Kriegsverbrechertribunal Charles Taylor sorgt für Eklat

Im Verfahren gegen Charles Taylor haben sich der ehemalige Diktator Liberias und sein Anwalt mit dem Gericht angelegt. Der Verteidiger wollte eine Entscheidung des Kriegsverbrechertribunals nicht akzeptieren - und stürmte aus dem Saal. Auch Taylor blieb der Verhandlung fern.

Ex-Diktator Taylor im Gerichtssaal: Anwalt mit dramatischem Abgang
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Ex-Diktator Taylor im Gerichtssaal: Anwalt mit dramatischem Abgang


Leidschendam - Die Schlussphase des Kriegsverbrecherprozesses gegen Liberias Ex-Präsidenten Charles Taylor wird von einem Eklat überschattet. Taylors Verteidiger Courtenay Griffiths verließ am Dienstag den Gerichtssaal im Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, nachdem das Gericht ein von ihm eingereichtes Dokument nicht zugelassen hatte. Bevor er aus dem Saal stürmte, sagte er: "Wir empfinden es nicht als angemessen teilzunehmen." Die Aufforderung von Richterin Teresa Doherty, wieder Platz zu nehmen, ignorierte er.

Griffiths hatte argumentiert, die Nicht-Zulassung des Dokuments, das deutlich nach Fristablauf eingereicht worden war, mache den Prozess unfair. Vor dem Gerichtssaal bezeichnete er das Verfahren als "vollständige Farce". "Unsere Anwesenheit im Gericht ist unvereinbar damit, die Interessen des Angeklagten zu vertreten", sagte Griffiths. Er drohte damit, den Prozess für den Rest der Woche zu boykottieren. Zudem will er gegen die Entscheidung des Gerichts vorgehen, das Dokument nicht zuzulassen.

Nach einer kurzen Pause blieb auch Taylor trotz einer gegenteiligen Anweisung der Richterin der Verhandlung fern. Ein Gerichtssprecher sagte, Taylor habe im Aufenthaltsraum eine Kaffeepause gemacht und sich danach geweigert, den Raum zu verlassen. Doherty habe daraufhin die Fortsetzung der Sitzung angeordnet.

Dramatischer Auftritt

Wenn der dramatische Auftritt dazu dienen sollte, den Prozess zu verschleppen, scheiterte Griffiths. Die Richter gestatteten es den Anklägern, ihre Schlussplädoyers fortzusetzen. Doherty sagte, die Sitzung werde auch ohne Griffiths' Beisein fortgesetzt. "Es gab schon zu viele Verzögerungen in diesem Prozess."

Die Ankläger werfen dem 62-jährigen Taylor Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Massenmord, Vergewaltigungen, Verstümmelung und Mitschuld an den Massakern des Bürgerkriegs in Liberias Nachbarstaat Sierra Leone von 1991 bis 2002 vor. Taylor trage die "größte Verantwortung für die furchtbaren Verbrechen", sagte Staatsanwältin Brenda Hollis. "Er hat die Terrorkampagne gegen die sierra-leonische Bevölkerung geführt, ins Leben gerufen, genährt und unterstützt", so Hollis.

Die Anklage ist überzeugt, dass Taylor sogenannte Blutdiamanten besaß. Er soll während des Bürgerkriegs in Sierra Leone die Rebellen mit Waffen unterstützt und dafür die Edelsteine erhalten haben. Bei dem Konflikt wurden zwischen 1991 und 2001 etwa 120.000 Menschen getötet. Taylor hat die Vorwürfe als Lügen bezeichnet. Er habe nie Diamanten - außer seinen eigenen - besessen.

Gegen Taylor hatte auch das britische Topmodel Naomi Campbell im vergangenen Sommer ausgesagt. Sie soll 1997 von Taylor ein Diamantengeschenk bekommen haben - nach Ansicht der Anklage Blutdiamanten.

Taylor ist der erste ehemalige afrikanische Staatschef, dem vor einem internationalen Gericht der Prozess gemacht wird. Das Verfahren läuft seit 2008. Für Mittwoch ist das Schlussplädoyer der Verteidigung geplant. Ein Urteil wird für Mitte des Jahres erwartet.

ulz/AFP/Reuters



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