Fall Kusel Staatsanwaltschaft geht von gemeinschaftlichem Mord an Polizisten aus

Die zwei festgenommenen Tatverdächtigen sind in Untersuchungshaft. Sie sollen die beiden Polizisten mit einer Schrotflinte und einem Jagdgewehr erschossen haben.
Kreisstraße 22: Die Polizei sperrte am Montag den Tatort ab

Kreisstraße 22: Die Polizei sperrte am Montag den Tatort ab

Foto: RONALD WITTEK / EPA

Die beiden am Montag festgenommenen Tatverdächtigen sollen die beiden Polizisten, die in der Nähe von Kusel bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurden, gemeinschaftlich ermordet haben. Beide Opfer wurden per Kopfschuss getötet. Die Tatverdächtigen befinden sich in Untersuchungshaft. Das teilte die Staatsanwaltschaft bei einer Pressekonferenz mit.

Laut Staatsanwaltschaft sollen die 32 und 38 Jahre alten Festgenommenen in der Nacht von Sonntag auf Montag mit einem Kastenwagen unterwegs gewesen sein und gewildert haben. Als die beiden Polizisten die Männer kontrollierten, sollen diese auf die Polizisten geschossen haben – die 24-jährige Polizistin soll mit einem Schuss einer Schrotflinte erschossen worden sein. Ihr 29 Jahre alter Kollege soll mit vier Schüssen eines Jagdgewehrs getötet worden sein. Beide Tatverdächtigen sollen geschossen haben.

Polizist feuerte sein gesamtes Magazin ab

Die beiden Polizisten waren uniformiert in einem Zivilfahrzeug unterwegs gewesen, weil eine Fahndungsmaßnahme im Landkreis lief. Dabei stießen diese laut Staatsanwaltschaft zufällig auf den Kastenwagen. Per Funk teilten die Polizisten mit, sie hätten »dubiose Personen« festgestellt. Der ganze Kofferraum sei voller Wildtiere. Außerdem hätten sie Unterstützung angefordert und eine Personenkontrolle durchführen wollen.

Zwei Minuten später funkten die Beamten einen Hilferuf: »Komm schnell, die schießen, die schießen, kommt schnell!« Etwa zehn Minuten später seien die Unterstützungskräfte eingetroffen. Sie hätten die junge Polizistin vor dem Zivilfahrzeug tot aufgefunden. Ihr Kollege habe schwer verletzt hinter dem Auto gelegen und sei nicht mehr ansprechbar gewesen. Er habe noch 14 Schüsse auf die mutmaßlichen Täter abgefeuert, sein gesamtes Magazin. Die jüngere Kollegin habe nicht geschossen, sie sei »arglos« gestorben.

Die getötete Polizeianwärterin stand nach Angaben der Ermittler kurz vor dem Ende ihrer Ausbildungszeit. Sie habe alle Ausbildungs- und Trainingseinheiten absolviert.

Der 38 Jahre alte Tatverdächtige schweigt laut Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen. Der 32-Jährige habe den Vorwurf der Wilderei eingeräumt, bestreite aber, geschossen zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die beiden Beschuldigten mit der Tötung der beiden Polizisten verhindern wollten, dass ihre Jagdwilderei ans Licht komme. Hinweise auf eine extremistische Orientierung, eine politisch motivierte Tat oder Verbindungen der Verdächtigen in die sogenannte Reichsbürgerszene lägen bislang nicht vor.

Weil das private Umfeld der beiden Männer »eher brüchig« sei, und auch die wirtschaftliche Situation »alles andere als geordnet«, bestehe Fluchtgefahr.

Eingestellte Ermittlungen wegen Wilderei gegen Tatverdächtigen S.

Zuvor hatte der SPIEGEL berichtet, dass die Polizei in der Wohnung von S. ein Waffenarsenal mit mehreren Langwaffen gefunden hatte. Außerdem hatte er einmal einen Jagdschein und eine Waffenbesitzkarte besessen – die ihm aber aberkannt worden waren. Zeitpunkt und Grund der Aberkennung wurden nicht bekannt.

S. war mehrmals innerhalb der Saarlands umgezogen und schon öfter mit Behörden und der Polizei in Konflikt gekommen. Unter anderem war gegen ihn wegen Wilderei ermittelt worden, wie der SPIEGEL erfuhr. Das Verfahren war jedoch eingestellt worden. Außerdem ermittelte die Polizei wegen Insolvenzverschleppung gegen S. Er betrieb einen Wildhandel und eine Traditionsbäckerei, die im Frühjahr 2020 Insolvenz anmelden musste.

Öffentliche Fahndung und Festnahme am Montag

Die Polizei hatte am Montagnachmittag öffentlich nach S. gefahndet, seinen Namen und ein Foto von ihm veröffentlicht. Wenige Stunden später verhafteten Beamte S. und einen zweiten Tatverdächtigen im saarländischen Sulzbach.

Die Tat hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb auf Twitter: »Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der beiden jungen Opfer.« Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte von einer »Hinrichtung« gesprochen und versprochen, alles zu tun, »um die Täter dingfest zu machen«.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin, Malu Dreyer (SPD), schrieb auf Twitter von einer »entsetzlichen Tat«. Auch die designierten Bundesvorsitzenden der Grünen, Ricarda Lang und Omid Nouripour, sowie CDU-Chef Friedrich Merz hatten ihre Anteilnahme bekundet.

has/dpa
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