Kriegsverbrecher Eichmann und die Nazi-Helfer der CIA

Die Festnahme des SS-Mannes Adolf Eichmann 1960 galt lange Zeit als Meisterwerk des Mossad. CIA-Dokumente zeigen nun, dass der US-Geheimdienst schon lange vor den Kollegen aus Israel von Eichmann wusste, aber keinen Finger rührte - um deutsche Politiker zu decken.

Von Roman Heflik


Hamburg - Letztlich war es ein Blumenstrauß, der den Massenmörder enttarnte. Seit Tagen schon hatten Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad den Verdächtigen beschattet: Ricardo Klement, wohnhaft in der Garibaldi-Straße 16 in Buenos Aires, sei ein Mann von "mittlerer Größe und Gestalt, ungefähr fünfzig Jahre alt, mit einer hohen Stirn und teilweise kahl", notierte sich einer der Geheimdienstler. Es war der 19. März 1960.

Kriegsverbrecher Eichmann, in seiner Zelle in Ramle
AP

Kriegsverbrecher Eichmann, in seiner Zelle in Ramle

Die Israelis waren nervös: Sie hielten sich ohne Genehmigung der argentinischen Regierung in dem südamerikanischen Land auf. Und sie mussten herausfinden, ob es sich bei dem Verdächtigen wirklich um einen der schlimmsten Feinde ihres Volkes handelte: Die Agenten vermuteten, dass es sich bei Ricardo Klement um niemand anderen als SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann handelte. Eichmann war während des Krieges der zuständige Beamte für die Deportation von über vier Millionen Juden in Ghettos und Konzentrationslager gewesen. Jahrelang hatten die israelischen Behörden nach Eichmann gefahndet, der nach dem Krieg abgetaucht war. Alle Hinweise hatten sich bislang als falsche Fährten erwiesen. Doch am 21. März sollte es soweit sein: Ricardo Klement fuhr mit dem Bus zu einem Blumenladen und kehrte mit einem Strauß in die Garibaldi-Straße zurück. Als die Beschatter sahen, wie er die Blumen seiner Frau übergab, bestand für sie kein Zweifel mehr, dass sie den Gesuchten vor sich hatten: Der 21. März 1960 war Eichmanns 25. Hochzeitstag.

Blitzaktion in Buenos Aires

Am 11. Mai schlugen die Jäger zu. In einer Blitzaktion überrumpelten sie Eichmann, der sofort seine wahre Identität gestand. Seine Häscher schafften ihn einige Tage später in eine El-Al-Maschine in Richtung Israel. Dort verurteilte ihn 1961 ein Jerusalemer Gericht unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode. Am 1. Juni 1962 wurde der Planer der Judenvernichtung im Gefängnis Ramle bei Tel Aviv gehängt.

Heute, mehr als 40 Jahre später, sorgen die Umstände von Eichmanns Verhaftung unter Historikern für Aufregung. Denn wie aus jüngst veröffentlichten Dokumenten des US-Geheimdienstes CIA hervorgeht, war in den USA schon mindestens zwei Jahre vor den Israelis der Aufenthaltsort des deutschen Kriegsverbrechers bekannt - und niemand hatte einen Finger für dessen Festnahme gerührt.

Die etwa 27.000 Dokumentseiten, die der US-Nachrichtendienst jahrzehntelang unter Verschluss gehalten hat, sind kaum geeignet, das bereits angekratzte Image der "Firma" zu verbessern. Stattdessen zeigen sie, wie skrupellos amerikanische und deutsche Stellen ehemalige Nazi-Verbrecher beschützten, sofern es ihren Zwecken diente.

Hinweise aus Westdeutschland

So hatte die CIA bereits im März 1958 ein Memo des westdeutschen Nachrichtendienstes erhalten. Darin wurden Berichte erwähnt, wonach Eichmann sich bereits seit 1952 unter dem Tarnnamen Clemens in Argentinien aufhalte. Doch eine Jagd auf Eichmann blieb aus - auf Bitte der Deutschen, wenn man Timothy Naftali glauben darf. Der Historiker der University of Virginia ist Experte für die Zeit des Kalten Krieges und hat zusammen mit mehreren Kollegen die neu zugänglichen CIA-Dokumente ausgewertet.

Seiner Ansicht nach fürchtete sich die westdeutsche Regierung vor einer Festnahme Eichmanns: Der SS-Mann würde vor Gericht sicherlich auch sein Wissen über Hans Globke preisgeben, der damals an den judenfeindlichen Nürnberger Rassegesetzen mitgewirkt hatte. Doch im Gegensatz zu Eichmann war der Jurist Globke nach dem Krieg nicht ins Ausland geflohen, sondern zum Sicherheitsberater von Bundeskanzler Konrad Adenauer aufgestiegen. In Bonn versuchte man nun alles, um die dunkle Vergangenheit des mächtigen Globke zu verschleiern. "Es sieht nun so aus, als ob West-Deutschland ihn (Eichmann) 1958 hätte fassen können, wenn es gewollt hätte", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Naftali.

Schützenhilfe sei aus den USA gekommen: "Die CIA, die eng mit Globke zusammenarbeitete, half den Westdeutschen, ihren Mann vor Eichmann zu schützen", sagte Naftali. Seinen Worten zufolge half die CIA zudem später der Bundesrepublik dabei, einen Verweis auf Globke aus Eichmanns Tagebüchern unter Verschluss zu halten, die das US-Magazin "Life" eigentlich vollständig hätte abdrucken wollen.

Braune Helfer im Kalten Krieg

Die Historiker sparen nicht mit Kritik am US-Geheimdienst: "Als der Kalte Krieg begann, entsprach es nicht mehr der US-Politik, Nazi-Kriegsverbrecher zu verfolgen", stellte Naftali fest. Im Gegenteil: Aus dem jetzt veröffentlichten CIA-Material werde auch deutlich, dass die USA während des Kalten Krieges ein weitverzweigtes Spionagenetz aus ehemaligen Nazis unterhielten.

Großen Nutzen hätten die USA aus ihren zwielichtigen Helfern kaum ziehen können, sind sich die Historiker sicher. Die Verwendung der Nazis habe den US-Agenten nichts anderes als "operative Probleme und moralische Verwirrung" beschert, sagte Naftali. Das glaubt auch sein Kollege Robert Wolfe: Die einst braunen Informanten hätten ihren amerikanischen Geheimdienstoffizieren vor allem nach dem Munde geredet, um der eigenen Bestrafung zu entkommen. Die gewonnenen Nachrichten seien meist nichts anderes gewesen als "Hörensagen und Geschwätz".



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.