Kritik an Londoner Terroreinsatz "Ohne Vorwarnung geschossen"

Ein zwielichtiger Informant, ungeprüfte Informationen - und nun auch noch wütende Opfer: Der Großeinsatz britischer Terrorfahnder in einem Privathaus in London wird für die Polizei zum Debakel. Ein Mann, der bei dem Einsatz angeschossen wurde, erhebt schwere Vorwürfe.


London - Die Polizei stürmte das Haus im Osten Londons noch vor dem Morgengrauen des 2. Juni. Die Terrorfahnder waren dem Hinweis eines Informanten gefolgt und auf der Suche nach einer Bombe. Rund 250 Polizeibeamte und Sprengstoffspezialisten waren bei der größten Terrorrazzia seit den Anschlägen vom 7. Juli 2005 im Einsatz. Gefunden haben die Beamten nichts, zwei Männer wurden festgenommen, einer von ihnen angeschossen, und inzwischen sind Zweifel an der Zuverlässigkeit des Informanten laut geworden.

Wie die beiden muslimischen Brüder den Einsatz erlebten, haben sie heute in einer Pressekonferenz berichtet. Als sie in der Nacht der Razzia das Geräusch von splitterndem Glas hörten, dachten die beiden Bewohner des Hauses in Forest Gate, sie hätten es mit Einbrechern zu tun. Die Brüder standen auf, um nachzusehen. Er sei die Treppe herabgestiegen, berichtete Mohammed Abdul Kahar heute. Ein Polizist habe ohne Vorwarnung einen Schuss auf ihn abgegeben. "Als ich mich umdrehte, sah ich einen orangefarbenen Funken und hörte einen lauten Knall", sagte er. "Ich flog gegen die Wand und rutschte zu Boden. Blut rann mir die Brust herunter. Ich wusste, dass ich angeschossen worden war." Er habe den Unbekannten angefleht, "Bitte, ich kriege keine Luft", habe er ihm gesagt. "Und er hat mir einfach ins Gesicht getreten und sagte immer wieder 'Halt's Maul'." Erst als ihn die Einsatzkräfte nach draußen getragen hatten, sei ihm klar geworden, dass es Polizisten waren, die auf ihn geschossen hatten - weil vor dem Haus ein Polizeiwagen stand.

Kahar und sein 20 Jahre alter Bruder Abul Kojair wurden auf Grundlage der neuen britischen Terrorgesetze festgenommen und eine Woche lang immer wieder verhört. Dann ließen die Ermittler sie frei, ohne Anklage erhoben zu haben. "Ich wusste von Anfang an, dass es sich nur um ein Missverständnis handeln kann", sagte Kahar. "Wir wollen Gerechtigkeit. Wir fordern eine Entschuldigung gegenüber unserer Familie." Bislang haben sich Beamten nur für die Unordnung in dem Haus entschuldigt.

Vom Hergang des Einsatzes gibt es unterschiedliche Versionen. Einige Zeitungen hatten unter Berufung auf Augenzeugen berichtet, es habe eine Rangelei gegeben. Die einzige Stellungnahme der Polizei zu dem Einsatz lautet: Es gab einen Schuss, wir haben Ermittlungen eingeleitet.

Der missglückte Einsatz hat auch Polizeichefs Ian Blair abermals in Bedrängnis gebracht. Er steht seit den tödlichen Schüssen auf den unschuldigen Jean Charles de Menezes immer wieder in der Kritik. Premier Tony Blair hält weiterhin an dem obersten Polizisten fest. Die Terrorfahnder hätten nicht anders handeln können, als den Hinweisen nachzugehen, dass sich in dem Haus eine Bombe befinde. "Es steht außer Zweifel, dass es einen - berechtigten - Aufschrei in der Öffentlichkeit gegeben hätte, wenn die Polizei Hinweisen auf einen Terroranschlag nicht gefolgt wäre."

ffr/AP/reuters



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