Patiententode in Oldenburg Staatsanwalt ermittelt gegen acht weitere Klinikmitarbeiter

In Niedersachsen soll ein Krankenpfleger über Jahre hinweg Patienten getötet haben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg auch gegen acht weitere Klinikmitarbeiter - wegen des Verdachts auf Totschlag durch Unterlassen.
Klinikum Oldenburg (Archiv): Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Mitarbeiter

Klinikum Oldenburg (Archiv): Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Mitarbeiter

Foto: Ingo Wagner/ DPA

Oldenburg - Den Tod von mehr als 200 Patienten untersucht die Polizei bereits. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft ihre Untersuchung ausgedehnt und ermittelt auch gegen acht Klinikmitarbeiter in Delmenhorst und Oldenburg. Es bestehe der Anfangsverdacht des Totschlags durch Unterlassen, teilte die Behörde mit.

Ein ehemaliger Kollege der acht Krankenhausangestellten steht seit September vor Gericht: Er muss sich wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs an Patienten vor dem Landgericht in Oldenburg verantworten. Er soll schwer kranken Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation zwischen 2003 und 2005 eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt haben, damit er sie wiederbeleben konnte. Später soll er es auch aus Langeweile getan haben. Sechs Beschäftigten der Klinik war möglicherweise bekannt, dass der Verbrauch des Medikaments in dem Zeitraum gestiegen war. Dem seien sie aber nicht nachgegangen, sagte Oberstaatsanwältin Frauke Wilken am Rande des Prozesses.

Unter den Verdächtigen ist auch der pflegerische Stationsleiter in Delmenhorst. Er sollte am Dienstag vor Gericht aussagen und erfuhr erst vom Richter von den Ermittlungen. Der 57-Jährige verzichtete daraufhin auf eine Aussage. Auch in Oldenburg, wo der Angeklagte von 1999 bis 2002 arbeitete, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Mitarbeiter. Sie könnten demnach geahnt haben, dass der Mann für den Tod von Patienten verantwortlich war und den Verdacht nicht gemeldet haben.

"Für uns ist das ein weiterer Schritt Richtung Gerechtigkeit"

Für Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben kamen die weiteren Ermittlungen überraschend. "Für uns ist das ein weiterer Schritt Richtung Gerechtigkeit." Die Angehörigen der Opfer in Delmenhorst werfen der Klinik schon seit längerem Versäumnisse vor. "Man hätte recherchieren müssen, woher der erhöhte Medikamentenverbrauch kommt", sagte Lübben. Dies sei nicht geschehen - und "das ist aus unserer Sicht Beihilfe zum Mord".

Dass die Verantwortlichen vom gestiegenen Verbrauch des Herzmedikaments wussten, legt eine Dokumentation des Klinikums Oldenburg nahe. Dort hatte das Delmenhorster Krankenhaus seine Medikamente bestellt. Nach Angaben der Oldenburger Klinikleitung informierte die Apotheke die Delmenhorster damals über die größeren Liefermengen.

Der 37 Jahre alte Angeklagte Niels H. sitzt bereits wegen einer ähnlichen Tat im Gefängnis. 2008 hatte ihn das Landgericht Oldenburg wegen Mordversuchs an einem Patienten zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Vor anderen Häftlingen soll er von deutlich mehr Taten gesprochen haben. Die Polizei untersucht in Delmenhorst allein 174 Todesfälle. Dazu kommen weitere an den früheren Arbeitsstätten in Oldenburg und Wilhelmshaven sowie bei den Rettungssanitätern.

Die Staatsanwaltschaft steht in dem Verfahren selbst unter Druck. Angehörige von Opfern sowie Patientenschützer werfen ihr vor, die schon im ersten Verfahren vorliegenden Hinweise nicht weiter verfolgt zu haben. Inzwischen ermittelt die Behörde wegen Strafvereitlung im Amt gegen die damals zuständigen Staatsanwälte.

wit/dpa
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