Erschossene Polizisten in Rheinland-Pfalz Gegen 4.20 Uhr stoppen sie den Wagen – kurz darauf sind sie tot

Die Bluttat von Kusel schockiert das Land. Am Tatort findet die Polizei offenbar den Personalausweis eines Verdächtigen. Am Nachmittag spürt sie den Mann und einen mutmaßlichen Komplizen auf. Was über die beiden bekannt ist.
Polizeiwagen auf der Straße, die zum Tatort führt.

Polizeiwagen auf der Straße, die zum Tatort führt.

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

In der Nacht von Sonntag auf Montag fährt eine Zivilstreife der Polizei auf einer Kreisstraße in der Nähe der Ortschaft Kusel, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Kaiserslautern.

Im Wagen sitzen zwei Polizisten: ein 29 Jahre alter Oberkommissar, ein erfahrener Beamter. Neben ihm sitzt eine 24-jährige Polizeistudentin, sie macht ein Praktikum in der Polizei-Inspektion. Im April soll sie ihren Abschluss machen, sie wäre dann Kommissarin. Beide tragen Uniform und Schutzwesten.

Um 4.20 Uhr halten sie ein Fahrzeug an. Eine Verkehrskontrolle. Die beiden informieren die zuständigen Kollegen, sie hätten totes Wild im Kofferraum des Wagens entdeckt.

Kurz darauf gellen mehrere Schüsse durch die Luft.

Einer der beiden Polizisten setzt noch einen Funkspruch ab: »Die schießen!«

Als Rettungskräfte und weitere Polizeistreifen eintreffen, ist die junge Kommissaranwärterin tot. Ihr Kollege stirbt kurz darauf. Von den Tätern fehlt zunächst jede Spur – es ist nicht mal klar, in welche Richtung der Fluchtwagen gefahren ist.

Die Polizei sperrt die Kreisstraße, sichert Spuren und beginnt zu ermitteln, schockiert vom Tod der Kollegin und des Kollegen. Am Morgen äußern sich Politikerinnen und Politiker bestürzt: »Diese Tat erinnert an eine Hinrichtung«, sagt Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Auch die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), zeigt sich erschüttert. »Die Tat ist entsetzlich«, teilt sie mit.

Polizei schrieb den Inhaber eines Wildhandels zur Fahndung aus

Am frühen Nachmittag schreibt die Polizei einen Mann öffentlich zur Fahndung aus: Der 38 Jahre alte Andreas S. steht unter Tatverdacht, die Polizistin und den Polizisten getötet zu haben. Er ist den Sicherheitsbehörden nach SPIEGEL-Informationen nicht als Extremist bekannt. Er betreibt laut SPIEGEL-Recherchen seit 2017 einen Wildhandel rund 50 Kilometer südwestlich vom Tatort entfernt.

Der Verdächtige betrieb außerdem eine Traditionsbäckerei. Er ist offenbar gut ins dörfliche Leben integriert: In einem Lokalmedium war er abgebildet, weil er Backwaren und Wurst an eine örtliche Tafel gespendet hatte.

Die Bäckerei meldete Insolvenz an

Möglicherweise hatte S. in der Vergangenheit jedoch Geldprobleme. 2019 warf ein Gewerkschafter ihm vor, offene Lohnforderungen über Monate nicht bezahlt zu haben. Er bestritt die Vorwürfe – meldete allerdings im März 2020 Insolvenz an. Zwischenzeitlich trat er die Geschäftsführung an seine Frau ab. Der Betrieb blieb erhalten, im März 2021 übernahm er wieder als Geschäftsführer. Eine Rechtsanwaltskanzlei, die sich auch mit Insolvenzrecht beschäftigt, hatte entsprechende Informationen auf ihrer Website veröffentlicht, löschte diesen Eintrag jedoch im Laufe des Montags.

Gegen halb sechs am Montagabend meldet die Polizei schließlich: S. ist in Sulzbach festgenommen worden. Die Polizei hatte offenbar am Tatort seinen Personalausweis gefunden, vielleicht war das Dokument bei der Kontrolle durch die Polizisten heruntergefallen. Am Nachmittag hatten die Beamten zwei Objekte in der Sulzbacher Bahnhofstraße durchsucht. Nach SPIEGEL-Informationen stand dort das mit Einschusslöchern beschädigte Auto von Andreas S.

Sowohl S. als auch ein 32-jähriger mutmaßlicher Komplize von S. wurden dort festgenommen. Der war unter anderem ins Visier der Ermittler geraten, weil er nach SPIEGEL-Informationen nach der Tat die Ehefrau von Andreas S. anrief. Bei den Durchsuchungen wurden nach Angaben der Polizei auch Schusswaffen sichergestellt. S. soll am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Der Schock über das Verbrechen ist groß – auch weil solche Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten in Deutschland sehr selten sind. Mögliche Hintergründe und Motive für die Bluttat bleiben am Montag unklar.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Tatverdächtige S. solle am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Tatsächlich soll das am Dienstag passieren. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.

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