Prozess gegen Ku'damm-Raser Provokationsaufheulgeräusch

Ein Raser streift mit seinem PS-Boliden durch die Stadt, fordert andere mit Motorgeheul zu Autorennen auf - so sieht ein Zeuge einen der Ku'damm-Fahrer, die wegen Mordes vor Gericht stehen. Deren Verteidiger säen Zweifel.

Einer der Angeklagten mit Anwälten beim Gerichtstermin am 19.11.
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Einer der Angeklagten mit Anwälten beim Gerichtstermin am 19.11.

Von Wiebke Ramm, Berlin


Hat einer der angeklagten Ku'damm-Raser schon kurz vor dem tödlichen Autorennen einen Arzt aus Hamburg zu einem Rennen provozieren wollen? Die Verteidiger von Marvin N. versuchen am Montag vor Gericht, die Aussage des Arztes auseinanderzunehmen. Der Hamburger aber bleibt dabei, es sei das Auto ihres Mandanten, Marvin N., gewesen, das ihn in jener Nacht schließlich "mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit" überholt habe.

Marvin N. muss sich zusammen mit seinem Bekannten Hamdi H. wegen Mordes vor Gericht verantworten. Es ist derdritte Anlauf in dem Verfahren gegen die beiden jungen Männer, die mit etwa 160 Stundenkilometern nachts über den Berliner Kurfürstendamm rasten - ein illegales Rennen, bei dem ein Unbeteiligter ums Leben kam.

Für einen Kurztrip war der Zeuge Fabian S. in der Nacht auf den 1. Februar 2016 von Hamburg nach Berlin gefahren. Es müsse gegen 0.36 Uhr gewesen sein, sagt der Arzt vor der 32. Strafkammer des Landgerichts Berlin, als er in Richtung Adenauerplatz am Kurfürstendamm gefahren sei.

Er sei noch einige Hundert Meter von dem Platz entfernt gewesen, als er hinter sich lautes Motorengeräusch wahrgenommen habe. "Provokationsaufheulgeräusch" nennt Fabian S. es vor Gericht. Es habe geklungen, als spiele ein Fahrer mit dem Gaspedal. Er verstand es als Aufforderung zu einem Autorennen. Er ging nicht darauf ein.

Der Arzt kennt das schon. Der 50-Jährige fährt einen auffälligen, einen teuren Sportwagen, einen Aston Martin Vantage. Andere Autofahrer versuchten immer mal wieder, ihn zu einem Wettrennen herauszufordern, sagt er. Ob er damals in den Rückspiegel geschaut habe, wisse er nicht mehr. Was er noch weiß, ist, dass ihn im nächsten Moment ein "schneeweißer Mercedes CLA 45 AMG" mit einem wahnsinnigen Tempo rechts überholt habe.

Teure Leidenschaft für Autos

Das wisse er so genau, weil er selbst mal an einem solchen Auto interessiert gewesen und es ein, zwei Jahre vor dem Vorfall Probe gefahren sei. Fahrer und Nummernschild habe er nicht erkannt. "Dafür war das viel zu schnell." Er schätzt, dass der Mercedes mit gut 130 km/h an ihm vorbeigerast sei. Am nächsten Tag habe er im Internet Berichte über einen Unfall gesehen und auf Fotos das Auto wiedererkannt, das ihn in der Nacht überholt hatte. Ein paar Wochen später meldete er sich als Zeuge bei der Polizei.

Der Verteidiger von Martin N., Rainer Elfferding, hält ihm seine Aussage vor, die der Polizist damals protokolliert hat. Von einer Probefahrt in einem Mercedes CLA 45 AMG steht da nichts. Der Arzt erklärt es mit hanseatischer Zurückhaltung. Möglicherweise habe er aus Rücksicht auf seinen Gesprächspartner nichts von seiner teuren Leidenschaft gesagt, sagt er.

Ob er sich noch an die Hauptverhandlung im August erinnere, fragt Verteidiger Elfferding weiter. "Selbstverständlich", sagt der Zeuge, "da haben Sie mich Krawallzeuge genannt." Im August hatte der Prozess nach erfolgreicher Revision der Verteidigung schon einmal von vorn begonnen. Der Bundesgerichtshof hatte eine erste Verurteilung wegen Mordes aufgehoben. Nach einem Befangenheitsantrag gegen die Richter endete die zweite Hauptverhandlung vorzeitig. Im November begann nun der Neustart vor der 32. Strafkammer unter Vorsitz von Matthias Schertz.

Elfferding fragt nach dem genauen Ort, an dem das Überholmanöver geschehen sein soll. Der Zeuge wiederholt nicht zum ersten Mal, dass es möglicherweise auf der Neuen Kantstraße war, was er aber bloß schlussfolgere. Elfferding lässt nicht locker. Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra verliert irgendwann die Geduld. "Der Zeuge hat die Stelle so gut wie möglich eingeschränkt, was wollen Sie noch?", blafft er. Der Zeuge wird entlassen. Elfferding gibt eine Erklärung ab.

War Marvin N. nördlich des Ku'damms?

"Krawallzeuge" nennt er den Arzt an diesem Tag nicht. Aber er erinnert an die Aussage der damaligen Beifahrerin seines Mandanten. Olesya K. hatte ein paar Verhandlungstage zuvor gesagt, dass Marvin N. sie an dem Abend mit seinem Auto an der Bülowstraße abgeholt und am Ku'damm zum Essen ausgeführt habe. Um von der Bülowstraße zum Ku'damm zu kommen, muss man immer nur geradeaus fahren. Das hätte Marvin N. getan, Umwege sei er nicht gefahren. Die Neue Kantstraße liegt nördlich des Ku'damms. "Nach Aussage der Beifahrerin hat sich mein Mandant in jener Nacht überhaupt nicht nördlich des Ku'damms aufgehalten", sagt Elfferding.

ABIX

Wenige Minuten nach dem Erlebnis von Fabian S. lieferten sich Marvin N. und sein Bekannter Hamdi H. ein Rennen auf dem Ku'damm. Am Ende war ein Unbeteiligter tot. Michael Warshitsky war mit seinem Jeep bei Grün auf die Tauentzienstraße, eine Verlängerung des Kurfürstendamms, gefahren. Hamdi H. raste mit seinem Audi erst in den Jeep, dann touchierte er mit seinem Auto den Mercedes von Marvin N.

Der Student Timon W. war einer der Ersten an der Unfallstelle. Es habe wie ein Trümmerfeld ausgesehen, sagt der 32-Jährige am Montag vor Gericht. Ein junger Mann habe auf einer Bordsteinkante gesessen. "Er hatte keine Schuhe an", sagt W., "sein Gesicht war blutüberströmt." Es war Hamdi H. Timon W. sprach Hamdi H. an. "Er stand unter Schock", sagt W. Er habe immer wieder denselben Satz gesagt: "Wie konnte das passieren? Wie konnte das passieren?" W. bat einen anderen Ersthelfer, Hamdi H. zu beruhigen, dann ging er zum Fahrer des Jeeps.

Der 69-Jährige war in seinem Wagen eingeklemmt. Das Verdeck des Autos hatten schon andere Helfer entfernt. Michael Warshitsky habe schwer geatmet und auf nichts mehr reagiert. Timon W. blieb bei ihm, sprach zu ihm, bis die Sanitäter kamen. Wenig später war Michael Warshitsky tot.

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