Mord in Emden "Ermittler haben Lynchaufrufe nicht zu verantworten"

Ein Unschuldiger geriet nach dem Emder Mädchenmord unter Tatverdacht - gegen den Schüler gab es Lynchaufrufe im Internet. Im Interview spricht Thomas Gundlach, Professor für Kriminalistik, über Vorverurteilungen, die Rolle der Medien und den Erfolgsdruck der Ermittler.

Kerzen vor dem Tatort in Emden: "Schieben wir die Unschuldsvermutung beiseite?"
dapd

Kerzen vor dem Tatort in Emden: "Schieben wir die Unschuldsvermutung beiseite?"


SPIEGEL ONLINE: Herr Gundlach, der Kriminologe Christian Pfeiffer hat der Polizei im Fall des Mädchenmordes von Emden vorgeworfen, den ersten, unschuldigen Tatverdächtigen öffentlich in Handschellen vorgeführt zu haben. Wie problematisch ist das bei einem Jugendlichen?

Gundlach: Die Frage ist, ob das eine öffentliche Vorführung war. Das zu unterstellen, finde ich unredlich. Unabhängig davon gilt aber besonders bei Minderjährigen, dass eine besondere Vorsicht und Zurückhaltung in Bezug auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen angebracht ist. Es ist zum Beispiel nirgends vorgeschrieben, dass man uniformiert festnehmen muss.

SPIEGEL ONLINE: Das ist in Emden geschehen und erregte viel Aufsehen. Müssten die Behörden nicht in einem solchen kleinstädtischen Umfeld besonders zurückhaltend sein, um durch ihre Maßnahmen keine Rückschlüsse auf Verdächtige zu ermöglichen?

Gundlach: Das können sie versuchen, aber das wird nicht viel bringen. Unabhängig von der Art der Festnahme wäre der Name des Tatverdächtigen wahrscheinlich durch Medienrecherchen bekannt geworden, weil es eben eine Kleinstadt ist, wo sich so etwas nicht verheimlichen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die Hauptschuld bei Journalisten?

Gundlach: Die Frage ist doch: Wenn jemand unter Tatverdacht steht, wie gehen wir dann damit um? Schieben wir die Unschuldsvermutung beiseite, nur weil es sich um Mord handelt? Nein - und das muss sich in der öffentlichen Diskussion genauso niederschlagen wie in den Ermittlungsmaßnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das aussehen?

Gundlach: Nur weil jemand festgenommen wird, ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen. Mit der Festnahme fängt die Arbeit erst an. Das müssen die Behörden offensiv kommunizieren: "Wir stehen am Anfang der Ermittlungen. Vieles ist noch ungeklärt. Wir brauchen Zeit." Diese Zeit muss die Polizei sich nehmen und einfordern.

SPIEGEL ONLINE: Das klappt nicht immer.

Gundlach: Polizei und Staatsanwaltschaft stehen unter enormem Druck, insbesondere bei Mordermittlungen. Das Interesse der Medien war bei solchen Fällen immer schon da. Die Öffentlichkeit erwartet sehr schnelle, vielleicht zu schnelle Ermittlungserfolge.

SPIEGEL ONLINE: Macht sich die Polizei selbst zu viel Druck?

Gundlach: Natürlich sind Polizisten nicht frei davon. Die lesen Zeitung, schauen fern, hören Radio. Diesem Druck müssen Polizisten standhalten, das ist Teil ihrer Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Zumal die Berichterstattung auch einem berechtigten Informationsinteresse der Öffentlichkeit dient.

Gundlach: Genau. Es wäre ja auch ein Fehler, wenn die Polizei gar keine Informationen mehr herausgeben würde, die Behörden sind ja auch auf die Öffentlichkeit angewiesen. Es geht nicht darum, ob informiert wird, sondern wie diese Informationen bewertet werden, daran hapert es. Medien und Öffentlichkeit machen zu schnell den nächsten Schritt, nach dem Motto: "Jetzt haben sie ja endlich einen, und der ist ja auch tatverdächtig, dann wird das auch der Täter sein."

SPIEGEL ONLINE: Müssen sich andererseits die Behörden nicht auf ein verändertes mediales Umfeld einstellen? Vor 15 Jahren gab es Facebook noch nicht.

Gundlach: Für die Ermittler ist das nicht nur ein Nachteil. Man kann solche Plattformen auch nutzen, etwa für Fahndungsaufrufe. Abgesehen davon haben Polizei und Staatsanwaltschaft nicht zu verantworten, dass in sozialen Netzwerken - wie im Fall Emden geschehen - Lynchaufrufe gestartet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen trotzdem damit umgehen.

Gundlach: Ja, aber sie können nicht darauf Rücksicht nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das die Botschaft des Falles in Emden - für die Problematik von Vorverurteilungen zu sensibilisieren?

Gundlach: Ich hoffe es. Diese Sensibilität darf nicht abhanden kommen. Dass bei Ermittlungen nun mal auch Unschuldige in Verdacht geraten können, ist für die Betroffenen schon schlimm genug.

Die Fragen stellte Benjamin Schulz



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