Verbrechen und Statistik Die zwei Wahrheiten der Kriminalität

Die Polizei registriert weniger Verbrechen, doch die Bevölkerung erlebt etwas anderes. Beides stimmt.

Festnahme (Archivbild)
Armin Weigel/ DPA

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Es gibt in Sachen Kriminalität zwei Sichtweisen auf die Welt. Es gibt diejenige der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) an diesem Dienstag vorgestellt hat. "Jede Straftat ist natürlich eine zu viel. Aber objektiv ist dies der niedrigste Wert seit Jahrzehnten", sagte Seehofer.

Und der Minister hat ja recht. Die Gesamtzahl der erfassten bearbeiteten Straftaten ohne ausländerrechtliche Vergehen sank um 3,6 Prozent. Wohnungseinbrüche, Straßenkriminalität, Handtaschenraub, Körperverletzungen, Fahrrad- und Autodiebstähle: Alle diese Delikte wurden 2018 seltener von der Polizei erfasst als noch im Vorjahr, in vielen Fällen so selten wie seit Jahrzehnten nicht.

Und dann gibt es eine zweite Sichtweise der Kriminalität, die in Befragungen der Bevölkerung entsteht. Diese Sichtweise wurde auf derselben Pressekonferenz vorgestellt, und da sieht es anders aus. Insgesamt sei "keine grundlegende Veränderung der Kriminalitätsbelastung der Bürgerinnen und Bürger zwischen 2012 und 2017 feststellbar", schreibt das Bundeskriminalamt im Deutschen Viktimisierungssurvey (DVS), für den 2016/2017 mehr als 31.000 Menschen in Deutschland repräsentativ befragt wurden. Demzufolge ist die Kriminalität größtenteils nicht zurückgegangen, sondern konstant geblieben oder in wenigen Ausnahmen sogar gestiegen.

Wie ist das möglich? Ist eine der Statistiken falsch?

Keineswegs. Kriminologen sind sich weitgehend einig, dass nur sogenannte Hellfeldstatistiken wie die PKS und Dunkelfeldstudien wie der DVS zusammen genommen ein annähernd realistisches Bild der Kriminalität liefern.

Die Unterschiede kommen vielmehr daher, dass die Zahlen keineswegs so "objektiv" sind, wie das Zitat von Innenminister Seehofer nahelegt. Denn während die PKS die Sicht der Polizei abbildet, wurde im Viktimisierungssurvey die Bevölkerung nach ihren persönlichen Opfererfahrungen befragt. Beides kann zusammenpassen, muss es aber nicht - wie die folgenden drei Beispiele zeigen:

Beispiel eins: Wohnungseinbruch

Das sagt die Polizei: Die Zahl der Einbrüche in der polizeilichen Statistik ist nach 2012 stark gestiegen. Die Polizei gründete vielerorts Sonderkommissionen, um gegen die Täter zu ermitteln, die Aufklärungsquoten blieben allerdings mit rund 15 Prozent dürftig. Seit 2015 sinkt die Zahl der bearbeiteten Fälle wieder, war 2016 allerdings noch höher als 2012. Eine Vermutung der Ermittler ist, dass ausländische Banden nach Skandinavien weitergezogen sind.

Das sagt die Bevölkerung: Die Befragung der Bevölkerung im DVS in den Jahren 2012 und 2016/2017 weist einen ähnlichen Trend auf wie die Polizeistatistik. Die Zahl der angegebenen Einbrüche pro 1000 Haushalten stieg von 17,9 auf 26. Insbesondere die Anzahl der versuchten, aber gescheiterten Einbrüche nahm demnach signifikant zu.

Dass die beiden Statistiken in die gleiche Richtung deuten, überrascht nicht. Wohnungseinbrüche gehören traditionell zu den Delikten, die besonders häufig von den Opfern bei der Polizei angezeigt werden, auch für die Versicherung. Damit erhalten die Ermittler ein recht vollständiges Bild der Einbruchskriminalität. Spannend wird, ob sich der Rückgang in der PKS auch in Dunkelfeldstudien nach 2016/2017 bestätigen lässt.

Beispiel zwei: Betrug

Das sagt die Polizei: Die Zahl der Betrugsdelikte in der polizeilichen Statistik steigt seit Jahren, von 2012 bis 2017 um gut zehn Prozent. Nach Diebstählen sind Betrügereien die zweithäufigsten Verbrechen, mit denen die Polizei überhaupt zu tun hat.

Das sagt die Bevölkerung: Im DVS wurde zwar nicht allgemein nach Betrug gefragt, aber nach Waren- und Dienstleistungsbetrug. Dazu gehört etwa, wenn jemand eine Ware bestellt, aber nicht geliefert bekommt. Doch ein Anstieg wie in der PKS ist in der gesamtdeutschen Bevölkerung nicht messbar - 2012 und 2016/2017 gaben jeweils rund fünf Prozent an, Opfer eines Betrugs geworden zu sein.

Gerade der Bereich Betrug zeigt, wie ungeeignet die Polizeistatistik allein ist, um die erlebte Kriminalität der Bevölkerung zu beschreiben. Oft werden hier Unternehmen und nicht Menschen Opfer einer Straftat. In den vergangenen Jahren etwa wurden mehrere große Ermittlungsverfahren zu Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen abgeschlossen, Tausende Fälle schlugen sich in der PKS nieder. Es dürfte sich ohne Frage um gewaltige Verbrechen handeln, aber ohne direkte Auswirkungen auf die Sicherheit der Bürger.

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Und es wird noch komplizierter, wie das Beispiel der Callcenterbanden zeigt: Diese aus dem Ausland operierenden Täter haben nach Erhebungen von Ermittlern bereits etwa eine Million Deutsche geschädigt, Tendenz steigend. Doch diese Verbrechen tauchen in der PKS nicht auf, weil Tatorte im Ausland nicht erfasst werden. Auch in der Bevölkerungsbefragung haben sie sich bisher nicht niedergeschlagen. Das zeigt, wie schwierig pauschale Aussagen zur Kriminalität sind.

Beispiel drei: Raub

Das sagt die Polizei: Die Zahl der Raubdelikte ist von 2012 bis 2017 stark gesunken - von rund 9500 auf 7880. Das ist ein Rückgang von 15 Prozent.

Das sagt die Bevölkerung: Nur wenige Menschen werden überhaupt Opfer von Raubdelikten - doch ihre Zahl steigt und sinkt nicht etwa. Die Zahl der angegebenen Raubüberfälle pro 1000 Einwohner, ist von 2012 auf 2016/2017 von 9,4 auf 14,8 gestiegen. Auch die Furcht vor Raubüberfällen hat sich erhöht.

Hier fällt eine Erklärung schwer. Eine Möglichkeit wäre, dass Opfer Raubüberfälle seltener bei der Polizei anzeigen. Doch das ist nicht der Fall, wie der DVS ermittelt hat. Die sogenannte Anzeigehäufigkeit ist von 2012 bis 2016/2017 konstant bei rund 30 Prozent geblieben (was bedeutet, dass die Polizei von zwei Dritteln aller Raubüberfälle nie erfahren hat).

Das BKA will die Diskrepanz bei den Raubzahlen in einer weiteren Analyse genauer untersuchen. Unabhängig davon sprächen die Ergebnisse allerdings dafür, so die Behörde, "dass sich die Situation in diesem Deliktsbereich verschärft hat und ihm mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte".

Eine Erkenntnis, die nur erhält, wer sich beide Sichtweisen auf die Kriminalität anschaut.



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ddcoe 02.04.2019
1. Seehofer
macht es sich zu einfach - aber so kennen wir ihn ja. Ich denke er sollte endlich seine Überforderung eingestehen und Platz machen für einen richtigen Minister. Die dreitage Woche reicht halt doch nicht. Bin gespannt wann Superhorst sich um Bauen, Mieten und Heimat kümmert.
Mister Stone 02.04.2019
2. Halbe Zahlen ganze Zahlen
Ich weiß nicht, wie viele nichtangezeigte Straftaten Jahr für Jahr begangen werden. Aber ich weiß, dass sexuelle Übergriffe, Üble Nachrede, Beleidigung, Stalking, Nötigung, Bedrohung usw. nicht immer angezeigt werden, weil die Opfer sich schämen oder einfach der Polizei nicht zutrauen, den (noch unbekannten!) Täter zu ermitteln. Ich habe absolut Verständnis dafür, dass manche Menschen kein Lösungs-Vertrauen mehr in die Polizei haben, weil sie bis zum Anschlg überlastet ist. Ich finde es zudem merkwürdig, dass ausländerrechtliche Straftaten hier gar nicht erfasst werden. Wenn diese Tatbestände Bagatellen wären, hätte unser Gesetzgeber sie nicht unter Strafe gestellt, sondern maximal als Ordnungswidrigkeit klassifiziert. Hat er aber nicht. Es sind Strafaten, es handelt sich um Kriminalität, begangen mit krimineller Energie. Rechnet man diese Straftaten raus, sinkt natürlich auch die erfasste Gesamtkriminalität, aber ob die Menschen dadurch sicherer sind oder sich sicherer fühlen sollen? Vor Jahrzehnten gab es einen ähnlichen Trick mit der PKS. Damals hat man einfach alle Verkehrsstraftaten (Unfallflucht usw.) aus der PKS heraus genommen und damit die Kriminalität "gesenkt", obwohl auch für Verkehrsstraftaten kriminelle Energie aufgewandt wird. Gauklertrick eben.
ikwer 02.04.2019
3. Irgendwie stimmen die Zahlen nicht
"Das sagt die Polizei: Die Zahl der Raubdelikte ist von 2012 bis 2017 stark gesunken - von rund 9500 auf 7880" 8000 Fälle bei 80Mio Einwohnern, also einer pro 10.000 Einwohnern Das sagt die Bevölkerung: pro 1000 Einwohner .. auf 14,8 gestiegen Also 148 Fälle pro 10.000 Einwohnern Wird da wirklich nur jeder 100. Raub angezeigt?
Iltis95beta 02.04.2019
4. Es ist absurd...
, dass die Betrügereien von Callcenterbanden mit der Begründung nicht in die Statistik einfließen, es handle sich um Verbrechen, die im Ausland stattgefunden hätten. Die Betrogenen werden aber an ihrem Wohnort Deutschland um ihr Geld gebracht. Daran sieht man gut, wie verschnarcht deutsche Behörden sind: diese Form der Kriminalität ist relativ jung, vor einigen Jahren gab es sie noch gar nicht, genauso wenig wie Betrügereien per Internet, z.B. über Internet-Partnersuchportalen. Die offizielle Statistik wird aber auf diese Kriminalitätsformen immer noch nicht ausgedehnt. Kriminalität, die nicht erfasst wird, findet aber dennoch statt. Das ist einerseits ein schwaches Bild, andererseits aber auch eine Verzerrung der Realität.
shloma 02.04.2019
5. Nun wenn man Erfahrungen mit Anzeigen bei der Polizei gemacht hat
lässt man es bleiben - außer man braucht das für die Versicherung, wie eben beim Einbruch. Meine persönliche Erfahrung aus Frankfurt am Main: 1. Meiner Freundin wurde an der Konstablerwache - einem Platz der Videoüberwacht ist die Handtasche gestohlen. Und zwar geschah das als ein Fest war und wir ca. 1h Stunde an einem Tisch standen und tranken. Der Platz war auch nicht voll. Als wir das an der Wache an der Konsti anzeigten merkten wir gleich, dass der Beamte überhaupt keine Lust darauf hat, erfassen fertig. Als ich ihn fragte ob er nicht die Videoaufzeichnung nach dem Täter anschauen könnte, sagte er "Nein das sind keine echten Videokameras die zeichnen nichts auf". Nun ja das kann man glauben oder nicht. Ich glaube er hatte keine Lust, es steht dort auch ein Schild das der Platz Videoüberwacht wird. 2. Der Fall war noch viel krasser: Vor einigen Jahren habe ich bei 1und1 angerufen um eine Störung des DSL Anschlusses zu melden - nicht das 1. Mal ich musste schon öfters anrufen. Was diesmal anders war, dass der Mitarbeiter andauernd auf der Tastatur ziemlich heftig tippte und die übliche Störungsbearbeitung ("Ja wir checken jetzt die Leitung, "ja ich habe ein Signal bekommen...") überhaupt nicht voranging. Als ich fragte warum es so viel tippt war die Antwort: "Er müsse Dinge notieren". Ca. 1 Woche später flatterte mir Post von 1und1 ins Haus, mit 2 Simkarten und dass ich ja 2 neue Mobilfunkverträge abgeschlossen habe, Gratulation dazu. Als ich dann aufs Polizeirevier bin um den Mitarbeiter wegen Betruges anzuzeigen. Sagte mir der Leiter der Wache in barschen Ton, das er das nicht aufnimmt. Ich antwortete im darauf, dass der Betrug sogar vollendet wurde (zuschicken der Simkarten), er sagte mir darauf sehr laut ins Gesicht mein Name ist sowieso und sie können gerne eine Dienstaufsichtsbeschwerde schreiben. Ich war an diesem Punkt sehr verunsichert was unsere Polizei angeht, wollte mich aber nicht geschlagen geben und bin 2 Tage später zu einer anderen Wache gefahren, weil ich dachte das kann nicht sein, das ist ein Einzefall. Im Polzeihauptgebäude in der Addickesallee war mein Erlebnis dann folgendermaßen: Eine Frau war vor mir dran eine Anzeige zu erstatten, ich fand es unmöglich wie herablassend der Polizeibeamte die Frau behandelt hat, er warf sogar mir einen "verbrüdernden Blick" zu so nach dem Motto "was die sich hier so anstellt". Ich kam dann zu einem Kollegen der hörte sich an was ich zu sagen hatte und als er merkte dass ich eine Anzeige stellen wollte verfinsterte sich zunehmend seine Miene. Es würde zu weit führen das hier alles aufzuschreiben, aber er wurde richtiggehend aggressiv und wollte wiederum die Anzeige nicht aufnehmen. Ich musste 3 mal sehr hart insistieren, ob er tatsächlich diese Anzeige nicht aufnehmen will. Sein Kopf wurde rot und die Stimmung SEHR unangenehm ich bekam etwas Angst er steht auf und verprügelt mich. Am Ende hat er die Anzeige aufgenommen, aber da hätten glaube ich nicht viele so drauf bestanden wie ich. Fazit zur Kriminalstatistik: Natürlich sinken die Veröffentlichten Zahlen andauernd, so wie die Polizei Menschen einschüchtert die eine Anzeige stellen wollen ist das auch kein Wunder.
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