Der Kommentar am Morgen Mord bleibt Mord

Das oberste Gericht in den USA stoppte die Hinrichtung von Russell Bucklew in letzter Sekunde - wegen gesundheitlicher Probleme des Mörders. Grundsätzlich aber halten die Amerikaner an der Todesstrafe fest: Ein Skandal, an den wir uns nie gewöhnen dürfen.

Todeszelle (in Texas): Mord bleibt Mord
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Todeszelle (in Texas): Mord bleibt Mord

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Es ist verabscheuungswürdig, was Russell Bucklew getan hat. Nachdem ihn seine Lebensgefährtin wegen eines anderen Mannes verlassen hatte, erschoss er den Nebenbuhler. Auch auf den sechsjährigen Sohn des Mannes schoss Bucklew, verfehlte ihn aber. Dann entführte er seine Ex-Freundin und vergewaltigte sie. Seit 18 Jahren und zwei Monaten sitzt Bucklew nun im Gefängnis. Er hat jede Minute davon verdient.

An diesem Mittwoch sollte Russell Bucklew eigentlich sterben, so hat es ein Gericht im US-Bundesstaat Missouri verfügt. Doch wenige Stunden vor der geplanten Hinrichtung begann ein dramatisches Hin und Her der höchsten Gerichte, das der Supreme Court schließlich mit der Entscheidung abschloss, den finalen Akt auszusetzen. Seine Anwälte hatten argumentiert, dass Bucklew wegen einer angeborenen Krankheit eine Hirnblutung und extrem starke Schmerzen fürchten müsse. Eine "grausame und ungewöhnliche Bestrafung" sei per US-Verfassung aber verboten.

Wie unmenschlich und unzivilisiert die Todesstrafe ist, hatte zuletzt der Abend des 29. April gezeigt: In Oklahoma sollte an diesem Tag ein Mörder namens Clayton Locket hingerichtet werden, doch die Henker fanden zunächst keine Vene, in die sie das Gift spritzen konnten. Und als sie eine fanden, platzte diese. Das Gift wirkte nicht richtig, erst nach 43 Minuten Todeskampf starb Lockett.

Seither steht die Todesstrafe in den USA unter verschärfter Beobachtung - aber nicht etwa ihre Abschaffung, sondern nur ihre Prozedur. Denn die US-Verfassung schützt Verurteilte zwar vor einem "grausamen und ungewöhnlichen" Strafvollzug - aber nicht vor der grausamen Strafe selbst. Wenn Totspritzen schnell geht, ist es offenbar eine verfassungsgemäße Qual.

Es gibt kein Argument für die Todesstrafe. Würde sie tatsächlich abschreckend wirken, es gäbe in den USA längst keine Morde mehr. Das Leid, das der Täter verursacht hat, wird durch sie nicht ungeschehen gemacht. Und der Wunsch nach Rache ist ein Gefühl, aber keine Aufgabe eines Rechtsstaates.

Viele Bürger der USA halten ihr Land für das beste und fortschrittlichste der Welt. Doch solange sie mehrheitlich an der Todesstrafe festhalten, ist dieser Stolz nichts als Selbstbetrug. Und so wie wir Deutschen gerne (und meist zu Recht) Menschenrechtsverletzungen in aller Welt anprangern, sollten wir niemals aufhören, den Amerikanern zu sagen: Mord bleibt Mord, auch wenn er staatlich sanktioniert ist.

Es ist verabscheuungswürdig, was mit Russell Bucklew geschehen soll.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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insgesamt 352 Beiträge
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Seite 1
Andreas58 21.05.2014
1. verabscheuungswürdig auch,
dass sich Ärzte finden, die das Gift injizieren !
Jay's 21.05.2014
2. Die Todesstrafe
findet noch hauptsaechlich in den Staaten statt, wo Republikaner und Religionsfanatiker das Sagen haben. Das sagt doch Alles ueber die Moral derjenigen, die die Todesstrafe am Meisten verteidigen.
bluedimension90 21.05.2014
3. Allheilmittel
Die Todesstrafe wir so oft als Allheilmittel gesehen, aber gibt es Unterschiede? Müssten in anderen Ländern nicht wesentlich mehr Morde geschehen, weil dort keine Todesstrafe praktiziert wird, dafür aber die Zahl der Fälle in den USA drastisch sinken. tun sie nicht. Und die moralischen "Helden" werden am Ende selbst zum Mörder. Ach nein, so nennt man das ja in dem Fall nicht
Angelheart 21.05.2014
4. Diesen Worten...
...ist absolut NICHTS hinzuzufügen!!!
townsville 21.05.2014
5. falsch
Es gibt gute Argumente für die Todesstrafe. Dass sie das Unrecht nicht ungeschehen macht, gilt ebenso für jede andere Strafe, mit diesem Argument könnte man das gesamte Steafsystem abschaffen. Die Todesstrafe hat eine 0%ige Rückfallquote, schützt also den Bürger durchaus. In Bayern hatten wir kürzlich erst den Fall, das ein Mann seinen 2. Polizistenmord beging, nach 25 Jahren und für den 2. vermutlich nicht bestraft wird, weil er als Verhandlungsunfähig gilt. Die Todesstrafe entspricht dem Rechtsempfinden d
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