Kriminelle Clans 18 Schüsse auf offener Straße

Er war keine vier Wochen in Freiheit, da wurde Berlins berüchtigtster Intensivtäter Nidal R. auf offener Straße angeschossen. Die Polizei geht von einer Auseinandersetzung zwischen zwei kriminellen Araber-Clans aus. Doch auch Rockerbanden scheinen involviert.
Kriminaltechniker in Berlin-Neukölln: "Ganz neue Achse des Bösen"

Kriminaltechniker in Berlin-Neukölln: "Ganz neue Achse des Bösen"

Foto: dapd

Berlin - Als die Nacht vorüber war, sah man Polizisten in weißen Schutzanzügen auf dem Bürgersteig kauern. Aus Hauswänden und Rinnsteinen kratzten sie die Relikte des Feuergefechts, das am Donnerstagabend Berlin-Neukölln erschüttert hatte. Die 18 Schüsse in der Emser Straße, wohl von den Mitgliedern zweier arabischer Großfamilien aufeinander abgegeben, warfen nicht nur viele Fragen auf, sondern auch erneut ein Schlaglicht auf das kriminelle Potential der sogenannten Ethno-Clans.

Verletzt wurden bei der gewaltsamen Auseinandersetzung der berüchtigte Intensivtäter Nidal R., 28, und sein Bruder Fuat, 19. Sie sollen aus einem Auto heraus angegriffen worden sein. Ob sie auch zurückfeuerten, ist noch unklar. Die Ermittler gehen zwar von einem Schusswechsel aus, konnten jedoch keine Waffen bei den Männern finden. Verwandte hatten das Duo in ein Krankenhaus gebracht.

Nachdem Spezialeinsatzkommandos noch am Freitag zwei Wohnungen gestürmt hatten, stellte sich gegen 21 Uhr Adonis R. der Polizei. Der 33-Jährige gehört ebenfalls einer polizeibekannten Sippe an, die auch mit dem Millionenraub im Luxuskaufhaus KaDeWe in Zusammenhang gebracht wird.

"Kriminelle Machenschaften"

Ein Richter erließ inzwischen Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Adonis R. Offiziell geht das Landeskriminalamt (LKA) Berlin von "Zahlungsstreitigkeiten" zwischen den Männern aus, einige Beamte sprechen jedoch hinter vorgehaltener Hand von "kriminellen Machenschaften", die zur Schießerei geführt hätten. In jedem Fall wird sich die Polizei schwer tun, den Fall zu klären: Alle Beteiligten schweigen - und die Zeugen widersprechen sich.

Besorgniserregend erscheinen den Ermittlern jedoch nicht nur die familiären Verhältnisse, sondern auch die privaten Beziehungen von Nidal R. und Adonis R. Mit Interesse hatten die Fahnder am 19. Oktober registriert, dass Nidal R. von keinem Geringeren aus dem Gefängnis abgeholt worden war als dem Chef der Rockerbande Hells Angels Nomads Turkey, Kadir P. Dessen Truppe, ein außerordentlich schlagkräftiges Chapter der Bandidos, war Anfang des Jahres fast geschlossen zu den Höllenengeln übergelaufen. Die Männer gelten als hochaggressiv und sehr gefährlich.

Demgegenüber soll der Clan von Adonis R. neuerdings Kontakte zu dem Bremer Ableger des Motorradclubs (MC) Mongols unterhalten, der möglicherweise nach Berlin expandieren will. In der jahrelangen Hells-Angels-Hochburg an der Weser hatten schwerkriminelle Mitglieder arabischer Großfamilien es im August gewagt, erstmals eine Dependance eines internationalen MC zu gründen. Inzwischen lassen sie sich sogar mit Kutten in der Stadt sehen. Die Polizei befürchtet, dass es deshalb zwischen Alt- und Neurockern demnächst zum Showdown kommen könnte.

"Achse des Bösen"

Überhaupt sind die Spezialermittler mehrerer Landeskriminalämter alarmiert, weil sich in einigen Regionen Deutschlands eine Liaison zwischen Größen der Organisierten Kriminalität anbahnt, die sich bislang eher aus dem Weg gegangen sind. Doch nun wollen offenbar immer mehr arabische Kriminelle auch Rocker werden. "Für uns ist das eine Horrorvorstellung", klagt ein Fahnder, "da deutet sich eine ganz neue Achse des Bösen an."

Der nun in Berlin angeschossene Nidal R. gilt als Prototyp des Ethno-Kriminellen. Er war acht Jahre alt, als er mit seinen Eltern und damals noch vier Geschwistern aus dem Libanon nach Deutschland kam, mit zehn fiel er zum ersten Mal der Polizei auf. 2002 - R. war mittlerweile 20 und hatte inzwischen acht Geschwister - prangerte ein hochrangiger Kriminalbeamter in einem aufsehenerregenden Aufsatz ("Konsequente Inkonsequenz") den nachsichtigen Umgang der Justiz mit R. an. Und der Polizeipräsident assistierte: In 52 von 60 Fällen hätten die Gerichte Nidal R. mit Haftverschonung oder Bewährung davonkommen lassen.

Darauf reagierte der Justizsenator und gründete Monate später die Intensivtäterabteilung der Staatsanwaltschaft, die mittlerweile für etwa 500 Berliner Kriminelle zuständig ist. Als der zuständige Oberstaatsanwalt jedoch 2007 öffentlich ein entschiedenes Handeln der Politik forderte und vor "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" in der Hauptstadt warnte, wurde er auf einen unwichtigen Posten versetzt.

"Monopolstellung bei der Belieferung des Rotlichtmilieus"

Die Polizei zählt aktuell sechs besonders gefährliche arabische Großfamilien in der Hauptstadt, mit jeweils bis zu 500 Angehörigen. Nicht alle davon seien kriminell, aber auf "so an die hundert Ermittlungsverfahren pro Jahr" könne eine Sippe schon kommen, sagt ein Beamter. Auch in Bremen und im Raum Essen sind die Clans ansässig. In Oberhausen gelang es drei Brüdern "sich eine Monopolstellung bei der Belieferung des Rotlichtmilieus mit Kokain und anderen Drogen zu sichern", wie es im Lagebild des nordrhein-westfälischen LKA heißt.

Im Januar 2009 brachen vier Maskierte, die einer Familie zugerechnet werden, in das Berliner Edelkaufhaus KaDeWe ein und erbeuteten Schmuck im Wert von fünf Millionen Euro. Ein gutes Jahr später stürmten bewaffnete Männer aus dem Milieu ein internationales Pokerturnier, ebenfalls in Berlin, und türmten mit mehr als 240.000 Euro. "Die Clans zeichnen sich durch Rücksichtslosigkeit und extreme Brutalität aus. Für die ist es völlig normal, Probleme mit Gewalt zu lösen und Respekt vor Gesetzen oder dem Staat haben sie schon gar nicht", sagt ein Beamter.

Geld verdienten einige Sippen im Rotlichtmilieu und mit Raubüberfällen, vor allem aber im Drogenhandel. "Da sind die Gewinnspannen höher und das Risiko, lange ins Gefängnis zu müssen, ist geringer", so ein Beamter.

Extreme Ghettoisierung

Die meisten Angehörigen der oft als "arabisch" bezeichneten Großfamilien gaben bei ihrer Einreise an, Libanesen, staatenlose Palästinenser oder libanesische Kurden zu sein. Schon 2002 stellte das Berliner LKA in der Studie "Importierte Kriminalität" allerdings fest, dass viele ursprünglich aus der südostanatolischen Region Mardin in der Türkei stammen. Schätzungen zufolge leben dort etwa 60.000 bis 100.000 Menschen.

Als Wirtschaftsflüchtlinge zogen viele der sogenannten Mhallamiye-Kurden in den dreißiger und vierziger Jahren in den Libanon. Dort wurden sie meist nicht eingebürgert, durften nicht arbeiten und waren auf sich allein gestellt. "Die mitgebrachten tribalen Verhältnisse wurden noch enger geschnürt, um das Überleben der Gruppe gewährleisten zu können, und die Ghettoisierung war extrem", heißt es in einer Studie des Publizisten Ralph Ghadban.

Nach Deutschland kamen die Mhallamiye-Kurden als Asylbewerber. Ihre Anträge wurden fast durchgehend abgelehnt, doch weil viele keine Pässe hatten oder diese vernichteten, konnte man sie nicht ausweisen - der Libanon wollte sie nicht, die Türkei erst recht nicht. Sie erhielten zunächst eine Duldung, durften also nicht arbeiten. Bis 1990, so der LKA-Bericht, kamen rund 15.000 Mhallamiye-Kurden auf diesem Weg nach Deutschland. Sie bekamen Kinder, laut Ghadban durchschnittlich sieben oder acht pro Familie. Inzwischen leben laut Schätzungen weit mehr als 100.000 Mhallamiye-Kurden in Deutschland.

"Drogenhandel, Erpressung, Diebstahl"

Kriminell ist nur eine Minderheit von ihnen. Doch die "tribalen Werte", die die Clans mitgebracht hätten, "stehen im totalen Gegensatz zu den individuellen Werten unseres demokratischen Systems", so Ghadban. Anders als viele türkische Familien hätten sich die Gruppen nicht mal ansatzweise integriert. "Drogenhandel, Erpressung, Diebstahl und Raubüberfälle helfen, große Reichtümer anzusammeln", so Ghadban. Eine Ausbildung brauche man dazu nicht.

"Der Staat muss sich bei den Clans mit allen Mitteln des Rechtsstaats Respekt verschaffen. Polizei, Sozialbehörden, Jugendämter, Finanzämter und die Schulen müssen an einem Strang ziehen", fordert Ghadban, der schon früh vor Fehlentwicklungen gewarnt hat. Die Hoffnung auf Integration gibt er nicht auf. Man müsse die Parallelgesellschaft der Sippen zerschlagen, ihnen die kriminellen Geldquellen nehmen. "Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht von einigen wenigen terrorisieren lassen", mahnt er.

In der Realität aber, so sagen Polizisten aus mehreren Bundesländern übereinstimmend, lasse man die Großfamilien weitestgehend gewähren. Die meisten Ämter wollten lieber keinen Ärger mit den Clans.

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