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30. September 2013, 18:01 Uhr

Polizei-Not in NRW

Der Freund braucht Hilfe

Von , Düsseldorf

Mit ein wenig peinlich wirkenden Rapvideos wirbt die nordrhein-westfälische Polizei um Nachwuchs. Der ist auch dringend nötig. Ein internes Papier des Düsseldorfer Innenministeriums zeigt, in welch desolater Verfassung viele Ordnungshüter inzwischen sind.

Das ultimative Lockmittel der nordrhein-westfälischen Polizei ist ein HipHop-Video, das mit vermeintlich flotten Paarreimen Jugendliche zum Dienst bei der Staatsmacht verleiten will, Motto: "Korrekt, du fragst nicht nach dem Stundenlohn, du kriegst ne Waffe, kriegst ne Mütze und ein Megafon." Mit dem Spott und der Häme, die das Filmchen bislang im Netz geerntet hat, hatten die Ordnungshüter hingegen wohl nicht gerechnet.

Dabei ist eine Werbeoffensive - wenngleich vielleicht nicht unbedingt diese - dringend nötig, wie ein internes Dokument aus dem Düsseldorfer Innenministerium zeigt. So zeichnet nämlich die "Arbeitsgruppe Verwendungseinschränkung" ein alarmierendes Bild von der gesundheitlichen Verfassung vieler Polizisten in NRW. Kurz gesagt: Die Hüter des Gesetzes sind alt, häufig krank und vielfach nur noch eingeschränkt diensttauglich.

Der Studie zufolge sind nur 18 Prozent aller Polizisten in Nordrhein-Westfalen jünger als 34 Jahre, aber 40 Prozent der Beamten älter als 50 Jahre, Tendenz steigend. Das höchste Alter weisen derzeit im Schnitt die Beamten des Polizeipräsidiums Bonn (49 Jahre) und des Landkreises Höxter (50,3 Jahre) auf.

"Rund um die Uhr Konflikte lösen"

Auch um die körperliche Verfassung der Beamten ist es nicht besonders gut bestellt. Knapp 3900 der insgesamt 39.000 Polizisten an Rhein und Ruhr waren 2011 länger als 31 Tage krankgeschrieben. Während gesetzlich Versicherte aus gesundheitlichen Gründen vier Prozent der Arbeitszeit fehlten, blieben die Ordnungshüter laut Bericht mehr als doppelt so lange dem Dienst fern.

Elf Prozent aller NRW-Polizisten sind zudem verwendungseingeschränkt. Das heißt, sie dürfen beispielsweise nicht mehr nachts, im Schichtdienst, auf der Straße, mit Schusswaffen oder im Auto arbeiten. Gerade dort aber, wo körperliche Robustheit gefragt ist, entstehen auf diese Weise personelle Lücken, die wiederum häufig nur mit Mehrarbeit der Gesunden geschlossen werden können.

Als Grund für den desolaten Zustand der Gesetzeshüter werten die Autoren der Untersuchung den Dienst an und für sich. Polizisten seien eben "größeren körperlichen Belastungen ausgesetzt als andere Berufsgruppen in der Landesverwaltung". Sie müssten "rund um die Uhr Konflikte lösen" und gegen Gewalttäter vorgehen. 50 Prozent der Beamten mit Bürgerkontakt seien binnen eines Jahres sogar attackiert worden, heißt es in dem Papier.

Dramatische Brutalität

"Die Brutalität, mit der sich die Kollegen inzwischen fast täglich konfrontiert sehen, hat sich dramatisch erhöht", sagt auch Erich Rettinghaus, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Es werde häufig gar nicht mehr versucht, Streitfragen verbal zu lösen, sondern sofort geschlagen und getreten.

Nach einer Untersuchung des Düsseldorfer Landeskriminalamts entstehen die Konflikte zu fast 90 Prozent im Alltag der Beamten und betreffen zu 83 Prozent Streifenpolizisten. Häufig agieren die Täter aus einer Gruppe heraus, fast immer sind sie betrunken oder stehen unter dem Einfluss von Drogen. Als besonders gefährlich erweisen sich dabei soziale Brennpunkte und Vergnügungsviertel.

Die zunehmende Gewaltbereitschaft trifft zusätzlich auf eine vielfach überforderte Polizei. So schrieb ein Duisburger Wachdienstleiter einmal einen markigen Brief an seine Polizeipräsidentin. Darin hieß es: "Stärke zeigen ist nicht möglich. Situationen in Bereichen mit hohem Migrantenanteil entgleiten immer mehr."

Denn dort werde die Polizei insbesondere von den Jugendlichen nicht akzeptiert. Das Risiko für die Beamten, angegriffen zu werden, steige auch deshalb, weil wegen der "katastrophalen Personalsituation" immer mit einem Minimum an Kräften gearbeitet werden müsse. Der Polizeihauptkommissar schloss mit den mahnenden Worten: "Die Grenzen der körperlichen Belastung sind bei vielen Kollegen erreicht."

1500 neue Polizisten - jedes Jahr

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) will der real existierenden Überlastung sowie der drohenden Überalterung seiner Gesetzeshüter daher mit vermehrten Neueinstellungen begegnen. Jährlich sollen knapp 1500 Abiturienten für den Polizeidienst gewonnen werden.

Als problematisch könnte sich dabei allerdings erweisen, dass die Zahl der Bewerber rückläufig ist, inzwischen bekommt bereits jeder zweite Aspirant eine Uniform. "Darunter sind inzwischen auch Kandidaten, die wir früher nicht genommen hätten", sagt ein hochrangiger Beamter. In wenigen Jahren, so prognostiziert der Fachmann, werde der riesigen Pensionierungswelle ohnehin kaum noch zu begegnen sein. "Wir haben dann einfach zu wenig Junge."

Ob daran HipHop etwas ändern kann, ist äußerst fraglich.

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