Kriminalität am Kap Südafrikas Polizei verliert die Kontrolle

Wenige Monate vor der Fußball-WM in Südafrika liefern sich kriminelle Banden in den Städten offene Kämpfe. Die überforderte Staatsmacht versucht, ihr Versagen mit Härte zu kaschieren. In Johannesburg wurde ein dreijähriger Junge erschossen - offenbar von einem Polizisten.

REUTERS

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Kapstadt - Bongani Mchunu ist immer noch fassungslos: "Ich hörte plötzlich Reifen quietschen. Ein ziviler VW Golf stoppte neben meinem Wagen. Ein Schuss fiel. Die Kugel durchschlug die Windschutzscheibe und traf Atlegang in die Brust." Atlegang Phalane war Mchunus dreijähriger Neffe. Jetzt ist Atlegang tot.

Noch bevor Mchunu richtig realisieren konnte, was eigentlich geschehen war, wurde er von einem Polizisten in Zivil aus seinem weißen Hyundai gezerrt, zu Boden geworfen und gefesselt. Ein zweiter Polizist zog unterdessen Atlegang aus dem Auto und legte ihn auf die staubige Straße. Sechs Sunden ließ die Polizei den leblosen Körper dort liegen, dann endlich kam der Leichenwagen und transportierte ihn ab.

Der Tod des Dreijährigen am vergangenen Samstag im Township Klipfontein nahe Johannesburg ist der bislang tragischste Höhepunkt einer neuen Spirale der Gewalt in Südafrika. Seit Polizeichef Bheki Cele bei seinem Amtsantritt im Juli die Polizei zu härterem Durchgreifen ermuntert hat, schlagen nicht nur die Gangster immer brutaler zurück, müssen nicht nur Polizisten einen hohen Blutzoll zahlen - zunehmend sterben auf Südafrikas Straßen Unschuldige.

Auch Bongani Mchunu hatte sich laut der Tageszeitung "Cape Times" nichts zu Schulden kommen lassen - und erst recht nicht sein dreijähriger Neffe. Der Mann und das Kind warteten vor dem Haus eines Verwandten in einem Auto, als der tödliche Schuss fiel, der den Jungen das Leben kostete.

Der Todesschütze ist inzwischen in Haft genommen worden. Der Vorfall wird untersucht. Angeblich fiel der Unglücksschuss, als die beiden Polizisten einen flüchtigen Mörder verfolgten.

"Keine Warnung, kein Blaulicht, keine Sirenen"

Erst zwei Wochen zuvor war die 30-jährige Olga Kekana auf dem Weg zu einer Party in Mabopane nördlich von Pretoria gestorben, weil die Polizei ihren grauen Toyota Conquest mit einem gestohlenen grauen Toyota Corolla verwechselt hatte. Luftwaffenpilot Simon Mathibela, der mit der jungen Frau und zwei Freunden, die von Polizeikugeln schwer verletzt wurden, im Auto gesessen hatte, klagt die Polizei an: "Es gab keine Warnung, kein Blaulicht, keine Sirenen. Sie haben einfach das Feuer eröffnet."

In Khayelitsha bei Kapstadt erschlugen acht Polizisten einen 18-Jährigen, den sie bereits festgenommen hatten, weil sie vermuteten, dass er einen Polizisten ermordet hatte. In Atteridgeville fiel der 21-jährige Kgothatso Ndobe Polizeikugeln zum Opfer - ebenfalls unschuldig. Die Liste der Opfer von Polizeieinsätzen wird wöchentlich länger.

Der Tod des Dreijährigen hat die Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Mittel bei Polizeieinsätzen allerdings neu angefacht. Johan Burger vom renommierten Institut für Sicherheitsstudien in Pretoria erklärte: "Man muss sich fast fragen: Was kommt zuerst? Gerät die Kriminalität außer Kontrolle oder die Polizei?" David Bruce, Verbrechensforscher am Centre for the Study of Violence and Reconciliation, warnt: "Beim Einsatz tödlicher Gewalt fehlt bei unserer Polizei die Kontrolle. Eine aufgeheizte politische Rhetorik, die die rücksichtslose oder ungesetzliche Anwendung tödlicher Gewalt sogar noch unterstützt, hilft den Polizisten nicht, sie verwirrt sie nur."

Laut einem Bericht des "Independent Complaints Directorate", das Todesfälle bei Polizeieinsätzen untersucht, sind in Südafrika im vergangenen Jahr durch Polizeieinwirkung 612 Menschen gestorben, 25 Prozent mehr als noch 2007. 32 Opfer waren demnach Passanten, die sich zufällig am Tatort eines Verbrechens befunden hatten, 213 Menschen wurden bei einer Verhaftungsaktion getötet, 300 starben in Polizeigewahrsam. Andere büßten ihr Leben ein, weil die Polizei "fahrlässig mit Schusswaffen umgegangen" war, wie es in dem Bericht heißt.

"Seid nicht schießwütig"

Polizeichef Cele rudert angesichts der tragischen Vorfälle in den vergangenen Wochen bereits zurück. "Seid nicht schießwütig", ermahnte er seine Polizisten Anfang November. Auch Präsident Jacob Zuma forderte nach dem Tod Olga Kekanas, die Polizei dürfe nicht wahllos von der Schusswaffe Gebrauch machen. "Seine Aufforderung, härter gegen Kriminelle vorzugehen, darf nicht als Lizenz verstanden werden, einfach loszugehen und Leute zu erschießen", sagte Zumas Sprecher Vincent Magwenya. Der Tod der 30-Jährigen dürfe aber auch nicht von dem Hauptproblem ablenken: "Tatsache ist doch, dass wir alle hinter Mauern leben. Unsere Häuser sind gesichert wie Militärbasen. Wir können unsere Kinder nicht auf den Straßen Fahrrad fahren lassen, weil wir als Ergebnis der täglichen Gewaltverbrechen eine sicherheitsbewusste Gesellschaft geworden sind."

18.487 Menschen sind 2008 in Südafrika ermordet worden. Die Zahl bewaffneter Überfälle auf Geschäfte - vor allem Einkaufszentren - ist gegenüber 2007 um 41 Prozent gestiegen. Zuma bekräftigte, dass der Kampf gegen die Kriminalität gerade im Vorfeld der Fußball-WM 2010 an der Spitze seiner politischen Agenda stehe.

Finanzminister Pravin Gordhan kündigte in seiner Haushaltsrede Ende Oktober im Parlament an, dass die "Falken", die neue Eliteeinheit der südafrikanischen Polizei, in den kommenden drei Jahren auf 2400 Mann aufgestockt werden sollen. Damit wären die Einsatzkräfte fünfmal so viele wie ihre erfolgreichen Vorgänger, die "Scorpions". Die Ausgaben für die Polizei sollen in den nächsten drei Jahren von 78 auf 100 Milliarden Rand (knapp neun Milliarden Euro) steigen. Die 185.313 Polizisten des Landes sollen um 22.447 Mann verstärkt werden. Eine Milliarde Rand will die Regierung zur Aufbesserung der Besoldung der chronisch unterbezahlten Polizisten aufbringen.

"Bis an die Zähne bewaffnete Kriminelle"

Aber auch die Gangster Südafrikas rüsten auf - und die Polizei muss einen hohen Blutzoll zahlen. Im August wurde Sergeant Charles Komba bei der Routinekontrolle eines Taxis im Kapstädter Township Nyanga von hinten erschossen. Die Täter flüchteten mit der Dienstpistole des Polizisten. In Kapstadts Nobelvorort Constantia wurde ein 32-jähriger Constable erschossen. Polizeisprecherin Sally de Beer sagte, landesweit seien im vergangenen Jahr 107 Polizisten ermordet worden. Die Police and Prison Civil Rights Union beklagt, die Polizisten Südafrikas seien mittlerweile zu "Kanonenfutter" für "bis an die Zähne bewaffnete Kriminelle" geworden.

Südafrikas Gangs liefern sich derzeit nationalen Medienberichten zufolge untereinander erbitterte Kämpfe um die Kontrolle von Drogenhandel und Prostitution während der Fußball-WM im nächsten Jahr. Im Oktober wurden laut "Sunday Times" im Westkap 30 Gang-Mitglieder Opfer von Bandenkämpfen. Die Banden tragen Namen wie "Americans", "Hard Livings", "Junky Funky" oder "Clever Kids" und rekrutieren immer jüngere Mitglieder. "Ich bin besorgt darüber, dass die jüngere Generation sich zunehmend den Gangstern zuwendet", sagt Lennit Max, Sicherheitsminister der Provinz Westkap und ehemaliger Polizist. Allein in der Provinz Westkap wurden binnen eines Jahres elf seiner früheren Kollegen getötet.

Wer gegen den Bandencodex verstößt und der Polizei Tipps gibt oder vor Gericht aussagt, wird erbarmungslos ermordet. Eines dieser Opfer ist Andre van Niekerk. Er war bereit, gegen den gefürchteten Gangsterboss George Thomas auszusagen, der mit Spitznamen "Gewalt" genannt wird und sich unter anderem wegen Mordes vor Gericht verantworten muss. Niekerk starb drei Tage, nachdem ein Mitglied der Thomas-Gang aus dem Gefängnis Goodwood entlassen worden war. Insgesamt sollen fünf Zeugen im Thomas-Prozess beseitigt worden sein.

Auch Mitglieder von Selbsthilfeorganisationen gegen die Kriminalität werden rücksichtslos ermordet. Im Oktober wurde der 47-jährige Mervyn Jacobs erschossen, der in Kapstadts Township Mitchells Plain ein Anti-Crime-Komitee gegründet hatte. Einen Monat zuvor hatten unbekannte Täter den Rollstuhlfahrer Vincent Maidoo ermordet, der in einem anderen Township öffentlich gegen die zunehmende Gewalt zu Felde gezogen war. "Es war das gleiche Muster," erklärte die Polizei.

Je näher die Fußball-WM rückt, desto entschlossener macht Südafrikas Polizei mobil gegen die Kriminalität. Straßenblockaden und Razzien machen den Gangstern das Leben zunehmend schwer. "Aber noch", sagt ein Insider, "sind die Kriminellen uns immer einen Schritt voraus."



insgesamt 149 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Willie, 21.08.2009
1.
Zitat von sysopEine 27-jährige Deutsche wurde in Kapstadt brutal ermordet, ihre Leiche im Kofferraum ihres Wagens verstaut. Das Verbrechen hat die Diskussion über die Kriminalität in Südafrika angeheizt. Ist das Land sicher genug für die Fußball-WM 2010?
Kommt ganz darauf an, was man jeweils unter "genug" versteht.
systemfeind 22.08.2009
2. ganz bestimmt
Zitat von sysopEine 27-jährige Deutsche wurde in Kapstadt brutal ermordet, ihre Leiche im Kofferraum ihres Wagens verstaut. Das Verbrechen hat die Diskussion über die Kriminalität in Südafrika angeheizt. Ist das Land sicher genug für die Fußball-WM 2010?
sofern Sie immer ein G 36 , einen Granatwerfer , 40 l Reizgas und eine pumpgun am Start haben .
lemming51 22.08.2009
3. Tja.....
Zitat von sysopEine 27-jährige Deutsche wurde in Kapstadt brutal ermordet, ihre Leiche im Kofferraum ihres Wagens verstaut. Das Verbrechen hat die Diskussion über die Kriminalität in Südafrika angeheizt. Ist das Land sicher genug für die Fußball-WM 2010?
Ich habe da, ehrlich gesagt, so meine Zweifel. Die WM bietet für interessierte Gruppen, die an einer wie auch immer gearteten Konfrontation mit der gegenwärtigen Regierung interessiert sind, eine mächtige Weltöffentlichkeit. Dazu kommt die leider sehr hohe Kriminalitätsrate, die überwiegend auf den herrschenden sozialen Verwerfungen beruhen. Diese Probleme zur WM in den Griff zu bekommen, dürfte für die südafrikanischen Sicherheitsbehörden eine enorme Aufgabe darstellen. Sehr schade, da Südafrika doch eigentlich ein Hoffnungsträger in Sachen freidlicher Überwindung der Apartheid war
mavoe 22.08.2009
4. 1993
war ich mal im südlichen Afrika, kurz nach der "Apartheid". Schon da war Jo'burg aus Sicherheitsgründen nur mit dem Taxi erkundbar. Geldwechseln, z.B., bei Thomas Cook, 200 m vom Hotel entfernt. Da haben die im Hotel gefragt: "Willst du wirklich dahin laufen?" Wir sind daher relativ schnell aus der Stadt geflüchtet... Kapstadt war da noch relativ sicher. Was ich sagen will ist, dass die nach 16 weiteren Jahren jetzt das auf die Schnelle ändern wollen, das ist doch wohl unrealistisch. Und nun, liebe Fußballfans, viel Spaß dort im Winter 2010!
SaT 22.08.2009
5. Morde gibt es auch in der Schweiz
Touristen welche in jenen von Kriminalität heimgesuchten Drittweltländern Afrikas oder Lateinamerikas ihren All-inklusive Urlaub verleben werden meist optimal von der einheimischen Bevölkerung abgeschottet. Ob dies Südafrika beim Großereignis WM ebenfalls so nahtlos gelingt wird man sehen. Mag sogar sein, dass die WM nächstes Jahr ohne allzu große Zwischenfälle vonstatten geht (Bemerkung eines ANC -Funktionärs "Morde gibt es auch in der Schweiz" - auf ein , zwei Morde kommt es also nicht so an ) damit sind aber die Probleme Südafrikas noch lange nicht gelöst.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.