Zeuge in Mafia-Prozess Pizza Rucola bestellt, Marihuana geliefert

Es geht um Drogenhandel, Waffenhandel, versuchten Mord: Im Prozess gegen neun mutmaßliche Mafiosi sagt der leitende Ermittler vor dem Landgericht Konstanz aus. Er darf aber nicht so tief ins Detail gehen, wie er möchte.

Einer der Hauptangeklagten und sein Verteidiger im Landgericht Konstanz
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Einer der Hauptangeklagten und sein Verteidiger im Landgericht Konstanz

Von und Sandro Mattioli, Konstanz


Er hatte viel Zeit, sich auf diese wichtige Aussage vorzubereiten, der 32 Jahre alte Polizist Thomas F. von der Kripo Rottweil. Im weißen Hemd und blauen Sakko ist er zum Prozess gekommen, man sieht ihm die Anspannung an. F. leitete die Ermittlungen gegen ein Netzwerk von mutmaßlichen Drogenhändlern im Schwarzwaldraum, die Verbindungen nach Holland, Belgien, Sizilien und sogar zu ranghohen Mafiosi haben sollen.

1500 Überstunden hat er bei den Ermittlungen angehäuft, und nun kommen weitere dazu: Zwar ist das Hauptverfahren gegen die neun Beschuldigten in Konstanz eröffnet und die Arbeit von F. damit an sich abgeschlossen. Allerdings hatte er bereits drei Mal auf dem Zeugenstuhl Platz genommen; jedes Mal vergebens, weil die Anwälte der Angeklagten Einwände hatten. Die Richter seien befangen, sie sähen das Gesicht des Zeugen nicht, die darauf installierte Bildübertragung sei mangelhaft. Nun, endlich, klappt es.

F. sitzt am Zeugentisch, den Blick konzentriert Richtung Richter, die Hände gefaltet. "Bleiben sie bitte bei ihren Ausführungen an der Oberfläche", fordert ihn der Vorsitzende Richter auf, Details würden in einer späteren Sitzung behandelt. Der Richter reagiert damit auf die Verteidiger einiger Beschuldigter. Sie hatten einen Antrag gestellt und gefordert, dass F. nur über Dinge sprechen solle, bei denen er persönlich anwesend gewesen sei - aber nicht über andere Inhalte der Ermittlungen. Daran hält sich das Gericht, bis über den Antrag entschieden ist.

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So berichtet F. von einer Dienstreise mit Kollegen nach Palermo. Bei dem Treffen habe ihnen die Finanzpolizei erklärt, dass die dortigen Kontaktpersonen eines Beschuldigten, die beiden Sizilianer Salvatore und Vincenzo G., wichtige Mafiosi seien. Die Cosa Nostra habe Palermo unter sich in zwölf Teile aufgeteilt, und die Brüder G. befehligten einen solchen Teil. Einer der Brüder reiste auch in den Schwarzwald.

F. berichtet, die Beschuldigten hätten häufig in Codes gesprochen. Wenn es um die Lieferung von "einer Pizza Rucola" ging, war demnach ein halbes Kilo Marihuana gemeint. "Wir hatten den Eindruck, dass die Beschuldigten, auch wenn sie 'sizilianischen Rotwein' sagen, von Drogen sprechen", sagt Zeuge F.

Ermittler F. berichtet auch über die Mengen, die gehandelt worden sein sollen. Da ein Kilogramm Kokain, dann 17,9 Kilogramm Marihuana, die von Deutschland nach Italien gebracht worden sein sollen. Bei einem der Angeklagten, der in Stuttgart wohnt, sollen 20 Kilogramm Marihuana gekauft worden sein. F. berichtet, dass es wohl Pläne gab, im großen Stil Drogen aus Rumänien zu importieren. Er spricht auch über Schüsse gegen eine Gaststätte in Deutschland, Brandstiftung, einen geplanten schweren Raub in Verona, Waffenschmuggel und eine Schlägerei.

Weder der Vorsitzende Richter noch die Verteidiger wollen von F. zu diesem Zeitpunkt allerdings Genaueres wissen, im Gegenteil: Immer dann, wenn F. ansetzt, detaillierte Ermittlungsergebnisse wiederzugeben, unterbricht ihn der Richter und weist ihn darauf hin, dass seine Aussage an diesem Verhandlungstag nur dazu diene, einen Überblick über die Ermittlungen zu gewinnen.

Die sind in der Tat besonders. Weil es in Konstanz keinen ausreichend großen Gerichtssaal gibt, wurde das Verfahren in Karlsruhe eröffnet; inzwischen wird in Konstanz in einer eigens hergerichteten ehemaligen Firmenkantine verhandelt.

Ehemalige Kantine als Gerichtsgebäude
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Ehemalige Kantine als Gerichtsgebäude

Es dürfte nur wenige vergleichbare Ermittlungsverfahren geben, in denen deutsche und italienische Ermittler derart eng kooperierten. Zwei italienische mutmaßliche Mitglieder der Bande wurden in Italien festgenommen und nach Deutschland überstellt, eines davon ist bereits verurteilt.

Wohl auch deshalb befragen die Verteidiger der Hauptangeklagten den Ermittler F. energisch. Wie denn ein Zeuge vor seiner Vernehmung belehrt worden sei, nach deutschem oder italienischem Recht, fragt ein Anwalt. Wer kontaktierte wann welchen Beamten der italienischen Ermittlergruppe, will ein anderer wissen. Auf welchem Weg wurden die Audiodateien mit mitgehörten Gesprächen aus Italien nach Deutschland gesendet? Gab es zu den Treffen mit den italienischen Kollegen Aktenvermerke? Wer bestellte die anwesenden Dolmetscher? Die Hoffnung bei diesen Fragen ist wohl, etwas zu finden, was den Prozess platzen lässt.

Dem Staatsanwalt geht es um einen anderen Aspekt. Gleich zur Verfahrenseröffnung hatte der Verteidiger eines Hauptangeklagten abgestritten, dass die Angeklagten etwas mit der Mafia zu tun hätten. Sie seien "unbescholtene Pizzabäcker".

Welchen Mafiabezug er sehe, fragt der Staatsanwalt den Zeugen nun. Es handele sich dabei um eine Wertung, man solle die Frage zurückstellen, entgegnet ein Anwalt. Ob man damit leben könne, fragt der Richter in die Runde. Nein, antwortet der Staatsanwalt grimmig. Der Richter stellt die Frage trotzdem zurück.



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