Sicherheitsbehörden, dass die misslungenen Anschläge auf zwei Regionalzüge der Deutschen Bahn Ende Juli in Dortmund und Koblenz schon während der Fußball-WM verübt werden sollten. Das habe sich bei der Vernehmung der Verdächtigen herausgestellt. Dass der Plan verschoben wurde, hätten die mutmaßlichen Täter damit begründet, dass ihnen Bedenken über die Risiken und Auswirkungen gekommen seien.

Verdächtiger Kofferbomber im Kölner Hauptbahnhof: Anschläge verschoben
AP / BKA

Verdächtiger Kofferbomber im Kölner Hauptbahnhof: Anschläge verschoben

Unterdessen haben die Ermittler auch über die Motive der mutmaßlichen Attentäter Erkenntnisse gewonnen. Der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, sagte dem Magazin "Focus", die "Initialzündung" für die Kofferbomber sei die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen gewesen. "Der in Kiel gefasste Youssef el-Hajdib interpretierte dies als Angriff der westlichen Welt auf den Islam."

Ein weiteres Motiv sei der Tod des Top-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi am 7. Juni im Irak gewesen. "Die beiden Hauptverdächtigen glaubten, dass der internationale Terrorismus einen seiner wichtigsten Köpfe verloren hatte", sagte Ziercke. Der BKA-Chef bezog sich dabei auf Aussagen des im Libanon inhaftierten mutmaßlichen Mittäters Dschihad Hamad. Zwar hätten die Beschuldigten über eine "gewisse Grundideologie" verfügt, die Radikalisierung habe jedoch erst in Deutschland stattgefunden und zwar durch Propaganda von al-Qaida über das Internet. Auf diesem Weg hätten die beiden auch Pläne für den Bau der Sprengsätze bezogen. Die Ermittler hätten eine Anleitung gefunden, die zu 90 Prozent der gebauten Bombe entsprochen habe. "Nur in einem Punkt weicht sie von dem Plan ab - hier lag der handwerkliche Fehler", sagte Ziercke.

Der BKA-Chef widersprach der Ansicht, dass es sich bei den Attentätern um Dilettanten handelte. Die beiden hätten fest damit gerechnet, dass ihr Plan aufgeht. "Dann wären entscheidende Spuren vernichtet worden", sagte Ziercke. Die Beschuldigten hätten nicht spontan gehandelt. So hätten sie wochenlang, wenn nicht sogar seit Beginn des Streits um die Mohammed-Karikaturen, Fahrpläne der Deutschen Bahn studiert. "Die Täter wollten auf jeden Fall, dass diese Bomben hochgehen", sagte Ziercke. Eine Explosion hätte mit Sicherheit dazu geführt, dass Verletzte oder gar Tote zu beklagen gewesen wären.

Bilder der Videoüberwachung zeigten, dass die beiden zusammengewirkt hätten, sagte der BKA-Chef. Sie hätten sich konspirativ verhalten und sich ab einem bestimmten Zeitpunkt getrennt, um keinen Verdacht auf sich zu ziehen. Das BKA prüfe derzeit, ob die Männer noch weitere Anschläge planten. Die entscheidende Frage sei, warum der Kieler Bombenleger nach seiner Flucht in den Libanon wieder nach Deutschland zurückkehrte, obwohl er wusste, dass das Attentat fehlgeschlagen war. "Vielleicht hat er da schon weiter gedacht", sagte Ziercke.

Anti-Terror-Training für Bahnmitarbeiter

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, schlug angesichts der Kofferbombenfunde ein Anti-Terror-Training für Bahnmitarbeiter vor. "Natürlich kann eine Videokamera keine verdächtigen Gepäckstücke ausfindig machen - auch nicht in Zügen", sagte er der "Netzeitung". "Insofern ist hier speziell geschultes Bahnpersonal sicherlich die bessere Lösung."

Nach einem Bericht von "Focus online" will der Libanon die beiden dort inhaftierten mutmaßlichen Täter nicht nach Deutschland ausliefern. "Es sind libanesische Staatsbürger, ihnen muss hier der Prozess gemacht werden, und sie müssen hier ihre gerechte Strafe absitzen", sagte Generalstaatsanwalt Said Mirza dem Online-Magazin.

Er forderte die Auslieferung der beiden in deutschen Gefängnissen in Untersuchungshaft sitzenden Tatverdächtigen. Den Beschuldigten drohen nach seinen Angaben im Libanon Haftstrafen von bis zu 25 Jahren. Den Tatverdächtigen standen dem Bericht zufolge während des Ermittlungsverfahrens keine Anwälte zur Seite.

Vor der Sondersitzung der Innenministerkonferenz an diesem Montag machte sich Hessens Ressortchef Volker Bouffier (CDU) für eine Anti-Terror-Datei mit umfangreichen Informationen stark. "Wenn Behörden mit Hilfe der Datei rascher arbeiten und Informationslücken füllen sollen, müssen sie auch handeln können", sagte er der Zeitung "Die Welt" (Samstag). Ohne die umstrittene "Volltext-Datei" zu erwähnen, sagte der Minister: "Es kann nicht sein, dass eine Behörde davon abhängig ist, ob eine andere zugibt, Informationen zu besitzen."

Schleswig-Holsteins Innenminister Ralf Stegner (SPD) warnte dagegen vor einer Anti-Terror-Datei, in die Geheimdienste und Polizei sämtliche Angaben zu Verdächtigen einstellen. Stegner schlug in der "Berliner Zeitung" vor, die Datei stattdessen in einen offenen und in einen verdeckten Teil zu trennen. "Der offene, allen zuständigen Behörden zugängliche Teil sollte einen Kranz von Daten zum Verdächtigen enthalten." Beim verdeckten Teil solle nur die Quelle angegeben werden.

Der Vorsitzende des Bundes der Kriminalbeamten, Klaus Jansen, forderte eine Umorganisation der Sicherheitsbehörden bei Bund und Ländern. Es sei nicht zu erkennen, wer bei der Terrorismusbekämpfung in Deutschland Chef im Ring ist, sagte er der "Welt".

asc/ddp/dpa/AFP/Reuters



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