Heilpraktiker vor Gericht Tod nach Infusion

Der Heilpraktiker Klaus R. soll mit einer ungeeigneten Waage Mittel für Krebspatienten präpariert haben - drei Menschen starben. Vor Gericht sagt der Angeklagte, er habe das Gefühl, sauber gearbeitet zu haben.

Klaus R. mit seiner Anwältin vor Gericht: Angeklagt wegen
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Klaus R. mit seiner Anwältin vor Gericht: Angeklagt wegen

Von Christian Parth, Krefeld


Mit feinen Strichen bringt der Gerichtszeichner aus den Niederlanden das Gesicht von Klaus R. zu Papier. Brille, kurzes graues Haar, konzentrierter Blick. Im Nachbarland ist der Heilpraktiker aus Moers seit den Ereignissen im Juli 2016 ein bekannter Mann. Zwei Holländer, ein 55 Jahre alter Mann und eine 43 Jahre alte Frau, sowie eine 55-jährige Belgierin waren auf elende Weise zu Tode gekommen, nachdem R. sie behandelt hatte.

Der Heilpraktiker hatte sich darauf spezialisiert, schwer krebskranke Menschen mit alternativen Therapiemethoden zu heilen - viele davon im Endstadium, medizinisch austherapiert und eigentlich ohne Hoffnung. "Es tut mir sehr leid, was passiert ist, sagt R., der sich vor dem Landgericht Krefeld verantworten muss. "Aber ich habe dafür keine Erklärung. Ich habe ein gutes Gefühl, richtig und sauber gearbeitet zu haben."

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 61-Jährigen fahrlässige Tötung in drei Fällen und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vor. Auch der Fall einer vierten Patientin ist Teil der Anklage, sie hatte überlebt, offenbar ohne bleibende Schäden durch die Behandlung.

Die Ausführungen der Staatsanwältin über die Ereignisse am 27. Juli 2016 im "Biologischen Krebszentrum" in Brüggen-Bracht klingen dramatisch. Damals hatte R. die vier Erkrankten in seiner Praxis nacheinander per Infusionen mit dem Wirkstoff 3-Bromopyruvat (3-BP) behandelt.

Schon während der Anwendung klagten die Personen über Übelkeit und Schwindel, einer erbrach. R. habe sich nicht viel dabei gedacht, sagt er später. Solche Symptome seien gerade bei der Behandlung krebskranker Patienten nicht ungewöhnlich. Er schickte sie nach Hause. Dort aber begann ihr Martyrium erst.

"Er hätte die Überdosierung erkennen müssen"

Bis in die Nacht wurden die Symptome immer schlimmer. Krampfanfälle, der Blick starr, keine Reaktion mehr auf Ansprache, Schaum vorm Mund, die Zunge hing raus - so schildert es die Staatsanwältin. Sie kamen ins Krankenhaus, wenige Stunden später waren sie tot. Laut Anklage wurden sie durch das 3-BP vergiftet und erlitten schwere Hirnschäden.

R. soll beim Abwiegen des Wirkstoffs eine für Kleinstmengen ungeeignete Waage benutzt haben. Dadurch sei es zu einer erheblichen Überdosis gekommen, bis zum Sechsfachen der üblichen Menge habe R. in Kochsalzlösung gemischt und seinen Patienten verabreicht. "Er hätte die Überdosierung erkennen müssen", sagt die Staatsanwältin. "Eine Kontrolle durch das Vieraugen-Prinzip wäre geboten gewesen." Doch darauf hatte R. verzichtet.

Am Fall Klaus R. hatte sich in Deutschland eine heftige Debatte um die Ausbildung und Zulassung von Heilpraktikern entzündet. Die Stiftung Patientenschutz fordert dringend eine Gesetzesreform, Einschränkungen bei den Behandlungsmethoden und Kontrollen. Auch Jutta Hübner übt scharfe Kritik an der Branche. "Es ist ein Geschäft mit der Verzweiflung", sagt die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRiO) der Deutschen Krebsgesellschaft. "Die Patienten denken nicht daran, dass das skurril ist, was da mit ihnen gemacht wird. Sie glauben, es ist wie beim Arzt. Aber das ist es nicht. Es gibt keinerlei Kontrolle."

Klaus R. dagegen ist weiterhin von seiner Methode überzeugt. Vor Gericht zeigt sich der Heilpraktiker aufgeräumt, kooperativ und um Seriosität bemüht. Er sei froh, dass es nun zum Prozess komme, denn er würde selbst gerne wissen, was damals schiefgelaufen war.

Der Angeklagte bezweifelt, dass es an der Waage gelegen habe, schließlich habe er sie schon zuvor monatelang benutzt, nach immer derselben Routine. Die Patienten hätten positiv reagiert. Vielleicht sei es ja die Charge gewesen, denn dieses Mal sei der Wirkstoff anders als sonst in Plastik- und nicht in Glasflaschen verpackt gewesen. Vielleicht habe ja das Plastik das 3-BP verunreinigt, vermutet er.

Rhetorisch geschliffen schildert er seinen Werdegang. Werkzeugmacher, Ingenieur für Medizintechnik, dann habe er sich an seine Berufung erinnert. "Ich möchte den Menschen helfen."

Den Patienten versprach er eine biologische Behandlung

R. wurde Heilpraktiker, erlernte die Techniken der Akupunktur und der Cranio-Sacral-Therapie. Im September 2014 übernahm er schließlich die "medizinische Leitung" des "Biologischen Krebszentrum Bracht", unweit der niederländischen Grenze. Die Einrichtung hatte vor allem Krebspatienten aus dem Nachbarland im Blick, da naturheilkundliche Verfahren anders als in Deutschland dort streng reguliert sind.

Klaus R. bot Behandlungen mit Vitamin C oder Kurkuma an. Sein Top-Angebot aber war die 3-BP-Methode, die er auf der Internetseite in holländischer Sprache bewarb, zehn Wochen für 9900 Euro. Den Patienten versprach er eine angeblich biologische Behandlung, die "100 Prozent frei von giftigen Stoffen" sei, "im Gegensatz zur Chemotherapie, die fast komplett toxisch ist".

Das 3-BP sei ein Glukoseblocker, es störe den Stoffwechsel der Tumorzelle und bringe sie zum Absterben, erklärt R. vor Gericht. Allerdings muss er einräumen, dass das 3-BP, auch bekannt als Brombrenztraubensäure, synthetisch hergestellt werde.

In manchen Kreisen wird der Stoff als Wundermittel gegen Krebs gehandelt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch sind gering. Forscher haben bislang vor allem mit Ratten und Mäusen experimentiert, klinische Studien am Menschen gibt es nicht. R. nutzte eine gesetzliche Grauzone. Als Medikament ist 3-BP in Deutschland nicht zugelassen, die Anwendung des Wirkstoffs ist aber nicht untersagt.

R. hatte nach eigener Aussage keinerlei Erfahrung mit 3-BP, als er das Krebszentrum übernahm. An dieser Stelle werden seine Ausführungen abenteuerlich. Seine Kenntnisse will er maßgeblich über eine Linksammlung mit Studien erlangt haben, die der holländische 3-BP-Anhänger Daniel S. auf eine Internetseite gestellt hatte. R. habe einige der Arbeiten gelesen, aber nur diejenigen, die frei zugänglich waren.

Seine erste Patientin sei die krebskranke Frau von Daniel S. gewesen, der ihn schließlich auch mit dem 3-BP beliefert habe. Mit ihr habe er begonnen, sagt R. Mit ganz kleinen Dosen.

Die Verhandlung wird am 5. April fortgesetzt, dann soll Klaus R. zeigen, wie er üblicherweise das Mittel abgewogen hat.



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