Kriminalfall Kalinka Deutscher Arzt in Frankreich zu 15 Jahren Haft verurteilt

Es ist der vorläufige Schlusspunkt eines epischen Justizkrimis: Drei Jahrzehnte nach dem rätselhaften Tod der 14-jährigen Kalinka hat ein französisches Gericht ihren Stiefvater Dieter K. zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der leibliche Vater des Mädchens hatte ihn der Justiz ausgeliefert.

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Paris - Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt der Fall Kalinka die Justiz in zwei Ländern: Die 14-Jährige war am 10. Juli 1982 tot in ihrem Bett im Haus der Familie in Lindau gefunden worden, nachdem ihr Stiefvater ihr am Vorabend eine Spritze gegeben hatte. In Deutschland wurden Ermittlungen gegen den Stiefvater, den deutschen Arzt Dieter K., zum Tod des französischen Mädchens und einer möglichen Vergewaltigung eingestellt, schließlich wurde der Fall in Frankreich verhandelt. Dort ist nun im Berufungsprozess gegen K. das Urteil gefallen.

Das Gericht in Créteil bei Paris sprach den heute 77-Jährigen schuldig und verurteilte ihn wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren Haft - wie von der Staatsanwaltschaft gefordert. Das Berufungsgericht befand, K. habe Kalinka sexuell missbrauchen wollen und ihr eine tödliche Spritze gegeben, der Tod des Teenagers sei aber nicht absichtlich herbeigeführt worden. Die drei Richter und neun Geschworenen bestätigten damit das Urteil eines Pariser Gerichtes vom Oktober 2011.

K.s Verteidiger kündigten umgehend Revision vor dem höchsten französischen Gericht, dem Kassationsgerichtshof, an. Ein Anwalt bezeichnete das Urteil als "Schande". Der Angeklagte hatte in seinem Schlusswort zum wiederholten Mal seine Unschuld beteuert. "Ich schwöre bei Gott: Ich habe Kalinka weder vergewaltigt noch getötet", sagte der 77-Jährige. Er betonte, er habe Kalinka gemocht. Ihr Tod sei auch für ihn ein "furchtbares Ereignis" gewesen. "Ich habe gelitten, wir haben gemeinsam geweint", sagte er mit Blick auf Kalinkas Mutter Danielle Gonnin, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftrat und mit der er zum Zeitpunkt von Kalinkas Tod verheiratet war. Das Mädchen hatte in jenem Sommer die Ferien bei seiner Mutter und K. in Lindau am Bodensee verbracht.

Feldzug eines Vaters

Dass K. überhaupt in Frankreich vor Gericht stand, ist Kalinkas Vater André Bamberski zuzuschreiben. Jahrzehntelang hatte der heute 75-Jährige den früheren Kardiologen wie ein Besessener gejagt. Der Verdacht, dass K. im Sommer 1982 dem Teenager eine Betäubungsspritze verabreicht, sie vergewaltigt und getötet hat, ließ Bamberski nie los - schließlich griff er zur Selbstjustiz: Im Herbst 2009 engagierte er mehrere Männer, um K. nach Frankreich verschleppen zu lassen. Sie schlugen den Deutschen vor dessen Haus in Scheidegg im Landkreis Lindau brutal zusammen, entführten ihn und legten ihn vor einem Gerichtsgebäude im elsässischen Mülhausen ab - gefesselt und geknebelt.

Wegen der Verschleppung wird sich Bamberski noch vor einem Gericht im Elsass verantworten müssen. Er ist überzeugt davon, das Richtige getan zu haben, um für "Gerechtigkeit für Kalinka" zu sorgen.

Bamberski stützt seine Tathergangstheorie auf verschiedene Spuren. Bei der Autopsie der Toten 1982 in einem Krankenhaus in Memmingen hatten sich laut einem Papier des Appelationsgerichtshofs von Paris unter anderem Blutspuren in ihrem Slip sowie ein "oberflächlicher Riss von etwa einem Zentimeter" im Genitalbereich gefunden. Dieser könnte jedoch auch "postmortem" entstanden sein, so ein Mediziner später.

Bei einer Exhumierung der Leiche im Jahr 1985 stellte sich heraus, dass Geschlechtsteile und innere Organe des Mädchens fehlten - und damit laut Bamberski die Beweise für den Missbrauch an seiner Tochter.

Jahrzehntelanger Justizkrimi

Dieter K. hat stets bestritten, Kalinka vergewaltigt und getötet zu haben. Dazu habe er keinen Grund gehabt, sagte der 77-Jährige auch während des aktuellen Prozesses. Er wollte einen Freispruch erreichen. Seine Anwälte sprachen in ihrem Schlussplädoyer von einem Justizirrtum und wiesen darauf hin, dass deutsche Ermittler die Untersuchungen zu dem Fall ergebnislos eingestellt hatten.

Die deutsche Justiz hatte den Tod Kalinkas bereits 1987 zu den Akten gelegt. Das Oberlandesgericht München lehnte damals in letzter Instanz eine Anklageerhebung ab mit der Begründung, die Spritze - laut K. handelte es sich um ein Mittel gegen Eisenmangel - habe nicht zum Tod des Teenagers geführt.

In Frankreich hingegen konnte Bamberski die Richter von seinem Verdacht überzeugen, K. wurde 1995 in Abwesenheit wegen Tötung seiner Stieftochter zu 15 Jahren Haft verurteilt. Damit war der Justizmarathon aber noch längst nicht beendet. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied später, dass der französische Prozess in Abwesenheit des Angeklagten und ohne anwaltliche Verteidigung rechtswidrig gewesen sei.

Deutschland verweigerte Auslieferung

Bestätigt fühlte sich Bamberski in seinem Verdacht, weil K. 1997 wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht stand: Der Mediziner gestand, eine 16-jährige Patientin mit Schlafmitteln ruhig gestellt und vergewaltigt zu haben. Er wurde vom Landgericht Kempten zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die aber "nach der Gesamtwürdigung von Tat und Persönlichkeit" zur Bewährung ausgesetzt wurde. K. verlor daraufhin seine Zulassung als Arzt in Deutschland, übte seinen Beruf aber weiter illegal aus. Dafür verurteilte ihn das Landgericht Coburg 2007 wegen Betrugs zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis.

Deutschland hatte sich stets geweigert, einen von Frankreich ausgestellten internationalen Haftbefehl gegen K. zu vollstrecken und den Mann auszuliefern. Erst nach der Entführung begann im März 2011 erneut ein Prozess in Paris. "Endlich", wie Bamberski voller Genugtuung sagte.

In diesem Verfahren befanden Geschworene K. ebenfalls der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig, er wurde zu 15 Jahren Haft und einer Zahlung von 400.000 Euro an die Hinterbliebenen des Mädchens verurteilt. Die Anklage sprach von "bewusster Gewaltanwendung, die zum Tode führte". Für den Versuch einer Vergewaltigung gebe es nicht genügend Beweise, räumte der Staatsanwalt ein. Er gehe aber davon aus, dass der Angeklagte die Absicht gehabt habe, sich an dem Mädchen zu vergehen.

Doch der Fall musste neu aufgerollt werden. Das Pariser Kassationsgericht gab der Berufung der Verteidigung statt. Das Berufungsverfahren in Créteil bei Paris begann Ende November. Trotz des Urteils bleibt jedoch eine wichtige Frage offen: Darf die französische Justiz eine Entführung, also ein Verbrechen, ausnutzen, um K. den Prozess zu machen?

wit/AFP

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