Kriminalität Die Klaukids von Berlin

Seit dem EU-Beitritt Rumäniens wächst die Zahl klauender Kinder auf den Straßen der Hauptstadt. Die Polizei ist machtlos, denn unter 14-Jährige können nicht festgenommen werden. Und deshalb ziehen die Mini-Ganoven jeden Tag aufs Neue los.

Berlin - Sie sind noch Kinder. Doch sie leisten sich teure Sportschuhe, gehen Billard spielen und lassen sich abends in einem Taxi nach Hause fahren. Ihr Zuhause allerdings ist ein Jugendheim. Die kleinen Herrschaften sind sogenannte Klaukinder aus Rumänien.

Das Phänomen "Kinderdiebe" ist den deutschen Sicherheitsbehörden seit Jahren bekannt. Doch mit dem EU-Beitritt Rumäniens hat sich die Zahl minderjähriger Langfinger vor allem in der Hauptstadt vervielfacht, wie aktuelle Zahlen der Berliner Polizei belegen. 17 Kinder aus Rumänien kennen die Gesetzeshüter mittlerweile, die bis zu 30 Diebstähle am Tag verüben - das sind über 500 Klaukinder-Delikte täglich. Die Dunkelziffer sei viel höher, heißt es.

Neu ist außerdem ihr Konsumverhalten, das laut Ermittlern keine Rückschlüsse mehr auf organisierte Geldeintreiber zulässt. Bisher wurden klauende und bettelnde Kinder vor allem durch kriminelle Gruppen nach Deutschland geschleust. Ihre Beute mussten sie an die Bandenchefs abgeben. Immer öfter werden Klaukinder jedoch inzwischen dabei beobachtet, wie sie ihr Geld für Luxusgüter ausgeben. "Sie leisten sich was", so ein Polizeibeamter. Die Kinder kämen freiwillig, vermutet daher die Polizei.

Berlin hat - wie jede Großstadt - grundsätzlich ein Problem mit professionellen Straßenräubern. Berliner Behörden zählten im Jahr 2005 fast 17.500 Taschendiebstähle. Daraufhin hat die Polizei die operativ arbeitende Ermittlungsgruppe (EG) Tasche eingerichtet. Die Zahl der Delikte ging 2006 prompt auf 15.500 zurück, obwohl die turbulente Fußball-Weltmeisterschaft den Langfinger-Tourismus aus dem In- und Ausland belebte. Klaukinder waren der Polizei 2006 lediglich drei bekannt.

Doch seither ist die "Diebstahlquote durch Klaukids massiv gestiegen", sagt Thomas Neuendorf, der Leiter der EG Tasche. Wahrscheinlich weil es ihnen seit dem EU-Beitritt leichter fällt, nach Deutschland zu kommen. "Und es hat sich unter jungen Rumänen herumgesprochen, dass stehlenden Kindern in Deutschland nichts passiert."

Die Polizei ist machtlos. Strafrechtliche Maßnahmen sind bei unter 14-Jährigen ausgeschlossen, nur in Ausnahmefällen werden die Eltern belangt. Doch die sind im Fall der Klaukinder nicht auszumachen. "Habe Papiere verloren", sei die Standardausrede, wenn die Polizei nach Ausweisen verlangt. So werden die Kinder - auf frischer Tat ertappt - zunächst von der Polizei vernommen und dann im Kindernotdienst abgegeben. Dort bekommen sie ein Bett und eine warme Mahlzeit - und ziehen meist wenig später wieder los.

Abschiebung ist unmöglich

"Rumänische Klaukinder haben in Deutschland nur einen Rechtsanspruch auf Inobhutnahme", so Peter Alfred Schulz, Leiter des Sozialpädagogischen Diensts in Berlin-Mitte. Das bedeute, dass die Rückführung in die Heimat vorrangig sei. Doch das umzusetzen scheint keineswegs einfach zu sein und funktioniert laut Polizeiangaben fast nie.

Die Kinder können nur dann in die Heimat zurückgeschickt werden, wenn die rumänische Botschaft ihre Identität feststellt, so Polizist Neuendorf. Doch in den meisten Fällen sei es schon schwer nachweisbar, dass es sich überhaupt um rumänische Staatsbürger handle.

Ein amtliches Rückfahrticket sei außerdem nur dann denkbar, wenn ein deutsches Familiengericht einen Vormund finde, der das Kind in Rumänien besser aufgehoben wisse als in Deutschland. Doch das hat der Beamte noch nicht erlebt.

Geschlossene Heime, in denen die Kinder festgehalten und dauernd beobachtet werden, wären eine Lösung für das Problem, so Neuendorf. Das sei "keine pädagogische Strafe", sondern "Hilfe und Schutz" für die Kinder, sagt er SPIEGEL ONLINE.

Doch es gibt nur acht solcher Heime in Deutschland. Keines davon befindet sich in Berlin oder Brandenburg. Sie sind außerdem für Gewalttäter, Räuber, Mörder gedacht, bei denen das Sicherheitsrisiko für die Umwelt hoch ist.

Kinder in den überfüllten geschlossenen Heimen unterzubringen ist zudem kostspielig, bis zu 9000 Euro werden monatlich für Straftäter fällig. Wenn Kinder aus Berlin in geschlossenen Heimen anderer Bundesländern untergebracht werden, muss das Land Berlin die Kosten übernehmen. "Bisher ist der Leidensdruck durch Kinderdiebe jedoch nicht hoch genug", vermutet Neuendorf.

Fachbereichsleiter Schulz dagegen hält wenig von geschlossenen Heimen für klauende Kinder: "Diebstahl ist keine schwere Straftat", sagt er, und die sei Voraussetzung für die Einweisung. Um strafunmündige Kinder in eine geschlossene Einrichtung einzuweisen, bedürfe es außerdem eines richterlichen Beschlusses. Und dann nur "zum Schutz des Kindes - nicht zum Schutz von Kaufhäusern".

Klauen sei ein Symptom, das auf sozialpädagogische Bedürfnisse eines Kindes hinweist. Doch es dauert viele Jahre bis geschlossene Heime ihre erzieherische Wirkung haben, sagt Schulz SPIEGEL ONLINE. Und ohne Pädagogen die Rumänisch sprechen sei das "völliger Unsinn".

Eine kurzfristige Lösung gebe es nicht. Der Mann vom Sozialpädagogischen Dienst glaubt an einen "ganzheitlichen Ansatz". Man müsse Projekte in Rumänien unterstützen und den Eltern dort bei der Erziehung zu helfen.

Klaukinder stellen die deutschen Behörden vor ein bisher unlösbares Problem: Weder kann man die minderjährigen Rumänen einfach zurückschicken, noch sie festhalten und für ihre Straftaten belangen. Um einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, gibt es laut Polizeiangaben bereits Gespräche zwischen Polizei, Justiz, Verwaltung und der rumänischen Botschaft.

Einig sind sich die Beteiligten bislang nur in einem Punkt: "Deutschland ist auf strafunmündige Täter nicht eingestellt."

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