Kuhglocken-Prozess in München "Wer keine Kühe mag, muss nicht aufs Land ziehen"

In Oberbayern stört sich ein Zugezogener am Lärm der Kuhglocken. Weil er vor Gericht verliert, will nun seine Frau klagen. In der Region fürchten manche um den Verlust ihrer Traditionen.

Kühe mit Glocken in Bayern
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Kühe mit Glocken in Bayern

Von , München


Für Sebastian Urban geht es um nicht weniger als den "Erhalt der bayerischen Lebenskultur". Zu den Kühen im Voralpenraum gehörten nun einmal Glocken, findet er. "Das ist einfach schön und bei uns einfach Brauch." Er sei ins Landgericht München II gekommen, um die kleinen Bauern aus der Region, die oft noch Familienbetriebe seien, zu unterstützen, sagt Urban. Er ist selbst auf einem Bauernhof im Süden Oberbayerns groß geworden.

Wie einige andere wartete Urban im Gericht auf ein Urteil in einem langjährigen skurrilen Nachbarschaftsstreit. Ein Mann aus Holzkirchen im Landkreis Miesbach klagte gegen eine Bäuerin, deren Kühe vor seinem Haus weiden. Dabei ging es ihm vor allem um den Lärm der Kuhglocken. Zudem sei der Kuhgestank unerträglich. Eine Lokalzeitung sprach vom "Glockenkrieg von Holzkirchen".

Da weder Kläger noch Beklagter erschienen waren, wurde das Urteil am Vormittag zunächst gar nicht verlesen - zur großen Enttäuschung Urbans. Später durfte er sich doch noch freuen. Das Gericht teilte am Nachmittag mit, es habe die Klage abgewiesen.

Der zugezogene Kläger hatte 2015 einem Vergleich vor dem Amtsgericht Miesbach zugestimmt, der den Glockenlärm reduzieren sollte - der Kompromiss hatte aus Sicht des Klägers jedoch nicht die gewünschte Wirkung. Das Landgericht sah den Vergleich aus der Vergangenheit nun jedoch als bindend an.

"Dann kämen auch keine Touristen mehr"

In Holzkirchen dürften viele über die Entscheidung jubeln. Die Kuhglocken waren in der Region ein Reizthema. Während des Prozesses gab es im Gericht Zwischenrufe. Selbst der örtliche Bürgermeister hatte sich in den Zwist eingemischt, von einer Tradition in der Region gesprochen. Die Gemeinde verpachtet das Grundstück an die Bäuerin Regina Killer - und will dies auch gerne weiter tun.

Killer ließ sich bei einem Verhandlungstermin im Oktober von den Prozessbesuchern als Vorkämpferin des Brauchtums feiern. Sie machte deutlich, dass ein Verzicht auf die Glocken keinesfalls infrage komme. Es gehe nicht nur um sie und ihre Kuhglocken. "Wenn es so weitergeht, ist Bayern am Ende. Dann kämen auch keine Touristen mehr", sagte die Landwirtin unter Beifall.

Tatsächlich gab es in Südbayern in den vergangenen Jahren immer wieder Beschwerden über Kuhglocken; mitunter landeten die Fälle vor Gericht. So etwa in Bad Reichenhall. Dort endete eine Klage mit einem Vergleich, der das Tragen der Glocken deutlich einschränkte. 2015 gab es eine - für den ländlichen Raum - regelrechte Großdemo gegen ein gerichtlich verhängtes Glockenverbot. 150 Menschen zogen lautstark durch das bei Touristen beliebte Städtchen. In Rottach-Egern beschäftigte sich in diesem Jahr sogar der Gemeinderat mit der Beschwerde über zu laute Kuhglocken. Doch auch dort sieht man keinen Handlungsbedarf.

"Warum brauchen Kühe denn unbedingt Glocken?"

Peter Hartherz, der Anwalt des klagenden Hausbesitzers in Holzkirchen, fragt dagegen: "Warum brauchen Kühe denn unbedingt Glocken?" Sein Mandant habe der Gegenseite vorgeschlagen, die Tiere mit GPS auszustatten, sagt Hartherz.

Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Schließlich argumentieren Glocken-Befürworter außer mit Heimatliebe und dem Tourismus auch damit, dass sich Tiere mit Glocken leichter finden lassen. Das lässt sich auch mit GPS bewerkstelligen. In Österreich war so zuletzt ein Nachbarschaftsstreit über angeblich zu laute Glocken gütlich beigelegt worden. Doch Bäuerin Killer wollte kein GPS.

Für Kuhglockenfan Urban ist ohnehin klar: "Wer keine Kühe mag, muss nicht aufs Land ziehen." Eine Ursache für die Zunahme solcher Streitereien: Seit Jahren zieht eine große Zahl meist wohlhabender Menschen aus anderen Teilen Deutschlands in das für seine schönen Wälder, Almen, Seen und Berge bekannte Alpenvorland südlich von München.

Manche Kinder von Einheimischen müssen dagegen wegen der explodierenden Grundstückspreise wegziehen. Immer wieder gibt es deshalb auch Auseinandersetzungen über krähende Hähne und zu laute Glocken - bei Kirchen und Kühen.

Auch der Holzkirchener Fall ist noch nicht vorbei, sondern geht wohl schon bald in eine neue Runde. Die Frau des Glocken-Gegners hat nun ihrerseits Klage eingereicht.



insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
cpt.z 14.12.2017
1. Ich denke auch...
das man ein gewisses Maß an Landwirtschaftslärm und Geruch hinnehmen muss, wenn man in ein Haus neben einem landwirtschaftlichen Betrieb zieht. Das ist ja am End nichts anderes als eine Einflugschneise oder eine Bahnstrecke. Man weiß es halt vorher. Aber bei den Glocken muss ich schon sagen - Brauchtum hin oder her - aber das kann man heutzutage eben doch mit GPS lösen. Das ist auch gesünder für die Kühe, die ja am meisten von dem Lärm abbekommen...
ambulans 14.12.2017
2. yep,
das hat was: ein landbewohner namens "urban" (lat.: "urbs" stadt, "urbanus" städtisch) verteidigt das traditionelle baierische landleben mit kuhglocken, frühmorgendlichem hahn aufm mist, kirchenglocken!, "nebengeräusche" vom schnuckeligen biergarten nebenan, usw. - also so gut wie alles, weshalb man dem herrgott sein weißblaues land sich als refugium normalerweise so aussucht - gegen ehemalige städter (sicherlich aus minge). gottseidank gibts ja da noch das gute alte (leider nicht mehr königliche) baierische amtsgericht, und das hat hier - recht gesprochen ... pfiat euch, dr. ambulans (alle kassen)
butzibart13 14.12.2017
3. Kling, Glocke, klingelingeling
Hat man jemals eine Kuh auf Tinnitus untersucht? Dies wäre doch eine perfekte Studie für den Ig-Nobelpreis. Aber mal ernsthafter, haben mal irgendwelche Tierschützer wie Peta usw. nach dem Wohlergehen der Kuh gefragt? Ich lass mal bewusst außer acht, ob das Gebimmele den Menschen nervt oder nicht.
wallaceby 14.12.2017
4. Tja, es hat sich eben Nichts geändert...
Sorry, aber der "Saupreiss" lebt einfach, und lässt sich auch nicht so einfach wegzaubern! Wer von "ausserhalb" nach Bayern zieht, weil er es hier so schön findet, der sollte bitteschön nicht auch noch Forderungen stellen, geschweige denn vor's Gericht zu ziehen, weil ihm etwas zu laut ist, oder zu streng riecht! Es ist zwar einerseits ein eher skuriles Thema, aber auf gewisse Weise verkörpert es doch im Kleinen einen Umstand, den man ansonsten nur im grösseren, sprich im Gesamtdeutschen diskutiert: nämlich eine unter Druck geratene einheimische Bevölkerung, die sich buchstäblich neu hinzugekommenen und teilweise als "Eindringlingen" empfundenen, gegenüber sieht, weil diese kackfrech sofort juristische Mittel bemühen, um ihren Willen hier durchzusetzen! Tja, wer glaubt, seine eigenen gewünschte Rechtsprechung hier gegen die "Urbevölkerung" durchsetzen zu müssen, sollte wirklich lieber erst gar nicht hier her ziehen! Bayern wurde die letzten Jahrzehnte in Wahrheit schon von allen möglichen nichtbayerischen Einflüssen regelrecht zersiedelt bzw. verwässert! In München spricht angeblich nur noch ein Prozent der Bevölkerung bayerisch. Und man kann diesen Effekt mittlerweile in den kleinsten bayerischen Gemeinden und Orten feststellen, und man buchstäblich überall durch "Zugezogene" eine homogene bayerische Identitätät auf dem Rückzug sieht! Die bayerische Sprache stirbt langsam aus, und man muss es scheinbar hinnehmen, dass Figuren wie dieser Kläger hier immer kackfrecher werden! Ich bedauere das extrem, weil es eben schon eine fundamental wichtige Sache im Leben Bayerns ist! Da können jetzt alle Nichtbayern jolen und maulen wie sie wollen: Fakt ist, Bayern wird in der Tat mit "Fremden" regelrecht überschwemmt, denen es hier ausgesprochen gut gefällt. Und da sind "Flüchtlinge" noch gar nicht mit dazu gerechnet, die ja auch zum Grossteil hier in Bayern landen! Lustig auch gerade deshalb immer wieder, wenn erst frisch hergezogene Menschen aus allen möglichen Teilen Deutschlands die einheimische Bevölkerung scheinbar für nicht ganz helle hält und sogar extrem "ausg'schamt" vor den Kadi zieht! Deshalb gilt anscheinend immer noch: der Saupreiss ist leider nicht "kleinzukriegen" bzw. einzudämmen hier im Bayernland!
febra 14.12.2017
5. Das sind die gleichen Idioten
die an einen Sportplatz ziehen und sich dann über Training und Spiele beschweren. Und irgendwelche durchgeknallten Richter geben denen noch Recht.
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