Kofferbomber "Wir kommen in die Hölle, wenn wir nichts tun"

Der im Libanon inhaftierte Kofferbomber Dschihad Hamad hat neue Details über die verhinderten Anschläge auf zwei Züge preisgegeben. Die Zelle habe nur aus ihm und Youssef al-Hajdib bestanden, sagte er dem TV-Magazin "Panorama". Sein Komplize habe ihn wegen der Mohammed-Cartoons aufgehetzt.

Berlin - Die beiden "Kofferbomber", die im Sommer zwei Sprengsätze in zwei Regionalzügen in Deutschland deponierten, haben offenbar auf eigene Faust agiert und keine Hintermänner gehabt. Mit der Tat wollten die beiden jungen Libanesen Dschihad Hamad und Youssef al-Hajdib den Abdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen rächen.

Das ergibt sich aus einem Interview, das der im Libanon inhaftierte Dschihad Hamad dem NDR-Magazin "Panorama" gab. "Youssef hat mir gesagt, dass zwei deutsche Zeitungen die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht haben. Er hat mir gesagt, wir dürfen nicht untätig bleiben. Wir kommen in die Hölle, wenn wir nichts tun", sagte Hamad dem Reporter. "Es gab keine dritte Person", erklärte er außerdem. Der Bericht wird morgen um 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Eine halbe Stunde lang durfte der "Panorama"-Mitarbeiter nach Angaben des Magazins mit dem inhaftierten Terrorverdächtigen im Gefängnis von Rumije sprechen, allerdings ohne Kamera. Einiges von dem, was Dschihad Hamad dort sagte, deckt sich mit Details, die aus seinen Vernehmungen durch die libanesischen Behörden bereits an die Öffentlichkeit gelangt sind. Das betrifft etwa Rache für die Karikaturen als Motiv. Neu aber ist, dass der 20-Jährige nun behauptet, die Bomben hätten nie explodieren sollen. Es sei lediglich darum gegangen, "den Leuten Furcht einzuflößen", sagte er der Vorabmeldung zufolge.

In den Vernehmungen im Libanon hatte er zuvor noch ausgesagt, er und sein Komplize hätten "möglichst viele Menschen töten" wollen. Das stehe in den entsprechenden Protokollen, die der Redaktion vorlägen, teilte "Panorama" mit. Im Interview begründete Hamad diesen Widerspruch damit, dass er unter Druck gesetzt worden sei: "Wenn du das nicht zugibst, dann verpassen wir dir Elektroschocks", habe man ihm gedroht. Selbst der Anwalt Hamads glaubt allerdings nicht, dass sein Mandant sein erstes Geständnis unter Folter oder anderen illegalen Druckmitteln abgelegt hat, wie er dem Magazin sagte.

Kontakte im islamistischen Milieu

In dem Interview belastet Hamad seinen Mitstreiter Youssef al-Hajdib schwer und stellt ihn als den Drahtzieher dar. "Ich bin sehr böse auf ihn, denn er hat mich hierher gebracht. Ich hasse ihn. Ich bin verführt worden von Youssef al-Hajdib. Er hat mich aufgehetzt. Deswegen bin ich jetzt hier. Er hat mir das eingebrockt." Hamad hatte sich im August in Tripoli der Polizei gestellt. Sein Komplize war zu diesem Zeitpunkt bereits Fahndern in Deutschland ins Netz gegangen. Hamad wird von der libanesischen Justiz versuchter Mord in einer Vielzahl von Fällen vorgeworfen.

Youssef al-Hajdib und Dschihad Hamad waren beide weniger als zwei Jahre in Deutschland gewesen, als sie ihren Anschlag planten. Bislang ist unklar gewesen, wo sie sich kennenlernten und wie genau ihr Verhältnis aussah. In dem Interview sagte Hamad jedoch, dies sei erst in Deutschland geschehen. Aussagen von al-Hajdib sind noch nicht bekannt.

Interessant ist weiter, dass Dschihad Hamad in dem Interview behauptet, er und Youssef al-Hajdib seien allein für die Tat verantwortlich. Deutsche Behörden hatten stets vermutet, es müsse Hintermänner geben. Erst ab mindestens drei Personen kann man zudem nach deutschem Recht von einer terroristischen Vereinigung sprechen. Auch Hamads Anwalt Fawaz Zakaria hatte stets betont, die Zelle sei größer gewesen. Im Oktober behauptete er in einem Interview mit dem Magazin "Cicero" sogar, er habe darüber "detaillierte Informationen, die ich jedoch nicht preisgeben kann".

Die "Panorama"-Recherchen in der Heimat von Dschihad Hamad werfen auch ein Schlaglicht auf das Milieu, in dem sich der Terrorverdächtige schon vor seiner Abreise nach Deutschland bewegt hat. So habe er in Tripoli regelmäßig in der Mustafa-Moschee gebetet, wo ein Imam predigte, der offen zum Kampf gegen die Ungläubigen aufrufe. Auf die Karikaturen angesprochen sagte der Imam Abu Abdallah Husam az-Zahid zu "Panorama": "Jemand, der den Propheten beleidigt und dann keine Reue zeigt, der muss getötet werden."

Hamad wiederum erklärte, er finde nicht, dass der Prediger besonders strenge Ansichten vertrete.

yas