Kriminalstatistik Warum in Deutschland seltener eingebrochen wird

Die Einbruchszahlen sind im vergangenen Jahr erneut gesunken. Ermittler sehen ihre These von internationalen Banden bestätigt - die Täter suchen sich offenbar neue Ziele.
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Als die Ermittler der Münchner Polizei im Frühjahr 2017 vor die Presse traten, taten sie das voller Selbstbewusstsein. Es sei ihnen gelungen, verkündeten sie, eine kriminelle Bande auszuheben, die im Vorjahr für jeden fünften Einbruch in Deutschland verantwortlich gewesen sein könnte. Der Chef-Fahnder beschrieb den etwa 500 Personen umfassenden Clan als "Krake", mit "Armen" in Belgien, Spanien, Frankreich und Italien. Die Köpfe der Organisation machten die Kriminalisten jedoch in Kroatien aus. Auch dort gab es Festnahmen.

Vielleicht haben Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und sein Magdeburger Amtskollege Holger Stahlknecht (CDU) die frohe Kunde, die sie an diesem Dienstag verkünden konnten, zumindest teilweise den Münchner Ermittlern zu verdanken. Denn die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet für 2017 einen deutlichen Rückgang der Wohnungseinbrüche. Demnach sank deren Zahl um 23 Prozent auf 116.450 Taten. Die Aufklärungsquote erhöhte sich zugleich leicht von 16,9 auf 17,8 Prozent. 2015 war mit 167.136 registrierten Wohnungseinbrüchen ein Höchststand der vergangenen Jahre erreicht worden. Jahrelang hatte die Zahl der Einbrüche in Deutschland bis dahin zugenommen.

Während die PKS für viele andere Delikte kaum aussagekräftig ist, beschreibt sie die Häufigkeit von Einbrüchen ziemlich genau - einfach, weil diese sehr oft angezeigt werden. Das Dunkelfeld ist vergleichsweise klein.

"Dass ein konsequentes Vorgehen des Rechtsstaats zum Erfolg führen kann, zeigt uns die Entwicklung beim Wohnungseinbruchsdiebstahl", sagte Stahlknecht. Auch Erich Rettinghaus von der Deutschen Polizeigewerkschaft ist zufrieden: "Die generelle Entwicklung ist erfreulich und ein Beleg dafür, dass sich viele der in den vergangenen Jahren entwickelten Konzepte der Polizei nun auszahlen."

Tatsächlich haben Ermittler in Bund und Ländern einiges getan, um strukturelle Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten. So notierten Beamte aus Nordrhein-Westfalen 2013 noch äußerst selbstkritisch, warum sie lange Zeit nicht in der Lage waren, mit hochmobilen Einbrecherbanden Schritt zu halten: "Überregional, arbeitsteilig organisierte Berufs- und Gewohnheitstäter, die in mehreren Kreispolizeibehörden Straftaten begehen, erfahren in NRW einen zu geringen Verfolgungsdruck", hieß es damals. Daran änderte sich lange Zeit nichts. Auch weil für die aufwendigen und komplexen Ermittlungen gegen Einbrecher häufig das Personal fehlte - der islamistische Terrorismus band und bindet viele Kräfte.

Täter weichen nach Skandinavien aus

Dennoch scheint der Verfolgungsdruck auf Einbrecher in Deutschland zumindest derart gewachsen zu sein, dass viele international agierende Profis einen Bogen um das Bundesgebiet machen. Experten wie der Kriminalbeamte Michael Will, der sich bei Europol intensiv mit dem Thema befasst, erkennen eine "Ausweichbewegung" der Banden. Diese vor allem aus Südosteuropa stammenden Gruppierungen würden nun zunehmend in Skandinavien aktiv. "Die Zahl der Einbrüche dort steigt", so Will. Zudem gebe es Hinweise, dass die Täter sich auch auf andere Delikte verlegten, etwa auf Autoaufbrüche. "Ich warne davor, das Problem als erledigt zu betrachten", so Will.

In einem vertraulichen Papier der deutschen Polizei heißt es, die "Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit, der verbesserte Informationsaustausch und die priorisierte Bekämpfung" von Einbrecherbanden hätten dazu geführt, dass die Zahl der Einbrüche zurückgegangen sei. Hinzu kämen die Schließung der Balkanroute sowie intensivere Grenzkontrollen im Schengenraum.

Die Ermittler waren trotz der geringen Aufklärungsquote stets überzeugt davon, dass "reisende Einbrecher" aus dem Ausland vorrangig für den Anstieg der Taten im Jahr 2015 verantwortlich waren. Sie schlossen das sowohl aus Erkenntnissen, die sie in Ermittlungsverfahren gewonnen hatten, als auch aus vergleichbaren Vorgehensweisen sowie Tatortspuren.

Hinzu kam, dass sich etwa in Nordrhein-Westfalen der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger seit 2009 von 27,9 Prozent auf 48,5 Prozent 2015 erhöht hatte. 2016 dann waren einem LKA-Bericht zufolge erstmals die Mehrheit der mutmaßlichen Einbrecher nichtdeutscher Herkunft. 2017 hat sich das wieder verändert: Knapp 2400 in NRW ermittelte Tatverdächtige stammten aus Deutschland, rund 2100 aus dem Ausland. "Die aktuelle Entwicklung ist ein Beleg für unsere These, dass der frühere Anstieg der Einbrüche auf das Konto professioneller Täter ging", sagt Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. "Einige dieser Täter, die für eine Vielzahl der Delikte verantwortlich waren, konnten gefasst werden."

"Besser gegen Einbrecher wappnen"

Einbrecher scheiterten inzwischen auch etwas häufiger als in der Vergangenheit. Fachleute führen das darauf zurück, dass sich viele Wohnungs- und Hausbesitzer besser schützen, etwa mit sichereren Fenstern und Türen. In Nordrhein-Westfalen blieben etwa 46,3 Prozent der 39.000 im vergangenen Jahr dort registrierten Wohnungseinbrüche im Versuchsstadium stecken, im Jahr 2014 waren es nur 41,3 Prozent der 55.000 Einbrüche. "Viele Menschen haben sich in den vergangenen Jahren von der Polizei beraten lassen, wie sie sich besser gegen Einbrecher wappnen können", sagt Polizei-Gewerkschafter Rettinghaus. "Der Erfolg dieser Präventionsmaßnahmen wird nun sichtbar."

Unklar ist hingegen, in welchem Ausmaß die Strafmaßverschärfung zu einem Abschwung der Einbrüche beigetragen hat. Die Bundesregierung hatte im vergangenen Jahr höhere Strafen beschlossen. Auf einen Einbruch in eine Privatwohnung steht nun eine Mindesthaftstrafe von einem Jahr statt von sechs Monaten. Die Höchststrafe beträgt mittlerweile zehn Jahre. Die Polizei testet zudem seit Längerem computergestützte Kriminalitätsvorhersagen, die zu einem gezielteren Einsatz von Streifen in Wohngebieten führen sollen.

Der Prozess gegen die im November 2017 in München angeklagten sechs mutmaßlichen Mitglieder der Rekord-Einbrecherbande hat immer noch nicht begonnen. Das dortige Landgericht sah sich nicht zuständig. Inzwischen ist eine Kammer in Landshut ausersehen, das Verfahren zu führen. Es soll im Juni beginnen - fast zweieinhalb Jahre nach den ersten Festnahmen.

  • Zum Weiterlesen: Die schlimmste Einbrecherbande Deutschlands - und wie die Polizei sie schnappte.
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