Krawalle in Straßburg Schockgranaten gegen den Schwarzen Block

Die Demonstranten setzten ein Hotel und Häuser in Brand, die Polizei reagierte mit Wasserwerfern: Während des Nato-Gipfels in Straßburg kam es zu schweren Krawallen, 50 Menschen wurden verletzt. Zehntausend Gendarmen und Soldaten konnten die Ausschreitungen nicht verhindern.


Straßburg - Während Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatschef Nicolas Sarkozy Journalisten sichtlich zufrieden die Ergebnisse des Nato-Gipfels erörtern, kämpfen einige Kilometer vom Straßburger Pressezentrum entfernt Feuerwehrleute gegen Flammen an. Wütende Gipfelgegner haben Brandsätze in das Hotel Ibis nahe der Europabrücke geworfen. Auch der Posten der französischen Grenzpolizei stand am Samstagnachmittag in Flammen. Die Brücke liegt etwa fünf Kilometer von dem Ort entfernt, an dem die Staats- und Regierungschefs tagten.

Das Hotel wurde durch das Feuer schwer beschädigt. "Das ist kein Zufall, dass die das Hotel in Brand gesteckt haben. Die dachten, dass hier Polizisten untergebracht sind", sagte ein französischer Polizeibeamter. Offiziell wollten sich die Behörden nicht dazu äußern, ob im Gebäude Sicherheitskräfte untergebracht waren. Nach Angaben eines Augenzeugen waren war das Hotel von der Nato reserviert für internationale Journalisten. Vermummte hätten das Hotel gestürmt und geplündert, die Polizei habe viel zu spät auf Notrufe reagiert.

Zum Abschluss des Treffens eskalieren die Proteste. Hunderte Demonstranten zogen in Straßburg durch die Straßen, zündeten Reifen an, schlugen Schaufenster ein und plünderten Geschäfte. Selbst ein bisher beispielloser Einsatz von mehr als zehntausend Polizisten, Gendarmen und Soldaten in der Europa-Stadt hat damit nicht verhindern können, dass der Gipfel zum 60-jährigen Bestehen der Nato von massiven Krawallen überschattet wurde.

Die französischen Behörden machen dafür rund tausend "besonders gewalttätige" Mitglieder des sogenannten Schwarzen Blocks verantwortlich, zu erkennen an ihrer einheitlich schwarzen Kleidung und Masken vor dem Gesicht. Sie werden vor allem dem linksextremen Spektrum zurechnet. Aber auch einige rechtsgerichtete Skinheads waren unter den gewaltbereiten Störern, außerdem Demonstranten mit kurdischen Fahnen. Einige waren mit Eisenstangen bewaffnet und trugen Gasmasken. Bei anderen fand die Polizei in Säcken versteckte Stöcke, Steine und Stacheldraht.

"Wir sind friedlich, was seid ihr?"

Die Krawallmacher, darunter viele Deutsche, warfen mit Steinen und Flaschen auf Polizisten. Sie demolierten Verkehrsampeln und plünderten Bierregale in einer Tankstelle. Die Polizei setzte massiv Tränengas, Wasserwerfer und sogenannte Schockgranaten ein, die einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen. Nach Angaben der Straßburger Präfektur wurden zehn Demonstranten leicht verletzt. Der ärztliche Notdienst im "Protest-Camp" der Gipfelgegner sprach von mindestens 20 Verletzten durch den Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen, in anderen Agenturberichten ist von 50 Verletzten die Rede.

Die Organisatoren verurteilten die Gewalt. "Ich bin sehr wütend, das sollte eine friedliche Demonstration werden", sagte Marie-George Buffet von der französischen Kommunistischen Partei. An vielen Stellen blieb es aber auch ruhig. "Wir sind friedlich, was seid ihr?", riefen Demonstranten den Sicherheitskräften entgegen. Einige näherten sich Barrikaden immer wieder mit erhobenen Händen.

Ein Organisator der Proteste bezeichnete die Gewalt als Konsequenz aus dem Vorgehen der Polizei. "Das war die Folge der Angriffe der Polizisten auf die Demonstranten", sagte Monty Schädel.

Während der Attacken militanter Nato-Gegner retteten sich Straßburger Feuerwehrleute über den Rhein ins deutsche Kehl. Weil sie von gewalttätigen Demonstranten angegriffen wurden, ergriffen sie die Flucht über die Europabrücke und suchten den Schutz der deutschen Polizei. 25 Feuerwehrwagen standen in Kehl, die Feuerwehrleute wurden von deutschen Helfern versorgt. Im Gegenzug ging die deutsche Polizei auf französisches Gebiet, schützte die Europabrücke und die deutsch-französische Grenze.

Deutsche Demonstranten saßen fest

Die offizielle Abschlusskundgebung verlief am Nachmittag weitgehend ruhig. An ihr nahmen auch Buffet und Trotzkisten-Chef Olivier Besancenot teil. Für die Demonstration war eine Route im Straßburger Hafengelände genehmigt worden - weitab vom Kongresszentrum, wo sich am Vormittag die Staats- und Regierungschefs der 28 Nato-Staaten versammelt hatten.

An die 7000 deutsche Demonstranten, von denen mehrere hundert eigens mit der Bahn aus Nordrhein-Westfalen angereist waren, konnten sich dem Protestzug nicht anschließen. Sie waren im Grenzort Kehl blockiert, weil die Europabrücke entgegen ersten Zusagen der französischen Behörden gesperrt blieb. Daran änderten auch alle Vermittlungsversuche des Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele nichts, der mit den übrigen Demonstranten an der Grenze festsaß.

Die deutsche Polizei sah sich ihrer Taktik bestätigt. "Es hat sich gezeigt, dass die starke Polizeipräsenz, unser entschiedenes Vorgehen sowie die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen berechtigt waren", sagte der Einsatzleiter der Polizei, Bernhard Rotzinger. "Dadurch haben wir verhindert, dass Gewalttäter aktiv werden konnten." Der Einsatz von 14.600 Polizeibeamten aus ganz Deutschland sei angemessen gewesen. "Dadurch hatten wir die Oberhand."

Schwimmer im Rhein aufgegriffen

Auch in den Augen der französischen Gipfelgastgeber dürfte sich das massive Polizeiaufgebot gelohnt haben. Schließlich hat es verhindert, dass Demonstranten auch nur in die Nähe des Tagungsortes gelangten. Das Gelände rund um das Kongresszentrum war hermetisch abgesperrt, selbst für Journalisten mit einer Gipfel-Akkreditierung. Gestört wurden die Beratungen allenfalls vom Lärm der Militärhubschrauber, die pausenlos über Straßburg kreisten.

Weiträumig von hohen Metallbarrieren abgeriegelt war auch der Bereich um das Straßburger Rohan-Schloss und das gotische Münster. So konnten die amerikanische First Lady Michelle Obama und die Frau des französischen Staatschefs, Carla Bruni-Sarkozy, in der Mittagssonne ungestört in die Kameras lächeln, bevor sie das "Damenprogramm" mit einem Besuch des Münsters fortsetzten.

Von den Protesten und Krawallen bekamen sie vermutlich ebenso wenig mit wie die Staats- und Regierungschefs. Sie konnten Straßburg gleich nach dem Gipfel per Hubschrauber verlassen. Dafür war eigens ein Fußballplatz neben dem Kongresszentrum in einen Flugplatz umfunktioniert worden.

Am Morgen hatte die Polizei eine Protestaktion auf dem Rhein verhindert. 26 Schwimmer und Taucher, die auf dem Wasserweg in die Nähe der Staats- und Regierungschefs gelangen wollten, wurden vorübergehend festgenommen. Zwei in der Gegend aufgestiegene Heißluftballone wurden von einem Polizeihubschrauber abgefangen.

Eine Demonstration von Nato-Gegnern in Baden-Baden war am Freitag friedlich verlaufen, in Straßburg hingegen hatte es bereits Krawalle gegeben. Zum Schutz des Gipfels waren mehr als zehntausend Polizisten im Einsatz. In der Nacht auf Freitag waren in Straßburg nach Zusammenstößen mit der Polizei rund 300 Nato-Gegner festgenommen worden.

itz/AFP/dpa/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.