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11. Februar 2019, 17:19 Uhr

Prozess gegen Ku'damm-Raser

"Bei Rot über eine Ampel zu fahren, ist wie russisches Roulette"

Von Wiebke Ramm

Extreme Selbstüberschätzung, null Risikobewusstsein: Was eine Psychologin über einen Angeklagten im Berliner Raserprozess sagt, hilft der Verteidigung - bis die Expertin mit einer früheren Aussage konfrontiert wird.

Hamdi H. wirkt angespannt. Der 29-Jährige weiß, welche Hoffnungen seine Verteidiger auf die Aussage von Psychologin Jacqueline Bächli-Biétry setzen. Die Schweizerin ist Expertin zum Thema Autoraser. Mit ihr hat Hamdi H. fünf Stunden lang geredet. Nur über jene Nacht im Februar 2016, als er einen Menschen getötet hat, wollte er nicht mit ihr sprechen. Doch was er sagte, reichte der Psychologin, um vor dem Landgericht Berlin zu dem Schluss zu kommen: "Er ist sicher einer der extremsten Fälle, die ich bisher gesehen habe."

Am 1. Februar 2016 rasten Hamdi H. und der Mitangeklagte Marvin N. gegen 0.40 Uhr mit ihren Autos über den Berliner Ku'damm. Sie lieferten sich ein Wettrennen. An einer Ampelkreuzung krachte Hamdi H. mit seinem Audi in den Wagen eines Rentners. Der Mann überlebte den Crash nicht. Die Anklage gegen Hamdi H. und Marvin N. lautet auf Mord. Die Verteidiger gehen von fahrlässiger Tötung aus.

Es geht um Fragen wie: Haben Hamdi H. und Marvin N. ihre Fahrkünste grenzenlos überschätzt und es nicht einmal für möglich gehalten, dass sie Menschenleben aufs Spiel setzen, wenn sie mit bis zu Tempo 160 über den Ku'damm rasen? War ihnen das Risiko bewusst, aber gleichgültig, weil sie Spaß haben wollten? Das Erste könnte als fahrlässige Tötung mit maximal fünf Jahren Haft bestraft werden, das Zweite als Mord mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Jacqueline Bächli-Biétry ist Verkehrspsychologin. Seit bald 20 Jahren beschäftigt sie sich mit der Psyche von Rasern. Diese seien fast immer männlich, jung und in schwierigen Lebenssituationen. Das treffe auch auf Hamdi H. zu. In den Neunzigerjahren floh der Angeklagte mit Eltern und Geschwistern aus dem Kosovo nach Deutschland.

Sein Berufswunsch Kfz-Mechatroniker erfüllte sich nicht. Er holte seinen Hauptschulabschluss nach, war zuletzt arbeitslos. "Er ist ein typischer Fall", sagt die Psychologin. Beruflich habe es nicht geklappt, deshalb habe Hamdi H. sich über sein Auto definiert und sein Selbstbewusstsein primär aus seiner Fahrkunst gezogen, die er allerdings extrem überschätze. Seinen Audi A6 TDI mit 225 PS habe er geliebt.

Mehr als 20 Verkehrsordnungswidrigkeiten sind in H.s Akte vermerkt, zudem Fahrerflucht, Tankbetrug, Nötigung im Straßenverkehr und ein Unfall nach einem Überholmanöver mit überhöhter Geschwindigkeit. Zweimal musste Hamdi H. seinen Führerschein abgeben. 2015 wurde er wegen schweren Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Verkehrsregeln gelten nur für die anderen, sagt der Angeklagte zur Psychologin

Über den tödlichen Zusammenstoß in Berlin hat die Psychologin im Detail nicht mit ihm gesprochen. Hamdi H. sagt, er könne sich an das Geschehen nicht erinnern. Bächli-Biétry hält das für eine Schutzbehauptung. Ob es denn denkbar sei, dass er in jener Nacht über den Ku'damm gerast sei und rote Ampeln ignoriert habe, wie es in der Anklage stehe, fragte sie ihn. "Ja, ich halte das für denkbar", habe Hamdi H. gesagt. Er sei mehrfach Rennen gefahren, rote Ampeln hätten ihn nicht interessiert.

"Bei Rot über eine Ampel zu fahren, ist wie russisches Roulette", habe sie ihm gesagt. Er sei ja nie tagsüber, sondern nur nachts so gefahren, wenn wenig Verkehr herrsche, habe H. entgegnet. Berlin sei seine Stadt, die kenne er. Zudem gälten Verkehrsregeln nicht für ihn, sondern nur für alle anderen, die nicht so gut fahren könnten wie er.

Video: Illegale Raserei in Berlin - tödliche Geschwindigkeit

Es ist eine Aussage ganz im Sinne der Verteidigung. Hamdi H. und Marvin N. wurden 2017 trotzdem wegen Mordes verurteilt. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil wegen Rechtsfehlern auf. Ein zweiter Anlauf scheiterte wegen eines Befangenheitsantrags.

Der Prozess musste wieder von vorn beginnen. Seit November 2018 verhandelt in der Sache nun die 32. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Matthias Schertz. Alle Zeugen werden noch einmal gehört, auch die Psychologin. Diesmal spricht sie nicht auf Antrag der Verteidigung, diesmal hat sie das Gericht selbst als sachverständige Zeugin geladen.

Bächli-Biétrys Gespräch mit Hamdi H. ist gut zwei Jahre her. Es kam auf Antrag seiner Verteidiger zustande. Bächli-Biétry trug ihr Gutachten schon im ersten Prozess 2017 vor. Was sie nun sagt, sagte sie auch schon damals: Hamdi H. neige zu extremer Selbstüberschätzung und habe geglaubt, die Situation jederzeit im Griff zu haben. Ein Risiko für sich und andere habe er nicht gesehen, das wiederholt die Expertin mehrfach. Wenn dem so war, kann Hamdi H. auch nicht den Tod eines Menschen in Kauf genommen haben.

Die Expertin gerät ins Schwimmen

Dann aber ergreift Staatsanwalt Christian Fröhlich das Wort. Er konfrontiert die Zeugin mit einem Interview, das sie 2018 "Zeit Online" gegeben hat. Ihre Worte dort klingen nach dem Gegenteil dessen, was sie nun vor Gericht sagt.

In dem Interview heißt es, bei Hamdi H. und Marvin N. könne man davon ausgehen, "dass sie durch ihr rücksichtsloses Verhalten den Tod anderer in Kauf nehmen. Somit waren aus meiner Sicht die Verurteilungen wegen Mordes durchaus gerechtfertigt."

Bächli-Biétry gerät ins Schwimmen, sagt, sie habe sich unglücklich ausgedrückt. Das seien juristische Fragestellungen und gar nicht ihr Gebiet. Sie bleibe dabei, was in ihrem Gutachten stehe: Hamdi H. habe sich tatsächlich überschätzt - und weder damit gerechnet, sich selbst noch andere zu gefährden.

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