Kriegsverbrecherprozess Ex-SS-Mann soll in weitere Morde verwickelt sein

Drei Zivilisten hat der SS-Mann Heinrich Boere im Zweiten Weltkrieg erschossen, deswegen steht er inzwischen in Aachen vor Gericht. Jetzt erheben die Nebenkläger neue Vorwürfe gegen den 88-Jährigen: Er soll an der Ermordung sieben weiterer Menschen beteiligt gewesen sein.
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Prozess gegen Heinrich Boere: Gerechtigkeit und Wahrheit

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Heinrich Boere

Hamburg - Wenn es stimmt, was der Wuppertaler Historiker Stephan Stracke in niederländischen Archiven recherchiert haben will, war der frühere SS-Mann wesentlich tiefer in die NS-Vernichtungsmaschinerie verstrickt als bisher bekannt. Die Nebenklage in dem Aachener Kriegsverbrecherprozess hat daher an diesem Donnerstag einen neuen Beweisantrag und eine weitere Strafanzeige gegen den 88-Jährigen gestellt.

Demnach soll sich Boere im Mai 1944 als Spion des deutschen SS-Sicherheitsdienstes (SD) bei niederländischen Fluchthelfern eingeschlichen haben. Zusammen mit zwei Kameraden gaben die Männer an, selbst von den Besatzern verfolgt zu werden und einen Unterschlupf zu benötigen. Zwei Bauern aus dem Raum Helden sollen ihnen diesen daraufhin gewährt haben.

Anschließend hätte das Spitzel-Trio dem örtlichen SD-Kommandanten Bericht erstattet, heißt es in der Anzeige, und über Orte, Namen und Strukturen des niederländischen Widerstandes aufgeklärt. Dafür hätten sie 75 Gulden "bar auf die Hand" bekommen, das seien heute etwa 400 Euro.

"Unmenschliche Behandlung"

Wenige Tage nach dem Undercover-Einsatz der drei Kollaborateure seien dann bei einer großangelegten Razzia 52 Personen festgenommen worden, von denen anschließend mindestens sieben "aufgrund der unmenschlichen Behandlung" in verschiedenen Konzentrationslagern gestorben seien. Boere habe ihren Tod "vorsätzlich in Mittäterschaft verursacht", so die Anwälte.

Der Sachverhalt verdeutliche die kriminelle Energie des gelernten Einzelhandelskaufmannes, der ein eifriger und überzeugter Nationalsozialist gewesen sei. Seine Selbstdarstellung, er habe als bloßer Befehlsempfänger gehandelt, könne damit widerlegt werden, sagten die Nebenkläger Detlef Hartmann und Wolfgang Heiermann. Der Sachverhalt lasse Rückschlüsse auf Triebkraft und Täterpersönlichkeit Boeres zu, für den das Aachener Landgericht die besondere Schwere der Schuld feststellen müsse.

Es sei noch nicht ganz klar, welche Relevanz die Recherchen für den Fortgang des Verfahrens hätten, sagte Staatsanwalt Andreas Brendel am Mittag. Der Ankläger machte aber deutlich, dass die besondere Schwere der Schuld ohnehin wohl keine Auswirkungen auf die Dauer einer möglichen Haft Boeres hätte, dafür sei der Angeklagte bereits zu alt.

Der Verteidiger des früheren SS-Mannes, Gordon Christiansen, wollte sich auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage nicht unmittelbar zu den neuen Vorwürfen äußern: "Wir werden das prüfen und behalten uns eine Stellungnahme vor", sagte er.

Drei Unschuldige erschossen

Heinrich Boere, 1921 geboren in Eschweiler bei Aachen und dort immer noch wohnhaft, ist angeklagt, als Angehöriger der "Germanischen SS in den Niederlanden" im Kriegsjahr 1944 drei unschuldige und wehrlose Zivilisten ermordet zu haben. Demnach schoss der damals 22-Jährige am 14. Juli den Apotheker Fritz Bicknese in Breda und am 3. September den Fahrradhändler Teunis de Groot in Voorschoten sowie Frans-Willem Kusters in Wassenaar nieder.

Boere, Sohn eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter, war "ein Fanatiker", wie er SPIEGEL ONLINE im August 2007 sagte. Ende 1940 hatte er sich als 18-Jähriger zur Waffen-SS gemeldet und fast zwei Jahre lang an der Ostfront gekämpft. 1942 kehrte er in die besetzten Niederlande zurück, wo er dem etwa 15 Mann starken SS-Sonderkommando "Feldmeijer" zugeteilt wurde.

Diese Truppe hatte den unmittelbar auf Hitler zurückgehenden und als "Geheime Reichssache" eingestuften Auftrag, jeglichen aufkeimenden Widerstand in den Niederlanden durch willkürliche Erschießungen von angeblich antideutsch eingestellten Bürgern zu brechen.

Codewort "Silbertanne"

Kam es zu Anschlägen auf die Besatzer oder ihre Kollaborateure, setzte der Höhere SS- und Polizeiführer Hanns Albin Rauter mit dem Codewort "Silbertanne" sein Mordkommando in Bewegung. Mindestens 54 Niederländer sollen diesen SS-Auftragskillern zum Opfer gefallen sein.

"Wir kannten die Männer nicht. Der Sicherheitsdienst der SS gab uns die Namen, und wir machten uns auf den Weg", sagte Boere 2007 SPIEGEL ONLINE. "Man sagte uns, es handele sich um Partisanen, um Terroristen. Wir dachten, wir täten das Richtige." Also drückte er ab.

Boere, und das unterscheidet diesen Fall von anderen Kriegsverbrecherprozessen, hat die drei Hinrichtungen nie bestritten. Schon 1946 räumte er die Taten gleich in mehreren Vernehmungen ein. Auch in Aachen wiederholte er vor einigen Wochen sein Geständnis und berief sich dabei auf einen angeblichen Befehlsnotstand.

"Das war gefährlich"

Der einzige lebende Zeuge einer Erschießung, Jacobus Peter Bestemann, wurde vom Landgericht daraufhin in einer Videokonferenz vernommen. Der in Rotterdam lebende 88-Jährige sagte, dass sie als Mitglieder des SS-Kommandos sich gefürchtet hätten, Befehle zu verweigern. "Das war gefährlich", so Bestemann.

In seinem Geständnis hatte Boere ausgeführt, dass auch Bestemann gefeuert habe. Der hielt dagegen: "Ich habe nie geschossen. Ich hatte nie eine Waffe." Er wollte seinen Kameraden lediglich begleitet haben. "Jemand hat mir wohl gesagt, dass ich mitgehen muss". Ob Boere geschossen habe, wisse er nicht. Bestemann hatte wegen dieser Tat und der Morde an zwei Bürgermeistern in den Niederlanden eine Haftstrafe von 13 Jahren verbüßt.

Boere wurde für die Morde auch schon einmal verurteilt, im Oktober 1949, von einem Amsterdamer Sondergerichtshof. Doch da war er schon wieder in Eschweiler, wenige Kilometer hinter der Grenze, und wurde nicht ausgeliefert.

Mit Material von dpa