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30. März 2012, 14:24 Uhr

Mädchenmord in Emden

"Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht"

Wer hat die elfjährige Lena in Emden umgebracht? Die Frage schien beantwortet - jetzt hat sich herausgestellt: Der zunächst Tatverdächtige ist unschuldig. Die Polizei muss Kritik einstecken, der Druck auf die Behörden wächst.

Emden - Sechs Tage nach der Tötung von Lena wissen die Behörden nicht, wer die Elfjährige umgebracht hat. Sie wissen nur, wer es nicht getan hat: ein 17-Jähriger, der als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft saß und am Freitag entlassen wurde - weil "Fakten eine Täterschaft des Jungen ausschließen", wie Bernard Südbeck, Leiter der Staatsanwaltschaft Aurich, sagte. Aufgrund welcher Erkenntnisse der Schüler nicht als Täter in Frage kommt, erläuterte Südbeck nicht.

Damit weicht die Erleichterung, den vermeintlichen Täter gefunden zu haben, der Ungewissheit: Denn die Ermittler haben offenbar noch keine andere konkrete vielversprechende Spur. "Die Ermittlungen gehen nicht von vorne los, wir stecken mittendrin", sagte Südbeck. Man sei auf einem sehr guten Weg. Konkrete Angaben machte er nicht - etwa zur Frage, ob man einen neuen Tatverdächtigen habe.

"Das Profil, nach dem wir suchen, hat sich nicht geändert", sagte Südbeck. Man gehe immer noch davon aus, dass der Mann auf dem Video der Täter sei. Ob man von einem oder mehreren Tätern ausgehe, wollte Südbeck aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.

"Die Festnahme war kein Fehler"

Nach der Festnahme des Unschuldigen wächst der Druck auf die 40 Mitglieder der Mordkommission. "Die Festnahme war kein Fehler", sagte Südbeck. Sie sei auch nicht voreilig gewesen. "Zum Zeitpunkt, als wir den Haftbefehl beantragt haben, waren wir davon überzeugt, dass der Verdächtige als Täter in Frage kommt." Man habe aber immer darauf hingewiesen, dass es sich um einen Verdächtigen handle und die Unschuldsvermutung gelte.

Deutliche Kritik am Polizeieinsatz übte der Kriminologe Christian Pfeiffer. "Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Trotz dürftiger Verdachtsmomente hätten sie den Jugendlichen öffentlich in Handschellen vorgeführt. Durch die Aufrufe zur Lynchjustiz habe dieser "den blanken Horror erlebt". Die Polizei habe damit rechnen müssen, dass sich der Name des Verdächtigen über das Internet in Windeseile verbreite, sagte Pfeiffer.

Im Internet hatten manche Personen die Unschuldsvermutung schon seit der Festnahme des 17-Jährigen ignoriert. Auf der Facebook-Seite "Schweigeminute für Lena 11 aus Emden" schrieb ein Nutzer etwa: "Diesen ehrenlosen herzlosen hund sollten sie foltern und töten." Ein anderer Nutzer postete: "Es ist eine Schweinerei was der Kerl mit so einem kleinen Mädchen gemacht hat. Man müßte diesem Kerl die Eier abschneiden so das er das nicht mehr machen kann oder man müßte ihn umbringen."

Entlasteter Jugendlicher wird von Spezialisten betreut

Es gibt aber auch Nutzer, die zur Besonnenheit mahnen: "Manche sollten auch nachdenken, bevor Sie hier online hetzen, was wenn es nicht der Täter war?" Zudem wurde am Freitag nach der Freilassung des 17-Jährigen die Facebook-Gruppe "NEIN zu Vorverurteilungen durch BILD & Co." gegründet.

"Was bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken läuft, darauf haben wir wenig Einfluss", sagte Staatsanwalt Südbeck. Man trete Hetzaufrufen in sozialen Netzwerken massiv entgegen und werde gegebenenfalls gegen die Urheber ermitteln. "Für die Sicherheit des Jungen ist gesorgt, dafür kann ich mich verbürgen." Der Schüler werde von speziell ausgebildeten Beamten betreut.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte ein energisches Vorgehen gegen die Urheber. "Wer hinter den Lynchaufrufen steckt, muss die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Es darf nicht toleriert werden, dass einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben zu dürfen", sagte GdP-Bundeschef Bernhard Witthaut. Aufrufe zur Lynchjustiz hatte es auch bei einem Auflauf von rund 50 Personen vor einer Polizeiwache gegeben.

Getötetes Mädchen in Emden beerdigt

Die elfjährige Lena wurde am Freitag beigesetzt. Die Beerdigung auf einem städtischen Friedhof in Emden fand im engsten Familienkreis statt. Pastor Manfred Meyer sagte, "wir verlieren ein besonderes Mädchen, Lena wird uns fehlen". Eine Stadt, eine ganze Region trauere mit der Familie. Der Tod könne die Erinnerung an ein "offenes, Vertrauen schenkendes und Freundschaft stiftendes Kind" nicht nehmen.

Polizisten hatten während der Beisetzung den Eingang zum Friedhof komplett abgeschirmt. Den Angehörigen habe so ermöglicht werden sollen, in aller Ruhe Abschied zu nehmen, sagte eine Polizeisprecherin.

ulz/dapd/AFP/dpa

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