Ex-Rocker vor Gericht Kronzeuge Kugelblitz packt aus

Er spielt die Schlüsselrolle in den Ermittlungen gegen die Hells Angels: Steffen R. war Präsident der "Legion 81". Vor Gericht hat er reinen Tisch gemacht, Interna verraten und hochrangige Rocker beschuldigt, einen Mord in Auftrag gegeben zu haben. Ermittler halten seine Aussagen für glaubhaft.

Kontrollen im Kieler Landgericht: "Wer mich erwischt, ist verpflichtet, mich zu töten"
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Kontrollen im Kieler Landgericht: "Wer mich erwischt, ist verpflichtet, mich zu töten"

Von , Kiel


Wenn sich Steffen R. konzentriert, sich auf die Beantwortung einer Frage zu besinnen scheint, steht sein kleiner Mund offen, das Doppelkinn sackt auf den dicken Hals. Gehässige Weggefährten nennen ihn wegen seiner Leibesfülle Kugelblitz. Er hat viele Fragen beantwortet, seit er sich entschieden hat, seine Rockerkumpels zu verraten, den Ehrencodex zu brechen, den Mythos Hells Angels zu entzaubern. Als Kronzeuge ist er nun in einem Zeugenschutzprogramm.

Angestrengt blinzeln seine kleinen Augen aus dem Gesicht - und sie blitzen auf, als sie im Publikum in Saal 123 des Landgerichts Kiel zwei Deutschtürken erblicken, der Mund formt sich zu einem kurzen Lächeln. Die jungen Männer, Cousins, nicken Steffen R. zu. Ihm verdanken sie, dass Spezialisten des Landeskriminalamts zurzeit eine Lagerhalle in Altenholz bei Kiel auseinandernehmen.

Die Leiche ihres Onkels, Tekin B., soll ins Fundament jener Halle einzementiert worden sein. Im April 2010 soll er von Hells-Angels-Mitgliedern gequält, gedemütigt und erschossen worden sein. So hat es Steffen R. in Vernehmungen ausgesagt.

Zwei Jahre lang rätselte die Familie B., was dem 47-Jährigen zugestoßen sein könnte. Die beiden Neffen sind stellvertretend für den Clan gekommen, der in Deutschland und den Niederlanden verstreut lebt und geschlossen vor Gericht erscheinen wollte. "Ohne Kinder wären das mindestens 40 Erwachsene gewesen", sagt der eine. Doch im Zuschauerraum des bestgeschützten Verhandlungssaals im Kieler Landgericht, direkt hinter dem Sicherheitsglas, gibt es gerade einmal 36 Sitzplätze.

Die Männer wollen wissen, warum ihr Onkel verschwunden ist, ob er tot ist und - wenn ja - wo sich seine Leiche befindet. Kurzum: Sie wollen wissen, ob Steffen R. die Wahrheit sagt.

"Hohe Glaubwürdigkeit" des Kronzeugen

Thorsten W. nimmt im Zeugenstand Platz. Ein sportlicher Mann, 46 Jahre alt, graumelierte Schläfen, Ermittler des Landeskriminalamtes in Kiel, Dienststelle: Organisierte Kriminalität. Er ist der Experte für die Rockerszene in Schleswig-Holstein. Seit Februar hat er Steffen R. etwa zehnmal mehrere Stunden lang vernommen.

Steffen R. war bis zu seiner Festnahme im Mai 2011 Gründer und Präsident der "Legion 81", einem Ableger der Hells Angels, zuständig für Zuhälterei, Waffen- und Drogenhandel und Auftragsjobs, für die Drecksarbeit im Milieu. Die 81 steht für den ersten und den achten Buchstaben im Alphabet - H und A, die Initialen der Hells Angels.

Steffen R. hat Thorsten W. alles erzählt, was er über die internen Strukturen der Hells Angels weiß. Und Thorsten W. hat diese Angaben überprüft. Vor dem Landgericht Kiel bescheinigte der Ermittler am Dienstag dem ehemaligen Rocker eine "hohe Glaubwürdigkeit".

Steffen R. habe wertvolle Angaben gemacht, die sich mit anderen Erkenntnissen verbinden ließen, er habe ausgesagt über Verkauf und Handel mit Waffen, Schutzgelderpressung, Auftragstaten, Drogenhandel, Prostitution. Er habe Namen und Verstecke genannte, seine Angaben lösten eine der größten Razzien in der Szene aus: Etwa 1200 Beamte des Landeskriminalamtes und der GSG 9 durchsuchten Gaststätten, Bordelle und Wohnungen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen. Fünf führende Mitglieder der verbotenen Kieler Hells Angels wurden verhaftet.

Die Anwälte von drei der Inhaftierten ließen am Dienstag eine Erklärung verteilen, in der sie auf "Widersprüche und Unwahrheiten" in Steffen R.s Aussagen hin- und den Mordvorwurf zurückwiesen. Es gebe nicht einen einzigen Beweis dafür, dass Tekin B. überhaupt tot sei. Ihre Mandanten säßen "grundlos" in Haft.

Etwa 200 Ermittlungsverfahren ins Rollen gebracht

Das sieht Thorsten W., der Ermittler, anders. Er betonte, noch hätten er und sein Team keine komplexen Sachverhalte, die Steffen R. dargelegt habe, widerlegen können. In manchen Fällen habe er sie gar "entscheidend" weitergebracht oder neue Ermittlungsansätze geliefert. Sichergestellte Dokumente hätten R.s Aussagen zu Struktur und Interna zu den inzwischen verbotenen Hells Angels Kiel bestätigt. Etwa 200 Ermittlungsverfahren habe Steffen R. ins Rollen gebracht.

Auf dem Gelände der Halle, wo die Leiche Tekin B.s einbetoniert sein soll, hätten Leichenspürhunde angeschlagen. Die Suchmaßnahmen im Fall des vermissten Tekin B. könnten noch ein bis drei Wochen andauern.

Steffen R. hatte Frank Hanebuth, Präsident des Hells-Angels-Charters von Hannover, beschuldigt, den Mord an dem Türken in Auftrag gegeben zu haben. Tekin B. habe Streit mit Hanebuth gehabt - es sei um Geld, Drogen und eine Frau in Hannover gegangen. "Er ist in Ungnade gefallen", sagte Steffen R. "Die Endentscheidung", den Mann zu töten, habe Hanebuth getroffen, was dessen Rechtsanwalt Götz von Fromberg auf SPIEGEL ONLINE vehement dementierte.

Der Wunsch, umfassend gegen seine ehemaligen Rockerfreunde auszusagen, sei von Steffen R. selbst gekommen, sagte der LKA-Beamte Thorsten W. am Dienstag. "Er wusste, dass er sich an vielen Stellen selbst belastet." Und er bestätigte auch, dass Steffen R. in Gefahr sei nach all seinen Aussagen. Aus Erfahrung wisse er, dass Rache auch Jahre später folgen könne. Steffen R. selbst vermutet, dass Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist. "Wer mich erwischt, ist verpflichtet, mich zu töten."

Der Eifer ist unüberhörbar

Trotzdem hat der 40-Jährige reinen Tisch gemacht. Vor Gericht schilderte er überzeugend, wie ihm der Gruppenzusammenhalt, die zelebrierte Bruderschaft imponiert habe; sein Eifer ist unüberhörbar, wenn er beschreibt, wie es war, mit 30, 40 Mann in eine Discothek einzumarschieren. "Da gehen die Leute auseinander."

Die Welt, in der die Hells Angels und ihre Untergruppierungen verkehrten, sei eine abgeschlossene. Als Clubmitglied müsse man bestimmte Kleidervorschriften einhalten und dürfe nur eigene Leute unterstützen und dort einkaufen - sei es beim Schlüsseldienst, in der Autowerkstatt, im Tattoo-Shop. Die Welt obliege militärischen Strukturen voller Gewalt, sagt Steffen R. Auch er sei wahrlich keine "Friedenstaube" gewesen. "Ich habe auch reingehauen."

Vor Gericht zog Steffen R. den Vergleich zu einem Franchise-Unternehmen: Von oben kämen die Auflagen, die unten erfüllt werden müssten. Der Chef sei Frank Hanebuth, nicht nur von den Hells Angels Hannover, sondern deutschlandweit.

"Was der Präsident oder sein Vize sagen, macht man. Das ist Gesetz", sagt Steffen R. Wenn man dagegen verstoße, müsse man Strafe zahlen oder andere Konsequenzen befürchten. Er selbst habe in drei Jahren im Milieu insgesamt etwa 10.000 Euro Strafe zahlen müssen.

Nachdem die "Legion 81" gegründet war, sei klar gewesen, dass er nicht mehr aussteigen könne, behauptet Steffen R. "Meine Führung hat mir ganz deutlich gemacht, dass ich tot bin, sollte ich vom Weg abweichen."

Bewaffnete Stippvisiten, um unliebsame Gegner einzuschüchtern

Vor Gericht spricht er von "Hausbesuchen": Stippvisiten bewaffneter Rocker, um renitente Mitglieder oder unliebsame Gegner einzuschüchtern. Diese Besuche hätten grundsätzlich mit Hanebuth abgesprochen werden müssen, denn nur er habe das Kommando geben dürfen, ob und wohin bei solch einem Einsatz geschossen werden durfte.

Waffen spielen laut Steffen R. eine große Rolle im Rockermilieu: "Es gab ständig Waffen", sagte er. Die Ansage sei gewesen: "Wenn auf einen von uns geschossen wird, fliegt am selben Tag eine Handgranate in die Luft." Er berichtete von Korruption - bei Polizisten, Justizvollzugsbeamten, Behördenmitarbeitern. Entweder habe es Geld gegeben oder kostenlosen Verkehr in einem der Bordelle.

Hanebuth weist alle Vorwürfe zurück. Und die Anwälte von drei der inhaftierten Rocker teilten am Dienstag außerdem mit, dass die Aussagen in mehrfacher Hinsicht irritierend seien: "Die Familie des verschwundenen Tekin B. muss ständig neue Unwahrheiten und schreckliche Details aus den Medien erfahren."

Deswegen seien sie da, sagen die Neffen im Landgericht Kiel. "Die Blutspuren unseres Onkels auf dem Gelände in Altenholz beweisen nicht, dass seine Leiche dort ist", sagt der eine. "Aber wir glauben Steffen R."

insgesamt 2 Beiträge
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turo 06.06.2012
1. .
Es sollte bei der ganzen Geschichte berücksichtigt werden, dass der Exrocker die ganze Sache nur vom Hörensagen anderer Hells Angels Mitglieder kennt. Was ist, wenn die ihm Märchchen erzählt haben. Eine Leiche wurd noch nicht gefunden. Erfahrene Kriminalisten wissen, dass man Aussagen von Leuten wie "Kugelblitz" mit der "sogenannten "Kneifzange" anfassen mnuss.
MrStoneStupid 06.06.2012
2. Deutschland soll besser werden
Ich wünsche "Kugelblitz" Steffen R. viel Glück - mit seiner Aussage hat er einiges gut gemacht, sich ein neues Leben verdient. Ich wünsche den Ermittlern viel Erfolg bei der Ermittlung gegen Verbrecher und korrupte Staatsfeinde. Möge Deutschland schnell besser werden, mögen noch viele Wahrheiten aufgedeckt werden. Angesichts der möglichen Verwicklung auch von Anwälten und Beamten halte ich verdeckte Ermittlungen auch durch Staats- und Verfassungsschutz für notwendig. (imho)
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