Korrupte Beamte Ein Polizist, dein Freund und Helfer

Bei Großeinsätzen hat die Polizei häufig Probleme mit der Geheimhaltung. Gerade Razzien im Rocker- und Rotlichtmilieu sind anfällig für Verrat jeglicher Art. Kleine Gefälligkeiten werden gegen Geld getauscht - und gefährden die gesamte Aktion.
Razzia der Polizei in Potsdam: Monatelange Arbeit durch eine Indiskretion ruiniert

Razzia der Polizei in Potsdam: Monatelange Arbeit durch eine Indiskretion ruiniert

Foto: Märkische Allgemeine Zeitung/ dpa

Vertraue niemandem!

Halte die Zahl der Mitwisser so gering wie möglich!

Arbeite zügig!

Das seien, so sagt ein Leitender Kriminaldirektor, die drei Grunderfordernisse für einen erfolgreichen Großeinsatz gegen die Organisierte Kriminalität. Und daher wussten die allermeisten der mehr als 1200 Beamten, die in der vergangenen Woche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen gegen die Hells Angels ausrückten, im Vorhinein auch nicht, was ihr Auftrag sein würde. "Uns hat man gesagt, wir gingen gegen Neonazis vor", erinnert sich ein Bereitschaftspolizist, der dabei war. Erst im letzten Augenblick sei ihnen das wahre Ziel offenbart worden.

In Berlin hingegen reichte die Verschwiegenheit der Beamten nicht aus. Die Rocker hatten Wind von den bevorstehenden Polizeiaktionen bekommen und reagierten umgehend. Bereits am Montagabend verkündete das Hells-Angels-Charter "Nomads" per Pressemitteilung im Netz , dass die Mitglieder die Hauptstadt verlassen hätten, während die ebenfalls von einem Verbot bedrohten Bandidos zur Konkurrenz übergelaufen wären. SPIEGEL ONLINE berichtete daraufhin am Dienstagmittag über die verratenen Razzien des Landeskriminalamts (LKA), die dann dennoch in der Nacht zu Mittwoch stattfanden.

Missglückter Einsatz in Hessen

Für die Berliner Polizei hätte es schlimmer kaum kommen können. Die Arbeit vieler Monate war durch eine Indiskretion ruiniert worden, die vielleicht hätte vermieden werden können, wenn im LKA zügiger gearbeitet worden wäre. Denn allen Beteiligten muss spätestens seit einem missglückten Einsatz im Winter 2010 klar gewesen sein, dass Razzien im Rotlicht- und Rocker-Milieu immer ein hohes Risiko bergen, verraten zu werden.

Damals hatte der hessische Innenminister die bisher größten Polizeiaktionen gegen die Rocker in Deutschland genehmigt. Mehr als 3000 Beamte gingen in zwei Anläufen gegen die Hells Angels vor, doch die Rocker waren beim zweiten Mal gewarnt. Sie schickten sich - wenige Stunden, bevor die Spezialeinsatzkommandos durch ihre Türen brachen - Kurznachrichten mit dem Inhalt: "Heute Nacht wird es stürmen."

In das Verbotsverfahren gegen die beiden Frankfurter Hells Angels Clubs waren in der Folge nur sehr wenige Männer eingeweiht. Zeitweilig wussten weniger als ein halbes Dutzend Personen von der Aktion, die dann im vergangenen September schließlich durchgeführt wurde. "Unsere größte Sorge war", so ein Ermittler hinterher zu SPIEGEL ONLINE, "dass wir erneut zu spät kommen und die Clubs sich bereits aufgelöst haben, ehe wir zuschlagen können. Dann wäre alles vergeblich gewesen."

Polizisten als Informanten der Rocker

Ein ehemaliger Sympathisant der Angels hatte dem hessischen LKA zuvor offenbart, dass er im Auftrag des Clubs systematisch Polizisten als Informanten anwerben sollte. Demnach spähten die Rocker - etwa in Fitnessstudios oder Bars - gezielt einige Beamte aus und näherten sich ihnen daraufhin. So soll etwa der Erste Kriminalhauptkommissar Michael N., den wohl Geldsorgen plagten, gegen Tausende Euro Dienstgeheimnisse verraten haben. Einige andere Ermittler bezogen offenbar Drogen oder schienen aufgrund ihres Privatlebens erpressbar. Die Rocker bestreiten die Darstellung des Kronzeugen allerdings.

Doch auch in Kiel ermitteln die Behörden unter anderem wegen Korruption. Die Hells Angels sollen dort einen Justizbediensteten, einen Polizisten und einen städtischen Beamten für Informationen bezahlt haben.

Manchmal aber ist es gar nicht das Geld, das Polizisten plaudern lässt. Ahmet K., 24, arbeitete bei der 13. Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei, doch zu seinen Freunden aus dem Wedding zählte eben auch der Hells Angel Muzaffer A., 24. Sie kannten sich schon lange, sie kannten sich gut, weshalb Ahmet sich seinem "Bruder" verpflichtet fühlte: "Vielleicht komme ich heute Abend mit meinen Freunden vorbei", schrieb der Polizeimeister seinem Kumpel per SMS vor einer Razzia.

Gute Kontakte zur Szene

Gerade den Einheiten der Bereitschaftspolizei und den Spezialeinsatzkommandos misstrauen Kriminalisten besonders, wenn Einsätze gegen Rocker "gefahren" werden sollen, wie es im Jargon heißt. "Es gibt dort den ein oder anderen Kollegen, der durchaus gute Kontakte zur Szene hat", so ein hochrangiger Ermittler aus Nordrhein-Westfalen.

Vor allem bei Kraft- und Kampfsport kämen sich Gang-Mitglieder und manche Beamte zuweilen näher. Viele teilten zudem eine ähnliche Lebenseinstellung, die geprägt sei von einem draufgängerischen Abenteurertum, von Männerbünden und Korpsgeist. "Da kommt es schon einmal zu falschen Freundschaften", so der Kriminalrat.

Und manchmal werden aus Ordnungshütern sogar Outlaws - wie in dem Fall des Berliners Thorsten S. oder des Streifenbeamten Timm K. aus Detmold. Letzterer träumte nach einer Banklehre und einer Ausbildung bei der Polizei jahrelang davon, einem Spezialeinsatzkommando anzugehören, er trainierte hart, doch letztlich reichte es nicht. Am Ende brach er mit der Rechtsstaat - und landete bei den Rockern.

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